Tech-Autokraten wollen nicht bloß fette Gewinne schreiben, sondern die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen umformen. Was tun? Von Brigitte Theissl
Man realisiert, dass man in seltsamen Zeiten lebt«, schreibt Journalistin Laura Bullard, „wenn einer der einflussreichsten Milliardäre der Welt Theorien über den Weltuntergang verbreitet, die im Wesentlichen von einem Nazi-Juristen stammen.“ Für das Tech-Medium „Wired“ machte Bullard sich auf die Reise, um den Werdegang und somit auch die Überzeugungen von Peter Thiel zu verstehen. Als Leserin ist man versucht, die abstrusen und menschenfeindlichen Ideen des Milliardärs als Spinnereien beiseitezuschieben – würden sie nicht indirekt uns alle betreffen. So ist Thiel, wie Bullard auflistet, „ein Investor, der sowohl bei Facebook als auch bei der KI-Revolution die finanziellen Weichen gestellt hat, Mitbegründer von PayPal und Palantir und er hat die Karriere eines amerikanischen Vizepräsidenten ins Rollen gebracht.
Wenn Thiel in einem Podcast davon spricht, dass Greta Thunberg der neue Antichrist sein könnte, meint er das tatsächlich ernst. Seit rund zwei Jahren tingelt der Tech-Milliardär als Vortragender umher und warnt sein Publikum vor dem Untergang der Menschheit, konkret vor allen Kräften, die Fortschritt – so wie Thiel ihn versteht – verhindern: vor internationalen Organisationen wie der UNO etwa, vor Klimaschützer:innen und Menschenrechts-NGOs. Dabei beruft er sich auf seinen starken christlichen Glauben ebenso wie auf den französischen Philosophen René Girard oder Carl Schmitt – jener einflussreiche Staatstheoretiker und Jurist, der 1933 in die NSDAP eintrat.
Privater Überwachungsstaat. Die Softwarefirma Palantir ist Teil der Visionen Thiels für eine neue Gesellschaftsordnung frei von demokratischen Institutionen. Einen Einblick in diese Welt gibt die sogenannte Sonderentwicklungszone auf der honduranischen Insel Roatán, wo Ultralibertäre einem Raubtierkapitalismus freien Lauf lassen. Gegründet unter der autoritären Regierung von Juan Orlando Hernández ist auch Thiel wichtiger Geldgeber der Organisation dahinter.
Palantirs Programme sind indes dazu in der Lage, riesige, unterstrukturierte Daten-mengen KI-gestützt zu analysieren. Schon früh arbeiteten die Gründer mit der CIA zusammen und zählen heute u. a. auch Hessen und Bayern zu ihren Kund:innen. Nie dagewesene Möglichkeiten der Überwachung und Kontrolle eröffnen sich: In den USA unterstützt Palantir aktuell die Abschiebebehörde ICE und soll laut Vertrag eine Plattform zur Echtzeitverfolgung von Migrant:innenbewegungen für die Regierung entwickeln.
Peter Thiel ist Teil einer neuen Generation von Tech-Gründern, die sich längst nicht mehr damit zufriedengeben, jährlich ein iPhone auf den Markt zu bringen und damit stein-reich zu werden. Männer wie Thiel, Alex Karp (Palantir-CEO), Elon Musk oder der Entwickler und Investor Marc Andreessen wollen die Welt vielmehr nach ihren Vorstellungen formen. Gemein sei ihnen die „Verachtung der alten Eliten“, sagt Autor und italienischer Regierungsberater Giuliano da Empoli im „Spiegel“-Interview: „Das Ziel ist es, das alte System zu zerstören. Die liberale Demokratie soll weg, ihre Eliten, ihre Regeln, ihre Institutionen.“ In Autokraten wie Donald Trump und Javier Milei haben sie ihre natürlichen Verbündeten gefunden – europäische Politiker:innen des alten Schlags würden ihnen hilflos gegenüberstehen, sagt da Empoli. Techmilliardäre, das seien vor wenigen Jahren noch junge Männer in Kapuzenpullis gewesen, die in Garagen an Ideen für das nächste große Ding feilten. Politiker:innen wiederum hätten das Wachstum gesehen, das sie generierten, hofften auf Arbeitsplätze – und taten erst mal: nichts, analysiert Empoli.
SEITE AN SEITE. Tatsächlich ist es keine zehn Jahre her, als selbst progressive Politiker:innen sich gerne mit den heutigen „Broligarchen“ zeigten. Barack Obama etwa war für seine besonders Silicon-Valley-freundliche Politik bekannt. Für die Anliegen der „Innovatoren“ hatte der ehemalige Präsident stets ein Ohr, beim „Global Entrepreneurship Summit“ 2016 in Stanford teilte er mit Mark Zuckerberg die Bühne und lobte die Visionen der Unternehmer:innen, denen es „nicht nur ums Geld-verdienen“ ginge, sondern darum, Menschen zusammenzubringen und die Gesellschaft zu verbessern. Die Investigativjournalistin Carole Cadwalladr, die gemeinsam mit Kolleg:innen den Facebook-Skandal rund um Cambridge Analytica aufgedeckt hat, als unrechtmäßig Daten von Millionen Facebook-Usern für politische Zwecke missbraucht wurden, sieht das ganz anders: „Ich glaube, dass sie in Amerika gerade einen technoautoritären Überwachungsstaat aufbauen“, sagte sie im Interview mit John Stewart im Juni. Die Unternehmer:innen aus dem Silicon Valley versammeln sich auch deshalb so freimütig rund um Donald Trump, weil seine Administration verspricht, Regulatorien für das große Geschäft mit KI beiseitezuräumen.
