Bei einem bundesweiten Frauenstreik soll Österreich am 3. Mai 2027 zu spüren bekommen, was passiert, wenn Frauen die Arbeit niederlegen.
Ein Gespräch mit Elisabeth Klatzer und Anna Majcan über Care-Debatten und Rezepte gegen die Ohnmacht.
Von Laura Helene May
Frauenstreiks haben eine lange, machtvolle Geschichte. In der Schweiz führte ein Streik von einer halben Million Frauen am 14. Juni 1991 zu zahlreichen gesetzlichen Verbesserungen. Am 24. Oktober 1975 legten neunzig Prozent der Frauen in Island das Land lahm, heute ist dort die Geschlechtergerechtigkeit weltweit am größten. In Argentinien demonstriert die „Ni Una Menos“-Bewegung wiederholt ihre Schlagkraft.
Ein breit vernetztes, dezentrales Bündnis will Frauen nun auch quer durch Österreich animieren, am 3. Mai zu streiken – und auch darüber hinaus feministisch aktiv zu werden. „Zeit. Geld. Gerechtigkeit. Wofür streikst du?“, ist auf der Website von FRAUENStreiken zu lesen. an.schläge hat zwei Frauen aus dem Organisationsteam zum Gespräch getroffen: Elisabeth Klatzer, Wirtschafts- und Sozialwissenschafterin aus Wien, und Anna Majcan, Geschäftsführerin des Grazer Frauenrats.
an.schläge: Der erste dokumentierte Frauenstreik in Österreich fand am 3. Mai 1893 statt. Nach der Kündigung der 17-jährigen Amelie Ryba schlossen sich die Mitarbeiterinnen einer Textilfabrik in Wien zusammen und erreichten ihre Wiedereinstellung sowie bessere Arbeitsbedingungen. Warum müssen wir heute noch streiken?
Anna Majcan: Jetzt, 133 Jahre später, leben wir in einer ganz anderen Gesellschaft. Theoretisch haben wir gleiche Rechte, in der Realität sind wir aber meilenweit davon entfernt. Wir fordern: Kein weiter wie bisher mit der patriarchalen Weltordnung! Wir wollen zeigen, dass unsere Gesellschaft keinen Tag ohne Frauen funktioniert und welche Macht Frauen haben, wenn sie sich über Grenzen von Klasse, Parteien und Wohnort hinweg verbinden.
Der Bundeskanzler sagte auf seiner Sommertour, Kinderbetreuung sei für ihn keine unbezahlte Arbeit. Geben euch solche Kommentare Aufwind?
Majcan: Ja, dieser Satz hat gezeigt, wie wichtig das Vorhaben des Aktionsbündnisses FRAUENStreiken gerade jetzt ist. Wir wollten diese Geringschätzung von Frauen und ihrer Arbeit nicht auf uns sitzen lassen, deswegen haben wir spontan zu einer Demo vor dem Bundeskanzleramt aufgerufen. Die Wut war groß, rund tausend Menschen haben sich trotz Hitze versammelt und protestiert. Gemeinsam und öffentlich Widerspruch zu zeigen und für unsere Ziele einzustehen, war wirklich bestärkend.
Müssen wir das ganze Land lahmlegen, damit uns jemand zuhört?
Elisabeth Klatzer: Wir haben es auf sanftere Art probiert. Es gab zwei Volksbegehren, Massenmobilisierungen und fast eine halbe Million Unterschriften. Das Parlament hat unsere Forderungen nie umgesetzt – jetzt kommt der nächste Schritt. Wir wollen, dass alle die Kraft und Dynamik unserer Bewegung sehen und zeigen, dass unsere Macht nicht von der Politik abhängt. Es brodelt unter Österreichs Frauen.
Was sind die Kernanliegen des Streiks?
Klatzer: Zeit, Geld und Gerechtigkeit. Immer noch gehen wenige Männer in Karenz, rund fünfzig Prozent der Frauen arbeiten in Teilzeit. Wenn Frauen unbezahlt und selbstverständlich Kinderbetreuung, Altenpflege und Haushalt übernehmen, haben sie vor allem keine Zeit. Keine Zeit für sich, keine Zeit für Karriere und keine Zeit für gesellschaftliches Engagement. Sie bleiben im Privaten und das sieht man auch an den Zahlen: Der Frauenanteil bei Bürgermeister*innen in Österreich liegt unter zwölf Prozent. Es ist höchste Zeit, die Hälfte der Macht in Frauenhände zu geben.
