Veronika Kracher bezeichnet sich selbst als „Expertin für belastende Männer im Internet“ – soeben ist ihr zweites Buch „Bitch Hunt“ erschienen. Sophia Krauss hat mit ihr über den Prozess gegen Amber Heard und Online-Hass als Geschäftsmodell gesprochen.
an.schläge: Du hast zu Incel-Foren geforscht und widmest dich auch in deinem neuen Buch der Misogynie im Internet. Welche Formen von digitaler Gewalt gibt es?
Veronika Kracher: Digitale Gewalt ist Gewalt, die im Internet passiert, also z. B. Hate Speech in Kommentarspalten oder in privaten Nachrichten, aber auch bildbasierte Gewalt in Form von entmenschlichenden Memes oder sexualisierten Deepfakes.
Im Internet werden enorm viel reaktionäre Hetze, Propaganda und Desinformationen verbreitet. Es ist ein sehr lukratives Geschäft, als Hass-YouTuber Reaktionsvideos hochzuladen, in denen man nichts anderes macht, als bestimmte Menschen zu beschimpfen und diese als Feindbild zu markieren. Es gibt Online-Foren, in denen ganze Mobbing-Kampagnen koordiniert werden. Das transfeindliche Forum „Kiwi Farms“ hat so schon mehrere Menschen in den Suizid getrieben. In den drastischsten Fällen kommt es online auch zur Koordinierung von sexualisierter Gewalt. Auf Telegram gibt es Vergewaltiger-Foren, in denen die User ihre Partner*innen betäuben und sie anderen Männern anbieten. Aber auch auf Mainstream-Porno-Plattformen gibt es Material, das Minderjährige zeigt. Digitale Gewalt ist also vielseitig.
Digitale Misogynie existiert, weil es sie auch im Analogen schon sehr lange gibt. In „Bitch Hunt“ argumentierst du aber, dass die Struktur sozialer Medien wie eine Art Brandbeschleuniger wirkt.
Soziale Medien sind Produkte des patriarchal strukturierten Kapitalismus und funktionieren nach einer bestimmten Logik innerhalb der Aufmerksamkeitsökonomie. Diese fördert auf klassischen Plattformen wie TikTok oder Reddit permanente Empörung. Inhalte, die Empörung hervorrufen, werden schneller und bereitwilliger geteilt und wir haben weniger das Bedürfnis, erst zu prüfen, ob es sich um Desinformation handelt.
Außerdem leben wir in einer Gesellschaft, in der Hass gegen Frauen und queere Menschen normalisiert ist, und zwar gerade dann, wenn sie den ihnen zugeschriebenen Platz im Patriarchat verlassen. Wenn Frauen und Queers sich aus der Unsichtbarkeit wagen und für ihre Interessen kämpfen, werden sie sanktioniert. Digitale Räume werden dann schnell zu einer Art Pranger.
Influencer wie Andrew Tate oder KuchenTV machen genau das: Sie führen Frauen und Queers, die die Regeln des Patriarchats verletzen und z. B. dick oder lesbisch sind, der digitalen Öffentlichkeit vor.
Du hast schon 2022 während des Prozesses von Johnny Depp gegen seine Ex-Frau Amber Heard als eine der wenigen deutschsprachigen Journalist*innen auf den misogynen Online-Mob gegen die Schauspielerin aufmerksam gemacht. Der misogyne Mob und die Desinformation wurden im Fall Amber Heard auch durch Bots befeuert. War dieser Fall eine Inspiration für dein neues Buch?
Ja, der Prozess war einer der Gründe, warum ich „Bitch Hunt“ geschrieben habe. Ich habe damals schnell begriffen, dass der öffentliche Umgang mit Amber Heard überproportional hasserfüllt war, vor allem im Vergleich zu dem mit Johnny Depp. Ihm begegnete man mit viel Verständnis. Es gab die misogyne Vorannahme, Amber Heards Vorwürfe der sexualisierten und körperlichen Gewalt seien gelogen, um ihren gebeutelten Ex-Mann fertigzumachen. Die Leute hatten großen Spaß daran, alles, was Amber Heard gesagt und getan hat, durch eine missgünstige Linse zu betrachten. Der Prozess, in dem es um häusliche Gewalt ging, wurde zu einem riesigen Online-Spektakel, das ausgestrahlt und von einer Armee von Influencer*innen, Streamer*innen, rechten Kulturkämpfer*innen und Johnny-Depp-Fans kommentiert wurde.
Mit Content, der sich gegen Amber Heard richtete, konnte man 2022 sehr viele Klicks generieren und somit sehr viel Geld verdienen. Laut Recherchen wurden außerdem große saudische Bot-Farmen engagiert, um online Hass gegen Amber Heard zu verbreiten. So entstanden viele neue Fake-Accounts, die sich einzig auf Postings gegen Amber Heard fokussierten. Diese Bots trugen auch zu einer Diskursverschiebung bei und animierten reale Nutzer*innen dazu, ihrem Hass online freien Lauf zu lassen.
