In Friseursalons geht man nicht nur zum Haareschneiden. Sie sind wichtige soziale Orte und Vertrauensräume – und Arbeitsplätze in einer der am schlechtesten bezahlten Branchen. Von Naz Küçüktekin
Die Wände sind pastellrosa. Neben der Tür steht eine mobile Rampe, drinnen ist alles barrierearm. Die Stühle sind breit, tief und belastbar – für Körper, die in Standardsesseln keinen Platz finden. Ein Vorhang kann den Raum komplett abschirmen, damit Kund:innen sich ungestört fühlen können. Im Soft & Cut an der Kaiserstraße im siebten Wiener Gemeindebezirk kommt außerdem immer nur eine Person im Salon dran. Das ist kein Zufall, sondern sorgsam kuratiert.
Es ist Teil des inklusiven Konzepts von Ina Holub, seit 16 Jahren Friseurin. „Friseur:innen kommen einem sehr nah – körperlich und emotional. Das ist extrem intim“, erklärt sie, warum all diese Dinge gerade in einem Friseursalon von Bedeutung sind. Bei ihr sollen sich alle wohlfühlen.
Als „fette und lesbische“ Person, wie sie sagt, wisse sie, wie unangenehm es andernfalls werden kann. Das pastellige Farbkonzept soll besonders auf neurodivergente Personen beruhigend wirken, das verstellbare Licht nimmt grelle Reflexe aus dem Spiegel. Wer hierherkommt, kann sogar einen Termin ohne Smalltalk buchen. Ungefragte Tipps oder Empfehlungen, wie „das Gesicht schmaler wirken“ könne, gibt es hingegen nicht. „Bei Haaren und Make-up geht es darum, wie eine Person wirken und wahrgenommen werden möchte. Es ist also auch eine Frage der Identität“, sagt Holub.
Mit Soft & Cut hat sie nicht nur einen Friseursalon geschaffen, sondern den Beruf in diesem Raum auch neu für sich definiert. Viele ihrer Kund:innen sind neurodivergent, viele tragen Locken. Geschnitten wird grundsätzlich trocken, weil so die Struktur besser zu beurteilen sei. „Locken sollte man eigentlich immer im Trockenen schneiden.“ Die österreichische Ausbildung deckt Locken und andere Haartexturen nicht ab, auch in der Meister:innenprüfung fehlt das Thema. Holub hat sich das Wissen in Zusatzausbildungen erarbeitet – bezahlt aus eigener Tasche.
Handwerk & Beziehungsarbeit. Am Bacherplatz im fünften Wiener Gemeindebezirk sind die Wände braun statt pastellfarben, die Einrichtung ist rustikal. Und Smalltalk gehört dazu.
Seit über sechs Jahrzehnten ist der Salon Helga ein Fixpunkt im Grätzl. Mary Radivojević arbeitet seit 1992 hier – damals hat sie als 18-Jährige ihre Lehre begonnen. Seit 2004 führt sie den Salon auch. „Eigentlich wollte ich Polizistin werden, aber mein Vater meinte, das sei nichts für Frauen“, erinnert sich die mittlerweile 49-Jährige.
Und da eine Freundin bereits in dem Salon arbeitete, versuchte sie sich eben im Haareschneiden. Aus dem anfänglichen Plan B wurde ihr Traumberuf. Vor allem das Menschliche an der Arbeit macht es für sie aus. „Die Leute nach einem Besuch hier glücklich herausgehen zu sehen, das ist einfach das Tollste“, betont sie.
Die Kundschaft reicht vom Kleinkind bis zur 94-Jährigen. Der Arbeitstag beginnt um acht Uhr, offiziell endet er um 18 Uhr. Tatsächlich bleibt das Team, das neben Radivojević aus zwei Mitarbeiterinnen besteht, oft bis 20 oder 21 Uhr, wenn Termine es erfordern.
Beide Friseurinnen beschreiben ihren Beruf als Handwerk und zugleich Beziehungsarbeit. Zwischen Waschen, Schneiden und Färben hören sie zu, trösten, beraten. „Oft sind wir Psychologinnen. Wir lachen zusammen, wir weinen zusammen“, sagt Radivojević. „Wen lässt man sonst einfach so mal an seinen Kopf heran, außer einer Friseurin?“ Der Besuch sei also stets auch Vertrauenssache. Über die Jahre entstehen so laut Radivojević tiefe Bindungen, die weit über eine reine Dienstleistung hinausgehen.
