Kann man Rassismus verlernen? İrem Demirci im Gespräch mit Josephine Apraku über die Bandbreite von Abwehrreaktionen, die Rolle von Emotionen und Anti-Diskriminierung in der Liebe.
an.schläge: Du gestaltest u. a. diskriminierungskritische Workshops. Ist es möglich, Diskriminierung zu verlernen?
Josephine Apraku: Es geht nicht unbedingt darum, zu sagen: Wir verlernen jetzt Diskriminierung. Der erste Schritt ist, überhaupt wahrzunehmen, wo Diskriminierung in uns, in unserem Handeln, in unserem Denken, im Alltag um uns herum stattfindet. Also ein Lernprozess, der die Erkenntnis hervorbringt, wie häufig und normalisiert die unterschiedlichen Formen von Diskriminierung in unserem Alltag eigentlich sind. Sicherlich geht es auch um das Verlernen von diskriminierenden Verhaltensweisen, die ganz automatisiert passieren. Das übergeordnete Ziel von Diskriminierungskritik ist aber nicht, „bessere Menschen“ zu erschaffen, sondern zu überlegen, wie unsere Gesellschaft gerechter werden kann. Wie können z. B. Leute, die bisher weniger Zugang zu Bildung haben, einen gleichberechtigten Zugang bekommen? Deshalb glaube ich nicht im klassischen Sinne ans Verlernen, auch wenn der Begriff in diesem Kontext oft fällt.
Es gibt Menschen, die offen sind für Diskriminierungskritik. Aber was ist mit jenen, die kein Interesse an Veränderungen haben? Wie begegnest du Menschen in Workshops, die zunächst mit Abwehr reagieren?
Ich mache in der Regel keine Angebote, die verpflichtend sind für die Teilnehmenden, weil Veränderung immer mit Freiwilligkeit zusammenhängt. Aber auch in freiwilligen Kontexten habe ich natürlich mit einer unterschiedlichen Bandbreite von Abwehrreaktionen zu tun. Der Fokus meiner Arbeit sind nicht die Leute, die total anti sind, im Gegenteil. Ich versuche meine Energie sehr stark auf diejenigen zu fokussieren, die Veränderung wollen. Das finde ich wichtig, denn viel zu oft richten wir unsere Energie dorthin, wo wir eigentlich keine Veränderung bewirken können.
Was sind konkrete Methoden, die sich in deiner Erfahrung als besonders wirksam erwiesen haben? Hast du ein Beispiel aus deiner Arbeit?
Viele der Methoden, mit denen ich arbeite, habe ich mir selbst überlegt. Ich zeige in der Grundschule z. B. fünf Bilder, die auf dem afrikanischen Kontinent aufgenommen worden sind. Die Bilder sind sehr unterschiedlich. Vor der Übung sollen die Schülerinnen Assoziationen mit dem afrikanischen Kontinent aufschreiben. Die bleiben bei dann bei ihnen, die werden nicht ausgesprochen, weil in der Regel natürlich viele rassistische Reproduktionen kommen. Dann zeige ich das erste Bild und es wird geraten, wo das Bild aufgenommen worden ist. Zum Beispiel die Skyline von Nairobi. Da denken manche vielleicht Miami. Am Ende löse ich auf, dass alle Bilder auf dem afrikanischen Kontinent aufgenommen worden sind. Dann zeige ich auch ganz genau, wo. Anschließend bitte ich die Schülerinnen nochmal, ihre Assoziationen aufzuschreiben. In der Reflexionsrunde können sie neue Assoziationen teilen. Interessanterweise gibt es dann eigentlich keine rassistischen Reproduktionen mehr. Auch Drittklässlerinnen haben kein Problem, zu sagen: „Na ja, also wir sind eigentlich immer nur umgeben von negativen Bildern.“ Es geht hier immer darum, sich auf die bestehende Konstruktion zu beziehen und diese dann zu dekonstruieren. Und dabei muss ich mir überlegen, wie das funktionieren kann, wenn unterschiedliche Leute mit sehr unterschiedlichen Betroffenheiten und Erfahrungen im Raum sind.
Viele Menschen empfinden Diskussionen über Diskriminierung und Rassismus als sehr erschöpfend. Lohnen sich deiner Meinung nach diese Diskussionen oder braucht es andere Formen der Auseinandersetzung?