MAJCAN: In den größeren Städten ist die Lage oft besser, aber in ländlichen Regionen sind Kinderbetreuung und Care-Arbeit oft selbstverständlich Aufgabe der Frau. Wir wollen eine breite gesellschaftliche Debatte anzetteln. Wir wissen durch Zahlen und Studien genau, wo was schiefläuft. Ein Stichwort: Geld. Die geschlechtsspezifische Lohn- und Pensionslücke hier in Österreich ist riesig. Altersarmut ist weiblich. Die Unterbewertung von Frauenarbeit schlägt sich über das ganze Leben hinweg nieder. Viele Frauen sagen uns: „Ich habe lange darauf gewartet, dass wir Frauen streiken.“
Können Streiks langfristige gesellschaftliche Veränderungen anstoßen?
Majcan: In Island war der Frauenstreik von 1975 sehr erfolgreich und führte zu Gesetzesänderungen. Kurz nach dem Streik wählte Island erstmals eine Frau als Präsidentin, das war die erste gewählte weibliche Präsidentin weltweit. Und bis heute ist Island ein Vorbild. Im Ranking des Gleichstellungsindex führt das Land seit Jahren die Liste an, über neunzig Prozent der Väter gehen in Karenz. Island ist ein gutes Argument dafür, wenn mal wieder jemand sagt, ein Frauenstreik bringe doch nichts.
Eure Bewegung nennt sich FRAUEN*Streiken. Habt ihr euch bewusst dafür entschieden, euch nicht als feministisch zu bezeichnen? Wen inkludiert euer Frauenbegriff?
Majcan: Wir wollen auch Frauen abholen und inkludieren, die sich nicht aktiv als Feministinnen bezeichnen. Wir wollen sie mit allen FLINTA-Personen und über alle Unterschiede hinweg zusammenschließen, um dem Patriarchat die Stirn zu bieten. Wir wollen möglichst breit mobilisieren und gehen davon aus, dass wir mit FRAUEN* einen möglichst großen Nenner finden konnten, der auch für jede zu verstehen ist und nicht ausgrenzend wirkt. In Kombination mit dem Begriff „Streiken“ können auch andere Bezeichnungen eingesetzt werden, wie z. B. KÜNSTLERINNEN*Streiken. Abgesehen davon verteidigen wir den Stern als Hinweis auf ein intersektionales und vielfältiges Verständnis feministischer Bewegungen – nicht zuletzt deshalb, weil er als Symbol für Diversität zum Ziel von antifeministischen und queerfeindlichen Akteurinnen geworden ist.
Klatzer: Ich finde es wichtig, emanzipatorisch zu handeln. In den letzten Jahren beobachten wir, dass Begriffe wie Feminismus von rechts diffamiert werden und dann wird nicht mehr über Inhalte geredet, sondern es werden abstrakte Divergenzen aufgebaut. Uns geht es darum, Lebensrealitäten gerechter zu machen. Wir wollen ein gutes Leben für alle, abseits von Ablenkungsmanövern wie spalterischen Begriffsdebatten.
Sind Männer beim Frauenstreik willkommen?
Klatzer: Wir laden alle Männer ein, sich selbst zu organisieren. Es gibt auch für sie viel zu tun: Die Care-Arbeit übernehmen, Frauen unterstützen, spenden, die bestehenden Verhältnisse überdenken und verändern, solidarisch Position beziehen. Das Patriarchat ist bequem für viele. Es gibt aber auch viele Männer, die unsere Anliegen unterstützen. Sie sind Verbündete. Wir streiken für ein gutes Leben für alle!
Wie funktioniert die Organisation über Bundesländer hinweg?
Klatzer: Wir streben nach einem Minimum an Struktur und einem Maximum an Flexibilität. Wir sind in Arbeitsgruppen organisiert und haben eine gemeinsame Basis und Kernforderungen entwickelt. Gleichzeitig arbeiten Aktionsgruppen dezentral in den Bundesländern und wir bauen österreichweite Interessensgruppen auf. Alle sind angebunden an die Streikvernetzung. Wir schaffen eine nachhaltige Struktur, nicht nur einen Moment. In Österreich wird sich nicht alles allein durch den Streik am 3. Mai ändern. Unsere Struktur wird wichtig sein, um die Veränderung danach weiter voranzubringen.