Es war natürlich die Idee von Depps Team, den Prozess öffentlich zu machen. Amber Heard war nun dazu gezwungen, vor den Augen der Welt z. B. eine Vergewaltigung zu rekapitulieren und dabei öffentlich verhöhnt zu werden. Wenn man den Umgang des Internets mit Amber Heard mit dem Fall P. Diddy vergleicht, bei dem es sich um einen verurteilten Sexualstraftäter handelt, fällt eines besonders auf: Die Öffentlichkeit hatte wesentlich mehr Spaß daran, Amber Heard zu hassen. Tatsächlich nutzten auch antifeministisch organisierte Kräfte diesen Prozess, um ihre Propaganda zu verbreiten. Der Prozess hat allgemein stark dazu beigetragen, die Verbreitung von Desinformation zu normalisieren, solange sie in das eigene Weltbild passt. Für mich stellt „Depp vs. Heard“ auch in dem Diskurs um häusliche Gewalt eine Zäsur dar. Anwält*innen, die Betroffene verteidigt haben, berichteten davon, dass ihre Klient*innen Anzeigen aus der Angst zurückgezogen hätten, dass ihr Ex-Partner auf eine ähnliche Strategie wie Johnny Depp setzen würde.
In deinem Buch gehst du auch auf die „DARVO“-Strategie ein, die dabei zum Einsatz kam.
„DARVO“ steht für „Deny, Attack, Reverse Victim and Offender“. Täter, denen Gewalt vorgeworfen wird, verleugnen diese und versuchen, die Betroffenen als die eigentlichen Gewalttäter darzustellen. Diese Technik wird regelmäßig von häuslichen Gewalttätern in emotional missbräuchlichen Beziehungen angewandt, um die Betroffenen und das Umfeld zu manipulieren. Bei dem Prozess „Depp vs. Heard“ hat man gesehen, wie diese Strategie auf großer Kulturkampfebene funktioniert.
Gewalt richtet sich im Internet z. B. auch gegen trans* und rassifizierte Frauen und Queers. Was geschieht, wenn die Betroffenen von digitaler Misogynie mehrfach marginalisiert sind?
Wenn marginalisierte Menschen Gewalt erleben, werden sie in der Regel wegen ihrer Marginalisierung angegriffen. Wird eine Schwarze Person mit dem N-Wort beschimpft, greift das auf eine Geschichte der Gewalt zurück und kann triggern. Und um trans* Personen anzugreifen, werden diese z. B. oft misgendert. Man versucht ihnen so ihre Würde und Existenz abzusprechen. Solche Verletzungen sind sehr intim. Die Täter wissen, dass sie den Betroffenen damit wehtun. Dazu kommt auch, dass marginalisierten Gruppen innerhalb der herrschenden Verhältnisse ständig ihre Würde abgesprochen wird: Wenn marginalisierte Menschen aufgrund ihrer Marginalisierung diskriminiert werden, wird dadurch die Vorherrschaft der Täter*innen aufrechterhalten. Intersektional verwobene Ressentiments sind gesellschaftlich aufgeladen. Bei Schwarzen Frauen greifen häufig rassistische und geschlechtsspezifische Stereotype ineinander. Sie werden z. B. eher hypersexualisiert, weswegen Schwarzen Betroffenen von sexualisierter Gewalt auch weniger geglaubt wird.
Warum sind auch feministische, linke Frauen und Queers besonders stark von Anfeindungen betroffen?
Feminist*innen oder generell Frauen, die die Dreistigkeit besitzen, ihre eigenen Interessen zu vertreten, statt immer verfügbar zu sein, stellen eine Bedrohung für den patriarchalen Status quo dar. Die Vorherrschaft von cisgeschlechtlichen, heterosexuellen Männern basiert auf der systematischen Ausbeutung und Abwertung von Nicht-Männern. Diese Männer sichern ihre Vormachtstellung alltäglich dadurch ab, dass sie abwertend über Frauen sprechen, schwulenfeindliche Witze reißen oder gemeinsam ins Bordell gehen.
Feminist*innen fordern den patriarchalen Status quo und das männliche Recht, Frauen und Queers zu diskriminieren, heraus. Deshalb werden sie von vielen dieser Männer als Bedrohung wahrgenommen. Ich finde es deshalb begrüßenswert, dass sich im Fall Ulmen zunehmend auch Männer solidarisch äußern. Viele Männer wollen sich nämlich nicht ihr vermeintliches Recht wegnehmen lassen, Frauen ausbeuten und unterdrücken zu dürfen. Das klingt bitter, aber so ist es.