Benzodiazepine werden gegen Angst und Schlaflosigkeit verschrieben, immer mehr Menschen besorgen sich die Medikamente auf dem Schwarzmarkt. In Wien rüttelte zuletzt der riskante Konsum unter Jugendlichen auf: Wie gefährlich ist die Substanz wirklich und warum greifen gerade junge Frauen zu Benzodiazepinen? Eine Spurensuche in Wiener Beratungsstellen, Notschlafquartieren und bei Konsumentinnen einer Generation, die versucht, ihre Angst zu betäuben.
Von Sophia Krauss. Mitarbeit: Irem Demirci, Flora Neubert und Brigitte Theißl
Im Jänner veröffentlichte die „ZIB2“ eine erschütternde Recherche: 2025 starben in Wien sieben unter 18-Jährige an den Folgen von Drogenkonsum – allesamt standen sie unter der Obhut der Kinder- und Jugendhilfe (MA11). Eine Expertin warnte, dass vor allem Mädchen aus prekären Verhältnissen gezielt von Drogenhändlern angesprochen würden – dabei komme es oft auch zu sexuellem Missbrauch. Zuletzt verstarb ein 16-jähriges Mädchen in der Nacht vom 31. Oktober 2025 nahe der Stadthalle nach einer Überdosis Drogen in einem Hotelzimmer. Die Ermittlungen waren im Januar 2026 noch nicht abgeschlossen. Schon im Jahr zuvor hatte der Drogenkonsum junger Frauen und Mädchen für Schlagzeilen gesorgt. „14-Jährige tot: ‚Benzos‘ gefährlicher Trend bei Jugendlichen“, titelte etwa der „Kurier“ im März 2024.
Eigentlich werden Benzodiazepine, Tabletten wie Alprazolam, das auch unter dem Markennamen „Xanax“ bekannt ist, oder Diazepam, besser bekannt als „Valium“, zur psychiatrischen Behandlung von Panik- und Angstzuständen oder Schlafstörungen verschrieben. Ihre angstlösende und enthemmende Wirkung ließen „Benzos“ zuletzt auch zur Modedroge avancieren. „Just pop a xan, baby, make your problems go away“, rappte der US-Amerikaner Isaiah Rashad 2016. Die Songzeile bringt auf den Punkt, worum es beim Konsum von Benzodiazepinen oft geht: mit einer Tablette für einige Stunden alle Probleme und Ängste verschwinden zu lassen.
Wachsender Konsum. Der Konsum von Benzodiazepinen sei auch in Österreich unter Jugendlichen verbreitet, sagte Ewald Lochner, Koordinator für Psychiatrie, Sucht- und Drogenfragen, gegenüber der APA. Zwar sei kein allgemeiner Anstieg des Konsums illegaler Substanzen feststellbar, doch „seit Corona gibt es eine zunehmende Menge von jungen Menschen, die solche Benzodiazepine teilweise vermischt mit anderen Substanzen und teils sehr eskalativ konsumieren.“
Warum aber greifen gerade junge Frauen oft zu beruhigenden und angstlösenden Substanzen? „Grundsätzlich sind Männer von Suchterkrankungen häufiger betroffen als Frauen. Es gibt global gesehen nur zwei Substanzgruppen, die eine Ausnahme bilden und häufiger von Frauen konsumiert werden: Amphetamine und Benzodiazepine“, sagt die Psychiaterin und Suchtexpertin Gabriele Fischer im an.schläge-Interview. Dass Benzodiazepine Risiken wie eine körperliche Abhängigkeit bergen, wurde auch lange von Mediziner*innen unterschätzt. Der Griff zu Psychopharmaka wird unter weiblichen Jugendlichen immer normaler. Das berichtet auch Nasrin Kashfi, die seit 15 Jahren als Coach bei der Mädchenberatung sprungbrett arbeitet und dort versucht, junge FLINTA*-Personen aufzufangen, die eine Ausbildung oder die Schule abgebrochen haben. Der Verein ist in einem Gebäudekomplex in der Hütteldorfer Straße untergebracht, über mehrere Stockwerke erstrecken sich Gruppenräume, Werkstätten und Büros. Vor der Eingangstür chillt eine Gruppe Jugendlicher, die mir den Weg zeigt.