„MALE CHAUVINIST PIG OF THE YEAR“. Das Silicon Valley hat sich indes keineswegs über Nacht in einen Autokraten-Club verwandelt. Der liberale Ruf der Tech-Unternehmer sei immer schon irreführend gewesen, schreibt die US-amerikanische Wissenschafterin Becca Lewis im „Guardian“. Es sei vielmehr immer schon ein reaktionärer Ort gewesen, an dem Reichtum, Macht und traditionelle Männlichkeit gefeiert wurden. Schon in den Achtzigern und Neunzigern tummelten sich dort Männer, die vor Political Correctness warnten – als Ideal diente ihnen der aggressive, risikoliebende Unternehmer, wie Lewis nachzeichnet. So verbreitete der im Valley verehrte Autor George Gilder, 1974 von der National Organization for Women zum „Male Chauvinist Pig of the Year“ ernannt, leidenschaftlich misogyne Ideen und glaubte im „selfmade“ Tech-Unternehmer die Zukunft einer starken US-Wirtschaft und des gesellschaftlichen Fortschritts überhaupt zu erkennen. Medien, so analysiert Lewis, griffen diese Erzählung dankend auf und arbeiteten fleißig am Genie-Kult, der Unternehmen wie Apple-Gründer Steve Jobs umgab. Wenn Jobs später für Produktpräsentationen in Priester-Manier auf die Bühne trat, war auch von links eher wenig Kritik zu hören.
Dass Mark Zuckerberg sich heute aufgepumpt statt als schüchterner Nerd gibt und mehr „maskuline Energie“ am Arbeitsplatz fordert, ist also bloß die logische Fortschreibung der Neunziger, als ein Text in einer einflussreichen Tech-Publikation vor einer „pussification“ der Branche warnte.
INTELLEKTUELLE MONOPOLE. Wiederholen sich die Fehler der Vergangenheit jetzt, wo KI-Konzerne wie OpenAI daran arbeiten, neue Monopole zu schaffen? Cecilia Rikap, Ökonomin an der University of London, wird nicht müde, vor dem modernen „intellectual monopoly capitalism“ zu warnen. „Wir schaffen weltweit durch Tausende von Organisationen Wissen, das dann von einigen wenigen Unternehmensriesen zentralisiert und monetarisiert wird“, erklärt Rikap im an.schläge-Interview. Auch Wissenschaft und Technologie würden in globalen Innovationssystemen entstehen, die von führenden Unternehmen wie Big Tech, aber auch Big Pharma oder Massenkonsumgiganten wie Nestlé, Coca Cola und ähnlichen kontrolliert würden. In ihrer Forschungsarbeit erstellt Rikap u. a. Karten, die zeigen, wer diese Organisationen kontrolliert. So analysiert sie Netzwerke der Mitautor*innenschaft wissenschaftlicher Publikationen, bei denen deutlich werde, dass Unternehmen wie Google oder Microsoft wissenschaftliche Artikel gemeinsam mit Tausenden von Universitäten, öffentlichen Forschungseinrichtungen und an-deren Unternehmen wie Start-ups verfassen.
Wenn Menschen heute begeistert Anwendungen wie ChatGPT nutzen, blenden sie die Problematiken dahinter oft aus Bequemlichkeit aus – die Liste aber sei lang, sagt Rikap. „Je mehr wir Large-Language-Models nutzen, sei es ChatGPT oder ein anderes Modell, selbst die Modelle von DeepSeek aus China, desto mehr profitieren einige wenige Giganten davon, da alle Modelle in der Cloud, dem Supermarkt der digitalen Technologien, verkauft werden.“ Auch der gesellschaftlichen Weiterentwicklung würden ChatGPT und Co im Wege stehen. „Die Antworten der Programme werden niemals über eine Kombination bereits vorhandener Informationen hinausgehen. Das bedeutet, dass wir die Chance auf einen Paradigmenwechsel in der Wissenschaft und im Kunstbereich zunichtemachen“, sagt Rikap.
Für Europa also sei die Aufgabe klar, sagt Rikap. „Was wir brauchen, ist ein alternatives Ökosystem.“ Denn würden wir innerhalb des derzeitigen Systems einfach mehr in Wissenschaft und Technologie investieren, würde dies erneut von den großen Konzernen vereinnahmt werden. Angesichts der Übermacht von Big Tech scheint ein solches Projekt vielen aussichtslos – es führe aber kein Weg daran vorbei, um Orte zu schaffen, die nicht von Big Tech kontrolliert würden, ist Rikap überzeugt. „Es mag weit weg erscheinen, aber fangen wir jetzt an – und mag es nur sein, Bewusstsein dafür zu schaffen.“
*Name von der Redaktion geändert