Die Kulturwissenschaftlerin Elke Gaugele forscht zu Fashion und Faschismus. Mit Lea Susemichel hat sie über Hypermaskulinität, den MAGA-Look und weiße Rüschenklamotten gesprochen.
an.schläge: Du arbeitest gerade an einem Buch zu Fashion und Faschismus – leider ein sehr aktuelles Thema. Bei den Modewochen im Frühjahr sorgten Männer wie der Influencer Clavicular für Aufregung, er wird der maskulinistischen Looksmaxxer-Szene zugerechnet und durfte auf dem Laufsteg eine neue Hypermaskulinität repräsentieren. Eben noch haben wir uns über feministische Statement-Shirts von der Stange, den Einfluss von Harry Styles und die vielen Männer mit Perlenketten und Röcken gefreut – jetzt soll das alles schon wieder vorbei sein?
Elke Gaugele: Das existiert parallel, allerdings sind diese rechten Typen auf dem Laufsteg durchaus im Kommen. Es gab ja gerade auch den Skandal um Ye (früher Kanye West) und sein Label Yeezy, das ein Hakenkreuz-T-Shirt verkauft hat, für das er rund um den Super Bowl geworben hat. Auch vorher war er schon durch extrem rechte Inszenierungen und Symboliken aufgefallen, etwa durch sein „White Lives Matter“-Shirt, das er 2022 bei seiner Yeezy-Show in Paris präsentierte.
Ein viel diskutiertes Beispiel für gezielte Provokation mit martialischen modischen Zitaten war auch der Nazi-Mantel des ICE-Oberbefehlshabers Gregory Bovino. Wie interpretierst du das? Ist das ein neues rechtes Selbstbewusstsein, das die Codes nicht mehr versteckt?
Ja, gerade die amerikanische Rechte zeigt ihre faschistischen Referenzen sehr offen – als Zeichen absoluter Dominanz und Männlichkeit. Denken wir nur an den Hitlergruß von Elon Musk. Und Ye verkauft eben offen Hakenkreuz-T-Shirts; die Swastika ist in den USA nicht generell verboten.
Grundsätzlich gab es bei der Mode der Rechten zuletzt deutliche Veränderungen. In der ersten Amtsperiode von Donald Trump wurde noch beklagt, dass Melania Trump nie auf dem „Vogue“-Cover gewesen und die Modeindustrie zu demokratisch und zu links sei. Inzwischen wurde jedoch massiv investiert: Es gibt den MAGA-Look, bei der Inauguration zu Trumps zweiter Amtszeit saßen neben den Tech-Bros auch Modeunternehmer mit am Tisch. Sowohl auf der Ebene der Modeproduktion als auch bei der Magazinproduktion hat sich inzwischen ein ganz neues Feld rechter Lebensstile herauskristallisiert, in unterschiedlichsten Schattierungen, von konservativen und Preppy-Styles (Kleidung wie an der Elite-Universität, Anm.) bis hin zur Far-Right-Szene.
Viele assoziieren mit rechtsextremer Mode immer noch Bomberjacken und Springerstiefel, du hast jedoch schon in deinen früheren Publikationen deutlich gemacht, dass es eine Entwicklung zum „Normcore“ gab, also hin zu harmloser wirkendem Casual-Style, und dass es sogar zu einer Aneignung linker und alternativer Styles kam. Lassen sich Neonazis heute überhaupt noch erkennen? Gibt es noch klare Codes wie früher die weißen Schnürsenkel?
Einerseits gibt es gerade ein Revival klassischer Neonazi-Outfits. Nachdem sich extrem rechte Stile in den vergangenen Jahren stark diversifiziert haben, etwa durch Preppy-Looks oder andere Strömungen, gibt es inzwischen wieder Gruppen, die ganz bewusst diesen traditionellen Neonazi-Stil aufgreifen und tragen. Die Produktion extrem rechter Mode orientiert sich aber auch stark an bestehenden Streetstyle- und Sportswear-Ästhetiken. Vieles funktioniert ähnlich wie Fast Fashion: Trends und aktuelle Stilformen werden aufgegriffen und anschließend mit eigenen Codes, Symbolen und Slogans versehen. Rechte Mode schreibt sich also gezielt in bestehende Modestile ein, statt vollständig eigene Ästhetiken zu entwickeln.
Auch die Tech-Bros versuchen, sich über Mode Street-Credibility zu verschaffen und verkaufen derzeit Arbeiterjacken, die an den traditionellen Blaumann angelehnt sind. Welche Strategie steckt dahinter?