Im Gespräch berichtet Kashfi, wie sich ihre Arbeit in den letzten Jahren verändert hat: „Viele der Jugendlichen, die bei uns sind, haben psychiatrische Diagnosen, zum Teil mehrere, und sind medikamentös eingestellt. Uns ist aufgefallen, dass gerade seit Corona viele Ärztinnen relativ rasch Tabletten verschreiben, wenn Personen depressiv sind und es nicht mehr schaffen, das Haus zu verlassen.“
Angst in der Pandemie. Dass die Corona-Pandemie Mädchen besonders zugesetzt hat, geht auch aus einem Bericht der deutschen Krankenkasse DAK aus dem Jahr 2022 hervor. 2021 waren die Behandlungszahlen bei psychischen Problemen zurückgegangen. Einzelne psychische Erkrankungen in bestimmten Altersgruppen stiegen jedoch deutlich an. Bei Angststörungen gab es bei Mädchen ein Plus von 24 Prozent. Im Zuge der Behandlung kam es auch zu einem verstärkten Einsatz von Medikamenten: Bei Neuerkrankungen stiegen die Verordnungen von Antidepressiva um 65 Prozent. Antidepressiva bergen im Vergleich zu Benzodiazepinen ein viel niedrigeres Sucht- und Missbrauchspotential. Bei Angststörungen sind sie deshalb die medikamentöse Therapie erster Wahl. Allerdings braucht es bis zu acht Wochen, bis ihre Wirkung einsetzt. Menschen, die unter schweren Panikattacken leiden, müssen diese Zeit manchmal mit Benzodiazepinen überbrücken. „Sie können unerträgliche Angstzustände sofort lösen“, sagt Psychiaterin Katrin Skala, seit Sommer 2025 Chefärztin der Psychosozialen Dienste in Wien. Ihre Wirkung setzt nach nur wenigen Minuten ein. In der Psychiatrie werden Benzodiazepine deshalb häufig verwendet: Sie reduzieren nicht nur Angst, sondern vermindern auch die subjektive Wahrnehmung von Stress. Außerdem wirken sie sedierend und können für akute Schlafprobleme verwendet werden. Auch in Österreich hat COVID-19 viel verändert. 26 Prozent der Befragten zwischen 16 und 92 Jahren gaben an, sich psychisch belastet zu fühlen. Damit einher ging auch ein gestiegener Konsum von Benzodiazepinen: 16 Prozent nahmen diese während der Pandemie mindestens einmal ein, vor allem Jugendliche und junge Erwachsene unter dreißig. Bei 48 Prozent der Personen, die Beruhigungsmittel einnehmen, kam es außerdem zu einer Zunahme des Konsums. Dass Frauen aber tatsächlich eher zu beruhigenden Substanzen greifen, wird schon lange beobachtet, schreibt die Drogenberatungsstelle checkit! auf Anfrage. Hier konnte man in den vergangenen Jahren keine Veränderung des Benzodiazepinkonsums junger Frauen bemerken. Nasrin Kashfi von der Mädchenberatung sprungbrett glaubt indes nicht, dass die Jugendlichen nur die Medikamente konsumieren, die sie verschrieben bekommen haben. Wie auch andere Interviewpartner*innen erzählt sie von einem Schwarzmarkt für verschreibungspflichtige Medikamente. Dass Benzodiazepine einerseits legal verschrieben, andererseits illegal im Darknet oder auf der Straße verkauft werden, macht es laut Suchtforscherin Gabriele Fischer sehr schwer zu erforschen, wie viele Menschen diese Medikamente missbrauchen oder tatsächlich abhängig sind.
Wann beginnt Sucht? Die Frage, wann Sucht beginnt, ist ohnehin keine einfache – auch nicht für Spezialist*innen. Missbrauch liegt laut Psychiater Thomas Vanicek dann vor, wenn mit dem Substanzgebrauch körperliches oder psychisches Leid einhergeht, wenn durch den Konsum Organschäden entstehen oder man häufigeren Angstattacken ausgesetzt ist. Tatsächlich ist das bei Benzodiazepinen oft der Fall. „Benzodiazepine haben ein unglaubliches Abhängigkeitspotential. Bei einer Panikattacke haben Betroffene das Gefühl: ‚Ich muss sterben!‘ – dann nehmen sie eine Tablette und nach fünf Minuten ist alles gut. Natürlich werde ich das wiederholen wollen, sobald ich wieder eine Panikattacke bekomme“, sagt Psychiaterin Kathrin Skala. Das Problem beim regelmäßigen Konsum von Benzodiazepinen sei aber, dass sich Angst und Panik auf Dauer verschlimmern, wenn die Medikamente zu oft konsumiert werden. „Das sind die ersten Schritte in Richtung Abhängigkeit“, so Skala. Benzodiazepine können auch körperlich abhängig machen. Stoppt man die Einnahme, kann ein körperlicher Entzug auftreten. Dieser sei laut Skala nicht gefährlich, aber sehr unangenehm. Die einzige Gefahr bestehe darin, dass es währenddessen zu einem epileptischen Anfall kommen kann. „Einen kalten Benzodiazepin-Entzug allein zu Hause würde ich nicht empfehlen“, sagt die Ärztin.
