Die Flucht zwischen Libyen und Italien wagen Menschen bis heute in einfachen Schlauchbooten. Ihnen helfen private Seenotrettungsorganisationen. Doch Flüchtende wie Seenotretter:innen haben mit Repressionen zu kämpfen. Von Nele Posthausen
»Dieses Jahr ist eines der schlimmsten«, sagt Abdulraman. Er ist selbst vor rund zehn Jahren über das Mittelmeer geflohen und berichtet mir nun in einem Radiostudio von seinen Erfahrungen. 2026 ist mit den meisten Toten auf dem zentralen Mittelmeer seit Beginn der Aufzeichnung gestartet. Abdulraman beobachtet die Situation aufmerksam. Er war erst 14 Jahre alt, als er sich in Sierra Leone auf den Weg Richtung Europa gemacht hat. „Es war schon der zweite Versuch, bei dem uns die Iuventa gefunden und gerettet hat“, erzählt Abdulraman. Die Iuventa war eins der Schiffe der privaten Seenotrettung auf dem Mittelmeer. Im Juli ist die Netflix-Produktion „23.000 Leben“ über ihre Geschichte, den Prozess gegen die Crew und Abdulramans Flucht online gegangen. Weil er Vorurteile abbauen will, hat Abdulraman auch beim Netflix-Film mitgemacht: „Die Leute sollen nicht alles glauben, was sie im Internet sehen.“ Denn dort gibt es viel Hass gegen Geflüchtete und gegen die privaten NGOs.
Den Hass gab es auch schon, als ich selbst zur Berichterstattung auf die Ocean Viking eingeladen war. Rund sieben Jahre ist das her. Rechte Trolle haben meine journalistische Arbeit auf ihren Plattformen neu hochgeladen und mich selbst als Schlepperin bezeichnet. Wenn wir auf einem der Schiffe als Journalist:innen arbeiten, berichten wir „embedded“. Das bedeutet: Auch wir Reporter:innen lernen das richtige Verhalten bei einer Rettung, Wiederbelebungsmaßnahmen, auch wir müssen im Notfall eingreifen. Das ist alles noch heute so. Aber vieles hat sich auch geändert auf dem Meeresabschnitt zwischen Italien im Norden und Libyen im Süden.
Hochschwanger auf der Flucht. In Köln sitzt Britta Rabe auf einer Bank und nippt in der Sommerhitze an ihrem Getränk. „Ich beobachte, dass die Menschen immer schwierigere, gefährlichere und längere Routen auf sich nehmen, um zu vermeiden, dass sie nach Libyen zurückgebracht werden“, sagt sie. Seit 13 Jahren arbeitet sie für die Organisation Alarmphone. Das Telefon nimmt Hilferufe von Menschen auf der Flucht an, auch via Social Media. Ich erinnere mich an Wunden, die mir flüchtende Menschen von ihren Misshandlungen in libyschen Foltergefängnissen gezeigt haben. Die europäische Grenzschutzagentur Frontex widerspricht den vielen Recherchen nicht, die zeigen, dass Frontex mit den libyschen Milizen zusammenarbeitet.
Als ich 2019 auf der Ocean Viking war, kam ein Hilferuf von einem Schlauchboot einige Kilometer vor der Küste Libyens, die Ocean Viking solle die Rettung durchführen. Die nächtliche Aktion lief glatt und sehr koordiniert ab. Das Schiff ist groß genug für zwei Container: einen für Frauen, einen für Männer. Im „Women’s Shelter“ kam damals auch eine hochschwangere Frau unter. Ihr allererster Ultraschall auf dem Schiff ergab: Sie wird Zwillinge bekommen.
