Stimmgewaltig und mit angenehm relaxter Fuck-you-Attitüde ist Lola Young der (Brit-)Popstar der Stunde.
Von Elisabeth Lechner
Der Sommer 2025 in Großbritannien ist bestimmt von einem Gefühl: bittersüßer Nostalgie. Die Tories sind abgewählt, aber so richtig ändert sich nichts, die Lionesses feiern die Verteidigung ihres EM-Titels und die toxisch-ikonischen Brit-Pop-Helden Oasis touren wieder, zu Wucherpreisen. Was tut man nicht alles, um die Leichtigkeit der Neunziger noch einmal zu erleben und den Push-Nachrichten zu Krieg, Aufrüstung und Klimakollaps kurz zu entkommen? Zwischen all dem Aufgewärmten gibt es aber auch eine junge Künstlerin, an der es (nicht nur) im United Kingdom kein Vorbeikommen gibt. Niemand stellt sich den widersprüchlichen Realitäten unserer Zeit so kreativ und einfühlsam wie Lola Young, die erst 24-jährige Singer-Songwriterin aus Croydon, dem Süden von London.
Schon 2021 als Rising Star bei den Brit Awards nominiert, startete die Alternative-Pop-Sängerin 2024 mit dem Hit „Messy“ so richtig durch in den UK-Single-Charts und – noch wichtiger – auf TikTok. Live-Performances des Songs wie jene am Glastonbury-Festival 2025 zeigen: Lola Young schafft Freiräume, Momente von Leichtigkeit und Verbindung, wie es nur wenige können. Das liegt an den Beats – angesiedelt irgendwo zwischen Hip-Hop, R’n’B und Pop, dunkel, plätschernd, entspannt und treibend zugleich –, ihrem Stimmumfang (wegen Zysten auf den Stimmbändern und den Folgen von Operationen noch tiefer, noch souliger) und schließlich dem Auftreten der jungen Künstlerin: Aufsässig und mit Augenzwinkern steht sie auf der Bühne, in super-stylishem Make-up, mit langen Glam Nails, ausladenden Ohrringen und einem mehrfarbigen, imposanten Rockstar-Mullet, immer zu „Banter“, also scherzhaftem Schlagabtausch bereit. Gleichzeitig gibt sie sich zugänglich und verletzlich, performt in Baggy Pants und Bikini Top, und mit selbstverständlich sichtbarem, weichen Bauch.
„I want you to sing every word, and feel it, you know?“, singt sie und dann rührt die Zeile “Okay, so yeah, I smoke like a chimney / I’m not skinny , and I pull a Britney every other week / But cut me some slack, who do you want me to be?” die junge Sängerin und ihr Publikum gleichermaßen. Seid nachsichtig mit mir und meinen Vorgängerinnen, mahnt sie in einer treffenden, pophistorischen Referenz auf Britney Spears. Und sie legt nach: „If you ever, ever felt like you are not quite enough, you actually fucking are.“ In Zeiten zunehmenden Optimierungs- und Schlankheitswahns, in dem sogar Sportgrößen wie Serena Williams Ozempic bewerben, ist das eine radikale Ansage: Ich bin messy – chaotisch, sicher nicht perfekt – aber das ist okay so und ihr seid es auch.
Lola Youngs Werk und Celebrity-Persona zeichnen ein offener Umgang mit ihrer Widersprüchlichkeit aus, der auch das öffentliche Thematisieren ihrer schizoaffektiven Störung inkludiert, die sie versucht, als Superkraft zu sehen, gegen das Stigma und die mit der Erkrankung und ihren Folgen assoziierte Scham. Und auch Sex darf da nicht fehlen. In „One Thing“, einer Single-Auskopplung aus ihrem kommenden dritten Album, will das lyrische Ich nur „die eine Sache“, einen Lover mitnehmen „on a little ride“, „show you just what I like“, „when you’re deep up inside“, „break your bed and then the sofa.“
Erfüllender, selbstbestimmter Sex, der sich auszeichnet durch bewusste körperliche Hinwendung, Wertschätzung und Rücksicht auf die Bedürfnisse aller Beteiligten. Aktives Umschließen, statt passiv penetriert werden: Schon 2016 nannte Bini Adamczak einen solchen Sex-Perspektivenwechsel „Zirklusion.“ Gerade für Hetero-Frauen, die beim Dating allzu oft mit Ghosting und dem Orgasm-Gap hadern, eine berauschende Utopie. Young romantisiert aber nicht, sondern reflektiert Machtverhältnisse, indem im Video zu „One Thing“ phallische Bildlogiken unterwandert werden und in einem inszenierten Boxkampf gegen Männer münden, aus dem Young als blutverschmierte, befriedigte Siegerin hervorgeht. Das ist es, denke ich mir, während ich mich durch das Werk von Lola Young höre: Widerständiger Zirklusionspop für die Ozempic-Ära.
„I’m Only F**king Myself“ erscheint am 19. September.
We cannot fucking wait.