„Was kommt noch?“ Nasrin Kashfi ist überzeugt, dass bei den Jugendlichen im sprungbrett der Konsum von Benzodiazepinen zuletzt gestiegen ist. „Alles, was angstlindernd und beruhigend wirkt, oder auch euphorisierend, ist interessant. Die Jugendlichen versuchen, eine Lösung zu finden für all das, was schwierig ist. Sie versuchen, sich durch Konsum zu helfen.“ Viele junge Menschen würden derzeit eine Perspektivlosigkeit erleben, gerade dann, wenn sie aus schwierigen Familienverhältnissen stammen. „Es ist nicht besser geworden mit der Pandemie“, sagt auch die Geschäftsführerin des sprungbretts, Martina Fürpass. Doch nicht nur die Pandemie, auch die politische und wirtschaftliche Lage drückt auf die Stimmung junger Menschen. „Wir wissen es aus den Jugendstudien, dass vieles Jugendliche belastet, ob es der Krieg in der Ukraine ist, die Klimakatastrophe oder jetzt die Teuerung. Früher hat es dann irgendwann einen Lichtblick gegeben. Jetzt hat man eher das Gefühl: ‚Was kommt noch?‘ Wenn es dann noch schulischen oder familiären Druck gibt, will man von alldem gar nichts mehr mitkriegen, sich in Watte einpacken.“
Sich zu fühlen, als sei man in Watte gepackt – so beschreiben viele, wie es ist, Benzodiazepine zu nehmen. Sie lassen die eigenen Sorgen und Ängste sofort dumpf werden.
Dunkelziffer. Die Verschreibungspraxis vieler Ärzt*innen ist in den letzten Jahrzehnten hingegen verantwortungsvoller geworden. Nachdem das Benzodiazepin Diazepam 1963 unter dem Namen Valium erstmals auf den Markt kam, wurde es so massenhaft verschrieben, dass von einer „Epidemie“ die Rede war. Mitte der 80er-Jahre verschrieben Deutschlands Hausärzt*innen und Internist*innen jedem dritten Patienten ein Benzodiazepin. In den USA reichte bis in die 1970er-Jahre ein einziges Rezept für Valium aus, um eine fast unbegrenzte Menge des Medikaments zu erhalten. Es waren vor allem weiße Frauen aus der Mittel- und Oberschicht, die diese Rezepte bekamen. Inzwischen ist das Bewusstsein für die Risiken deutlich ausgeprägter unter Mediziner*innen. Zwischen 2010 und 2019 nahmen die ambulanten Verordnungen, die über gesetzliche Krankenversicherungen abgerechnet wurden, in Deutschland stark ab: von 39 auf 13 Millionen Tagesdosierungen. Trotzdem bekam 2022 in Deutschland etwa jeder zwanzigste gesetzlich Krankenversicherte einmal im Jahr ein Medikament aus der Gruppe der Benzodiazepine oder der Z-Substanzen, die ähnlich wirken, verschrieben. Geschätzt 150.000 Österreicher*innen sind arzneimittelabhängig. Aufgrund der vermutlich sehr hohen Dunkelziffer liegt die tatsächliche Zahl aber wesentlich höher, es handelt sich wahrscheinlich um doppelt so viele Betroffene.
Katharina Watzl und Saskia Kamleitner sind als Sozialarbeiterinnen in einer Notschlafstelle für 14- bis 20-Jährige tätig. Es ist das einzige Notquartier für Minderjährige in Wien. Die Einrichtung verfügt über gerade einmal zehn Betten, wer dorthin kommt, lebt in besonders prekären Verhältnissen. Im Stabilisierungswohnen der Notschlafstelle, wo zusätzliche 8 Betten angeboten werden, können Jugendliche und junge Erwachsene aus Wien auch längerfristig unterkommen. „Ich habe schon vor der Pandemie hier gearbeitet, damals haben uns tendenziell häufiger junge Männer oder Jungen aufgesucht, es waren etwa zwei Drittel Jungs und ein Drittel Mädchen oder junge Frauen. Während und nach Corona sind immer mehr Frauen gekommen – und auch der Konsum hat sich seither verändert, hin zu verschreibungspflichtigen Medikamenten oder klassischen ‚Downern‘“, erzählt Katharina Watzl. Früher seien sie öfter in Berührung mit aufputschenden Substanzen oder Partydrogen gekommen.