Diese Blaumann-Jacke ist ja schon häufiger über den Laufsteg gegangen, etwa bei Prada oder auch bei Balenciaga. Indem sie diese Work-Wear als Merch verkaufen, setzen sich die Tech-Bros auf Trends drauf, um ihre Ideologie mit Lebensstil zu verknüpfen und auch über Mode neue Anhänger*innen zu gewinnen. Firmen wie Palantir üben damit auch über Mode kulturelle Gewalt aus.
Du hast den hypermaskulinen MAGA-Look erwähnt, bei den Frauen geht es parallel dazu um Hyperfeminität. Was sind hier die Dresscodes?
„Nazi-Barbie-Look“ hat Diana Weis den einmal treffend genannt, nicht zuletzt wegen der grassierenden Schönheitschirurgie. Die ultrafemininen Codes dieser Styles werden oft auch in Nationalfarben inszeniert; besonders die Farbe Weiß spielt eine große Rolle, eine ganze Designindustrie ist drumherum entstanden. Diese Trends lassen sich auch gut an der Trump-Familie selbst beobachten. Das „Trump Warehouse“ produziert auch Kleidung, mit viel Preppy- und Heritage-Stil – stark angetrieben von Trends aus rechten Milieus. Nachdem das rechte Projekt lange sehr maskulinistisch geprägt war, versucht man inzwischen gezielt, eine „Womensphere“ aufzubauen. Über Lifestyle-Magazine und Mode sollen neue Anschlusszonen für Frauen geschaffen werden. Gut zeigen lässt sich das an den Magazinen „The Conservateur“ und „Evie Magazine“. „Evie“ etwa kommt aus einem pronatalistischen Umfeld, das von Teilen der Silicon-Valley-Techszene unterstützt wird, die inzwischen Überschneidungen mit MAGA- und White-Supremacy-Milieus haben. In diesem Kontext wurde etwa auch von Netzwerken um Peter Thiel eine Wellness-App entwickelt, bei der es letztlich um Fertilität und Geburtensteigerung geht. Auch im Magazin selbst geht es in nahezu jeder Ausgabe um Dating; dazu kommen eigene „Dating Collections“ – viel weißes Rüschenzeug, mit dem Frauen sich auf den Partnerschaftsmarkt werfen sollen.
Das passiert nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland, wo es tatsächlich neunzig rechte Modelabels gibt. Du vertrittst die These, dass Mode zu einer wichtigen Waffe eines neuen kulturellen Faschismus geworden ist und dass auch die AfD das nutzt. Wie kam es zu dieser Entwicklung?
Wir verfolgen diese Gründungen seit 1989, ein Teil dieser Erstgründungen waren Neonazi-Projekte, die erkannt haben, wie wichtig Kleidung für die Identität ist. Es gab dann relativ früh ein Verbot von Modemarken wie Lonsdale in Schulen. Die Szene hat darauf mit Marken reagiert, die erst über Versandhauskataloge, aber auch schon sehr früh übers Internet vertrieben wurden. Lonsdale selbst hat nicht mehr ausgeliefert an den einschlägigen Versandhandel, weil sie nicht mit der rechten Ideologie in Zusammenhang gebracht werden wollten. Daraufhin gab es viel Copycat-Zeug, Marken wie Masterrace Europe etwa haben bei Lonsdale geklaut und neu zusammengesetzt. Thor Steinar ist auch eine frühe Gründung, als die Szene sich weiter professionalisiert hat. Dann gibt es sogenannte Hate-Labels wie Yakuza, die sich immer an der Grenze bewegen und in der Szene getragen werden, durch den Aufstieg von Social Media und durch Influencer kam es zu einem weiteren Boom.
Es gab auch Labelgründungen aus dem Umfeld der AfD und der Identitären-Bewegung, etwa das von Identitären gegründete Modelabel Phalanx Europa. Gleichzeitig lässt sich ein deutlicher ästhetischer Wandel beobachten: Die AfD setzt stark auf mediale Repräsentation und insbesondere auf ihre Wirkung in sozialen Medien. Damit einher geht ein deutlich gepflegteres, „smarteres“ Erscheinungsbild – von konservativen Lifestyle-Ästhetiken bis hin zu Formen des Power-Dressings. Dabei werden einzelne Akteur:innen gezielt als Stil- und Identifikationsfiguren aufgebaut. Mode und Lifestyle werden so Teil einer Strategie, die ein radikales politisches Projekt ästhetisiert und „verunschuldigt“.