Holub ergänzt die politische Dimension: gendersensible Beratung, keine Körperkommentare, kein ungefragtes Anfassen der Haare. Braids und Locks bietet sie bewusst nicht an – aus Respekt vor kultureller Aneignung.
KNAPP ÜBER DER ARMUTSGRENZE. So unterschiedlich beide Salons sind – die strukturellen Probleme sind dieselben. Friseur:innen gehören zu den am schlechtesten bezahlten Berufsgruppen in Österreich. Rund neunzig Prozent sind Frauen, nur bei den Chefs großer Läden und High-End-Salons dominieren Männer. „Es ist wie beim Kochen. In der Küche zu Hause ist es Frauensache, aber die berühmten Köche sind fast nur Männer“, sagt Holub.
Während diese männliche Spitze mit Kreativität und Prestige assoziiert wird, sieht die Realität für den Großteil der weiblichen Beschäftigten anders aus: harte Arbeit bei sehr niedriger Bezahlung.
Laut Fachverbandsstatistik gab es 2021 knapp 8.900 Friseurbetriebe in Österreich. 2022 setzte die Branche rund 845 Millionen Euro um – trotzdem liegen die Löhne knapp über der Armutsgrenze. Der aktuelle Kollektivvertrag sieht im ersten Berufsjahr ein Mindestgehalt von 1.915 Euro brutto vor, ab dem sechsten Jahr 2.115 Euro. Selbst mit 14 Monatsgehältern bleibt das Nettoeinkommen bescheiden, vor allem bei steigenden Lebenshaltungskosten. Lehrlinge verdienen zwischen 782 Euro im ersten und rund 1.313 Euro brutto im vierten Lehrjahr – Beträge, die oft nicht einmal eine eigenständige Wohnung ermöglichen. Und wohl auch der Grund dafür, weshalb die Branche immer mehr mit einem Nachwuchsproblem kämpft.
Arbeiten am Limit. Trinkgelder sind für viele in der Branche überlebenswichtig. Bei Radivojević machen sie mindestens zehn Prozent zusätzlich aus. Ohne diese Beträge wird es für viele eng. In manchen Salons mieten Friseur:innen ihren Stuhl, zahlen Fixkosten und erwirtschaften ihren Umsatz selbst. Wer nicht genug Kundschaft hat, arbeitet ins Minus. Für Holub, die alleine arbeitet, ist die Kalkulation knapp. Förderungen halfen ihr beim Start, doch die Antragsprozesse seien abschreckend.
Die Arbeitszeit ist lang und körperlich belastend: Stehen, Beugen, Arme hoch. Hinzu kommt die fehlende Planungssicherheit: Termine können kurzfristig ausfallen, die Kosten bleiben. Die Hälfte der Beschäftigten arbeitet Teilzeit, 14 Prozent sind geringfügig angestellt. Gleichzeitig steigen Mieten, Energiepreise und Produktkosten – bei Löhnen, die kaum wachsen. Wer bleibt, tut es oft aus Überzeugung, nicht wegen der Arbeitsbedingungen.
Soziale Räume. Steigende Kosten, niedrige Löhne und fehlender Nachwuchs setzen die Branche unter Druck. Auch die von Holub und Radivojević. Doch Friseursalons sind nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch wichtige soziale Räume. In Radivojevićs Salon sind es langjährige Beziehungen, die den Ort prägen. „Ich könnte mir nicht vorstellen, etwas anderes zu machen“, betont sie. Manche ihrer Kund:innen betreut sie, seitdem sie ihre Lehre begonnen hat. Holubs Salon ist ein Community-Space, der auch für Panels oder Diskussionsrunden genutzt wird. „Es ist einfach wichtig, zuzuhören, zu verstehen und einen Ort zu schaffen, an dem sich Menschen entspannen können.“
Naz Küçüktekin lebt und arbeitet als freie Journalistin in Wien. Die Darstellung migrantischer und marginalisierter Gruppen gehört zu ihren Arbeitsschwerpunkten. Daher weiß sie, wie wichtig offene Räume wie Friseursalons gerade für diese Gemeinschaften sind.