„Ich glaube, dass viele Kinder durch Vergewaltigungen entstanden sind und dass auch Hochschwangere auf Boote gesetzt werden, um Druck auszuüben“, sagt Britta Rabe über die Situation der Frauen auf der Flucht. Dass es viel Gewalt gegen Frauen und Queers gibt, bestätigt auch Ayla Emmink. Der:die nichtbinäre Ärzt:in aus den Niederlanden arbeitet seit rund zehn Jahren in der Seenotrettung. „Die Menschen sind natürlich nur in sehr kurzem Kontakt mit uns auf den Schiffen. Wir können dort nicht die Art psychologische Unterstützung bieten, die nach sexualisierter Gewalt notwendig wäre“, erzählt Emmink. „Aber wir können Tests auf Geschlechtskrankheiten anbieten und auch ein Gespräch darüber, ob die Schwangerschaft gewollt ist. In letzter Zeit haben daher auch mehr Schiffe die Möglichkeit, sichere Schwangerschaftsabbrüche anzubieten.“
Viele queere Menschen. Aktuell ist Ayla Emmink mit SOS Méditerannée auf der Ocean Viking, dem großen roten Schiff, auf dem auch ich damals unterwegs war. „Queere Menschen sind auf der Flucht überrepräsentiert, weil ihnen in ihren Heimatländern Repressionen drohen“, sagt Emmink. Gleichzeitig kämen sie auf den Schiffen und später in Unterkünften aber oft in Situationen, in denen sie denselben Stigmatisierungen ausgesetzt sind. Ayla Emmink versucht daher, die Crews für das Thema zu sensibilisieren. Das funktioniere z. B. mit Namensschildern: „Und manchmal hilft einfach ein Rückzugsort. Dann bieten wir unsere Räume an, in denen wir sonst medizinische Untersuchungen machen.“
Die Fotojournalistin Jana Bauch war 2025 mit der Sea-Watch 5 unterwegs. „Abgesehen von den technischen Problemen – starke Wellen, tiefschwarze Nacht und spritzendes Wasser – kam es mir im Moment der Rettung aus ethischen Gründen seltsam vor, Fotos machen zu müssen“, sagt sie. Die italienischen Behörden haben dann angewiesen, die 49 Menschen nach Ravenna zu bringen. Ein Hafen, 1.600 Kilometer weit weg. „In den letzten Jahren haben sich die Rechtsvorschriften auf See verschlechtert“, kommentiert Jana Bauch. „Nun schreibt das Gesetz vor, dass Rettungsboote keinen nahegelegenen sicheren Hafen anlaufen dürfen, sondern dorthin fahren müssen, wohin sie beordert werden; andernfalls werden sie festgehalten.“
Als ich auf der Ocean Viking war, hat SOS Méditerranée noch eine zweite Rettung durchgeführt. 200 Menschen befanden sich auf dem riesigen Schiff. Heute weisen die italienischen Behörden aber an, dass die Schiffe direkt nach der ersten Rettung in den Hafen – meist weit weg – müssen, auch wenn noch Platz für eine weitere Rettung wäre. Unter den rund zwanzig privaten Schiffen haben nun die kleineren Vorteile, weil sie schneller sind. In Mainz baut gerade eine neue Organisation einen eigenen Katamaran. Sie sammeln Spenden für den Bau ihres Schiffes.
Verrostetes Schiff. Das erinnert an die Geschichte von Jugend Rettet, die nun auf Netflix läuft. Damals half eine Spende den jungen Leuten aus Berlin, ein Schiff zu kaufen. In einem Jahr auf dem Mittelmeer haben sie laut eigenen Angaben 23.000 Menschenleben gerettet. Dann wurde die Crew von den italienischen Behörden angeklagt. Jugend Rettet hätte mit Schleppern zusammengearbeitet, lautete der Vorwurf italienischer Behörden. Der Prozess dauerte sieben Jahre. Abdulraman ist einer der Geflüchteten, der von der Iuventa unterstützt wurde. Die Crew wurde freigesprochen, doch das Schiff ist während der Beschlagnahmung und der Jahre, die der Prozess in Anspruch nahm, im italienischen Hafen verrostet.
Wie sich die Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) jetzt auf die Lage im zentralen Mittelmeer auswirken wird, will ich zum Abschluss unseres Treffens in Köln von Britta Rabe von Alarmphone wissen. „Das frage ich mich auch“, sagt sie. Die Reform finde sie menschenverachtend, einfach grauenhaft. „Es ist nicht gesagt, dass das alles so eins zu eins eintreten wird, wie die Staaten sich das jetzt erhoffen. Grundsätzlich erwarten wir, dass noch mehr Menschen z. B. in Libyen festgehalten werden. Aber es kann auch sein, dass trotzdem weiter Boote kommen.“