Mode hat viel mit Klassendistinktion zu tun, beim neuen Konservatismus und dem Revival der Old-Money-Ästhetik geht es um das „Dressing up“, beim erwähnten Blaumann ist es hingehen ein „Dressing down“, mit dem man sich anbiedert. Welche Funktion hat der „Class Style“?
Genau, einerseits wird sich der Working-Style angeeignet, aber dann haben wir auch das, was man als Klassenkampf von oben bezeichnen könnte. Die Sozialdistinktion orientiert sich über „Dressing up“ am oberen Mittelstand oder kopiert aristokratische Lebensstile und die reichen Lebensstile der Eliten. Der Old-Money-Stil ist eine Repräsentation von Macht.
Deswegen sehen wir im Moment so viele Twin-Sets und Perlenohrringe?
Ja, und bestimmte Uhren – und sogar das Einstecktuch im Anzug.
„Queen Elizabeth II: Her Life in Style“ heißt eine Ausstellung zum 100. Geburtstag der Queen, die ihre Garderobe zeigt. „Die Queen wusste die Macht der Mode zu nutzen wie kaum eine andere“, heißt es in der Ankündigung. Welche Macht hat Mode auf dieser konkreten Ebene politischer Repräsentation? Warum ist es so wichtig, was Politikerinnen tragen – oder sogar die Ehefrauen von US-Präsidenten? Kaum etwas wurde so leidenschaftlich diskutiert wie die modischen Fauxpas von Melania Trump, und auch Michelle Obama hat letztes Jahr einen Bildband über ihre ikonischen Modestatements veröffentlicht.
Zwischen der Mode der Queen und jener der Ehefrauen der US-Präsidenten gibt es ja deutliche Parallelen. Besonders bei Inaugurationen wird die politische Elite der USA oft wie eine Art amerikanische Aristokratie dargestellt. Die First Lady übernimmt dabei eine stark repräsentative, beinahe „königliche“ Funktion – weit stärker als etwa die Ehepartner:innen von Politiker:innen in Deutschland. Das zeigte sich auch in den Debatten um Melania Trump, auf die rechte Netzwerke mit eigenen Gegenöffentlichkeiten reagieren – etwa mit dem Film über Melania Trump oder mit konservativen Lifestyle- und Modeformaten.
Interessant ist dabei auch die Rückkehr des sogenannten Power-Dressing. Melania Trumps Inszenierung – etwa in den offiziellen Fotos im weißen Blazer – knüpft deutlich an Ästhetiken der 1980er-Jahre an, an Serien wie Dallas oder Dynasty. Dieses Power-Dressing mit Schulterpolstern und betont autoritativer Silhouette wurde damals gezielt als Form eines sozialen „Wardrobe Engineering“ entwickelt: Kleidung sollte Frauen symbolisch zu mehr Autorität, Durchsetzungsfähigkeit und sozialem Aufstieg verhelfen. Die Strategie wurde prominent auch bei Margaret Thatcher eingesetzt, deren Auftreten bewusst stilistisch überarbeitet wurde, um sie stärker als Staatsfrau und politische Autoritätsfigur zu inszenieren.
Wie sieht modischer Protest gegen Rechts momentan aus?
Designer*innen setzen mit Kollektionen bewusst Zeichen gegen rechte Codes und Ideologien. Ein Beispiel für modischen Protest waren etwa die Antifa-Shirts von Vetements im Oktober 2025 in Paris, die sich auf dem Catwalk gezielt gegen Ye richteten. Es gibt auch andere Gegeninitiativen wie etwa Laut gegen Nazis e.V. mit der Kampagne „Recht gegen Rechts“. Dabei werden Markenrechte an rechtsextremen Labels wie Druck18 gekauft, weil viele dieser Namen nicht geschützt waren. Die dazugehörigen Websites werden dann antifaschistisch umfunktioniert – mit satirischen „Makeover“-Stories und anderen Formen des kreativen Protests.
Bei Fashion against Fascism werden rechte Codes und visuelle Erkennungszeichen systematisch erfasst und aus dem Handel herausgefiltert. Das ist wichtig, weil solche Codes international oft nicht erkannt werden. Ich habe selbst einmal bei Onlinerecherchen bei einem französischen Retailer Ware von Label 23 gefunden – also Produkte, bei denen außerhalb Deutschlands häufig gar nicht verstanden wird, welche Bedeutung diese Zeichen in der rechtsextremen Szene haben.
Elke Gaugele ist empirische Kulturwissenschaftlerin und Professorin für Moden und Styles an der Akademie der bildenden Künste in Wien.