Ich glaube schon, dass diese Diskussionen lohnend sein können, aber sie brauchen einen bestimmten Rahmen. Ich arbeite gerne mit Emotionen. Der Forschungsbereich Racial Identity Development zeigt z. B. gängige Muster von weißen Menschen, wenn sie anfangen, sich mit Rassismus zu beschäftigen und das auch längerfristig tun. Und diese Muster werden eigentlich immer von Emotionen begleitet. Was diese Diskussionen oft anstrengend macht, ist schon die Definition von Diskriminierung. In der Regel treffen da Leute aufeinander, die sehr unterschiedliche Wissensstände haben und ein sehr unterschiedliches Verständnis von Diskriminierung. Und dann kommen noch Emotionen dazu. Diese Emotionen gilt es bewusst reinzuholen in die Diskussion, um dann drauf zu schauen, was hier gerade passiert. Warum löst die Rückmeldung, dass ein Begriff rassistisch ist, etwas in dir aus? Und was konkret ist es eigentlich? Vielleicht ist es Trauer oder Angst? Ich glaube, das Erste, was Leute wahrnehmen können, ist Wut, aber ganz oft stecken dahinter noch andere Sachen. Angst z. B., dass ich auf eine Art und Weise gesehen werden könnte, die nicht mit meinem Selbstbild zusammenpasst. Ich könnte als ein schlechter Mensch wahrgenommen werden. Dabei habe ich doch eigentlich diese und jene Werte. Und auf einmal zu merken: „Oh Mist, es gibt eine Diskrepanz zwischen den Werten, die ich für mich beanspruche, und der Realität meines Handelns.“ Diese Emotionen absichtsvoll reinzuholen, kann sehr fruchtbar sein.
In deinem Buch „Kluft und Liebe“ beschäftigst du dich damit, wie soziale Ungleichheit in Liebesbeziehungen eingeschrieben sein kann. Welche Möglichkeiten siehst du, diskriminierungskritische Perspektiven auch in Liebesbeziehungen einzubinden? Ich glaube, dass es keine sicheren Räume gibt, und damit stellt sich die Frage, was das eigentlich bedeutet. Menschen, die mehrfach privilegiert sind, müssen erkennen, dass sie selbst etwas davon haben, sich mit Diskriminierung auseinanderzusetzen. Es ist wichtig, sich als Team zu verstehen und zu sehen, welche Aufgaben sich daraus ergeben. Also z. B. bei der Familienfeier oder wenn das Kind Diskriminierung in der Schule erfährt. Das wirklich als gemeinsames Problem wahrzunehmen und dann zu gucken: Wie können wir dem auch gemeinsam begegnen. Menschen, die Marginalisierung erfahren, sollten ebenso darauf achten, was verinnerlichte Marginalisierung in ihrem eigenen Verhalten bewirkt. Also z. B. in diesen Momenten, in denen wir überangepasst agieren.
Wo siehst du denn die Grenzen von diskriminierungskritischer Bildungsarbeit?
Ich arbeite explizit nicht mit Leuten, die rechte Gesinnungen haben, also absichtsvolle und bewusste rechte Gesinnungen. Da ziehe ich eine Grenze. Und wenn ich z. B. eine Prozessbegleitung mache mit einer Organisation, dann habe ich keinen Einfluss darauf, was tatsächlich davon umgesetzt wird. Was die Leute konkret damit machen, kann sehr unterschiedlich ausfallen.
Was würdest du im Kontext von diskriminierungskritischer Arbeit Menschen, die selbst von Diskriminierung betroffen sind, raten?
In der Regel vermeide ich es dann, Ratschläge zu geben. Ich weiß, dass Überlebensstrategien einfach zutiefst persönlich sind. Ich spreche auch absichtsvoll von Überlebensstrategien, weil sie meist genau das sind. Aber wozu ich Leute immer versuche zu ermutigen, ist klarer zu werden mit den eigenen Grenzen. Für „Kluft und Liebe“ habe ich auch mit Paartherapeutinnen und psychologischen Psychotherapeut*innen gesprochen. Die haben mir gespiegelt, dass sie in ihrer Praxis damit konfrontiert sind, dass Diskriminierung oft mit unterschiedlichen Arten von Grenzüberschreitungen einhergeht: das Berühren von Körpern, Zuschreibungen, auf deren Grundlage dann gehandelt wird. Im Kontext meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, wie schwer es Menschen fällt, Grenzen zu setzen in Bezug auf ihre eigenen Kapazitäten. Diesbezüglich versuche ich sie zu bestärken: Du musst die Diskussion nicht führen, wenn du den Eindruck hast, da kommt nichts raus. Du kannst einfach sagen: Ich möchte es nicht diskutieren. Punkt. Menschen, die von Rassismus betroffen sind, durchlaufen auch unterschiedliche Phasen: Auf welche Diskussionen lasse ich mich ein und auf welche irgendwann nicht mehr ein? Wo bringt es etwas? Das ist ein wichtiger Lernprozess.