Laut Studien braucht es 3,5 Prozent der Bevölkerung auf der Straße, um gesellschaftliche Veränderung zu bewirken. In Österreich wären das rund 330.000 Menschen. Wie groß wird der Frauenstreik?
Klatzer: Ich bin überzeugt, dass wir hunderttausende Frauen erreichen werden. Das heißt aber nicht, dass am 3. Mai auch tatsächlich alle streiken können. Wir setzen auf Vielfalt. Das heißt auch Vielfalt der Beteiligungsmöglichkeiten. Auf der Straße, abseits der Straße, offline und online, mit Bildern und Botschaften zu ihrer Arbeitsverweigerung und zu ihrer Beteiligung.
Wie definiert ihr den Begriff Streik?
Majcan: Wir verstehen Streiken als aktive Verweigerung, nicht als rechtlichen Begriff. Die Verweigerung, ein System aufrechtzuerhalten, das ohne uns einstürzt. Wir möchten zeigen, was passiert, wenn Frauen ihre bezahlte und unbezahlte Arbeit niederlegen. Gleichzeitig wollen wir aber keiner Frau zumuten, ihre Anstellung zu riskieren, indem sie an diesem Tag mitmacht.
Wie kann eine alleinerziehende Mutter ohne soziales Netzwerk streiken?
Klatzer: Manche Frauen sind so in ihrem Radl drin, dass sie sich das tatsächlich nicht vorstellen können. Der 3. Mai ist auch ein Tag, um zu realisieren, dass diese Atemlosigkeit und fehlende Zeit kein individuelles, sondern ein gesellschaftliches Problem ist. Ein Tag, um sich die Frage zu stellen: Habe ich das Recht, zumindest für einen Tag zu verweigern, die ganze Last zu tragen?
Majcan: Zuerst müssen Frauen selbst anerkennen, wie viel Care-Arbeit sie tagtäglich leisten. Der 3. Mai wird nicht plötzlich alles verändern. Aber er kann auch über den Streik hinaus dazu führen, dass in Familien über Gleichberechtigung diskutiert und Arbeit umverteilt wird.
Kooperiert ihr auch mit Gewerkschaften?
Majcan: Ja, die Gewerkschaft war von Anfang an dabei und eingebunden, die ÖGB-Frauen sind auch Teil unseres Aktionsbündnisses FRAUEN*Streiken. Aktuell ist es so, dass sich die Gewerkschaftsfrauen in ihren Gremien überlegen, wie der 3. Mai 2027 gestaltet werden kann.
Wie zufrieden sind Sie mit der aktuellen Frauenpolitik in Österreich?
Klatzer: Frauenministerin Eva-Maria Holzleitner von der SPÖ gibt sich Mühe. Stichwort: Unterstützungsfonds für Alleinerziehende oder Frauenbudget. Doch Frauenpolitik wird seit Jahrzehnten abgewertet und die Regierung vernachlässigt Geschlechtergerechtigkeit mit Verweis auf den momentanen Kürzungszwang. Sie müsste Betreuungsstrukturen ausbauen, um unbezahlte Care-Arbeit zu reduzieren, pflegende Angehörige unterstützen und flächendeckend in Care, Gewaltschutz und Klimaschutz investieren. Ich als Ökonomin kann sagen: Das wäre auch wirtschaftlich sinnvoller. Es würde die Beschäftigung ankurbeln, Wohlstand steigern, mehr Steuern generieren. Derartige Investitionen hätten eine positivere Wirkung als teure Budgetgeschenke an Unternehmen.
Wie viel Radikalität braucht der Frauen*Streik?
Klatzer: Für mich bedeutet Radikalität, sich zu weigern, die Verhältnisse zu akzeptieren. Ein gutes Leben für alle sollte selbstverständlich sein. Aber in unserer heutigen extrem ungerechten Welt gilt das schon als radikal. Unsere Bewegung ist eine Antwort auf Ohnmacht und Rückzug. Wir zeigen unsere Macht.
Majcan: Unsere Solidarität ist unsere Radikalität. Radikale Solidarität ist gelebte Intersektionalität. Wichtig ist, dass wir uns nicht spalten lassen. Schon die Entscheidung, sich dem Streiken anzuschließen, ist für viele radikal.
frauenstreik.at