Das Patriarchat ist das Problem – Männer müssen sich grundlegend ändern. Von Sibel Schick
Seit der Fall Pelicot publik wurde, wird allerorts gefordert: Die Scham muss die Seite wechseln! Scham ist dabei nicht bloß ein Gefühl, sondern auch ein patriarchales Machtinstrument. Scham führt dazu, dass Menschen schweigen, aufgrund von Scham geben die Betroffenen von Gewalt sich selbst die Schuld. Scham schützt letztendlich die Täter*innen. Deshalb ist es nicht bloß ein Gefühl, sondern auch ein Disziplinierungsapparat und ein Werkzeug der Herrschaft. Die feministische Theorie spricht gar von einem Gender-Shame-Gap: Frauen empfinden unverhältnismäßig viel Scham – im Gegensatz zu Männern. Wenn Gisèle Pelicot und andere also fordern, dass die Scham die Seite wechseln soll, dann versteckt sich darin die Hoffnung, dass die Scham Männer davon abhält, Gewalt anzuwenden. Die Sache ist: Männer sind durchaus fähig, Scham zu empfinden. Sie schämen sich allerdings vor allem dann, wenn sie erwischt werden. In den von STRG-F und CNN aufgedeckten Vergewaltiger-Chatgruppen, in denen sich tausende Männer jahrelang über die Betäubung und Vergewaltigung ihrer Partner*innen ausgetauscht haben, schämen sich die Männer kein bisschen – vielmehr feiern und ermuntern sie sich gegenseitig.
Männliche Scham hat eine weitere Dimension: Wer schon mal mit einem Mann, der sich für seine Grenzüberschreitung oder Gewalttaten schämt, in Berührung gekommen ist, weiß, wie schnell das zum Problem der Betroffenen gemacht werden kann. Diese sollen die Scham lindern, den Relativierungen glauben, verzeihen – sie sollen dafür sorgen, dass seine Scham verschwindet. Männer nutzen auch ihre eigene Scham als Werkzeug der Unterdrückung, sie schlagen noch aus der Schamkrise patriarchales Kapital.
Wir alle wissen seit Langem, dass das eigene Zuhause der gefährlichste Ort für eine Frau ist, das zeigen die Statistiken zu Femiziden in Österreich, Deutschland und anderswo. Aber es ändert sich nichts. Frauen sind indes nicht nur durch ihre romantischen Partner Gewalt ausgesetzt. In den oben erwähnten Chatgruppen, in denen Männer Aufnahmen von betäubten Frauen teilen, die sie vergewaltigen – manchmal auch im Livestream, indem sie Anweisungen ihres Publikums annehmen, manchmal gegen Bezahlung –, ist die Rede nicht nur von Ehefrauen, Freundinnen, Mitbewohnerinnen oder Nachbarinnen. Sie schreiben auch davon, dass sie ihre Mütter, ihre Schwester und ihre Töchter betäuben und vergewaltigen würden. Die Aufnahmen teilen sie mit zehntausenden Fremden im Netz.
Frauen sind also in Wohnungen, die sie mit ihren eigenen Kindern, mit ihren Eltern oder mit ihren Geschwistern teilen, nicht sicher.
Das ohrenbetäubende Schweigen vieler Männer hingegen wird endlich wahrgenommen. Es nicht wahrzunehmen, scheint auch gar nicht mehr möglich: All jene, die selbst für das banalste Thema einen Podcast starten und die einfach nie die Fresse halten, selbst wenn man sie mehrfach drum bittet, scheinen sprachlos, wenn es um systematische sexualisierte Gewalt von Männer geht. Doch auch Schweigen ist hier Mittäterschaft. Und wenn sie sprechen, hören wir häufig Relativierungen. Entweder wird die Unschuldsvermutung wiederholt, als befänden wir uns vor Gericht. Oder virtuelle Gewalt wird kleingeredet, das Sprechen über Gewalt wird zum Mittel, um Gewalt zu rechtfertigen. Oder aber Männer betreiben Schuldumkehr – so wie der AfD-nahe Ökonom Stefan Homburg es neulich vor laufender Kamera tat, als er Collien Fernandes als „Flittchen“ bezeichnete. Das ist eine misogyne und klassistische Praxis und eine seit dem transatlantischen Sklavenhandel historisch tradierte rassistische Strategie, um sexualisierte Gewalt gegen Schwarze Frauen zu relativieren. Sie werden für „unrapeable“ erklärt, weil sie so lüstern seien, so soll es gar keine Vergewaltigung sein.
Das Patriarchat ist ein Ökosystem: Flickst du an einer Stelle, sprudelt es woanders unkontrollierbar heraus. Deshalb reichen Reparaturen nicht, es muss eine Revolution her. Das Patriarchat ist auch wie eine Eidechse: Du schneidest den Schwanz ab, aber er wächst wieder nach. In Gefahrsituationen lässt es ihn manchmal sogar freiwillig fallen – zur Täuschung.
Männer müssen sich grundlegend ändern, die gesamte Gesellschaft muss sich ändern, um nach und nach eine bessere Welt aufzubauen. Dafür braucht es Einsicht. Und wie zur Scham sind Männer auch durchaus fähig einzusehen, dass Männlichkeit das Problem ist: Wenn Männer gefragt werden, ob ihre Töchter lieber einem Bären oder einem Mann im Wald begegnen sollen, antworten auch sie oft: dem Bären. Warum nur übersetzen sie dieses Wissen nicht auf alle Ebenen des Lebens, warum transformieren sie es nicht für den Kampf gegen das Patriarchat? Weil das patriarchale Ökosystem sie schützt und privilegiert. Also haben sie nie die Ursachen ihrer Probleme darin gesucht. Wenn Männer im Krieg sterben, liegt es an „äußeren Feinden“. Wenn sie unter Armut leiden, sind daran die Ausländer schuld, die ihnen die Jobs wegnehmen. Laut dem deutschen Bundeskanzler sind Ausländer selbst bei Gewalt wie im Fall Fernandes die Schuldigen. Wenn Männer keine bezahlbare Wohnung finden, sind es die Sozialhilfebeziehenden, die auf Kosten der Steuerzahlenden in schönen Wohnungen leben. Wenn Männer vereinsamen, weil sie nie gelernt haben, Frauen respektvoll zu behandeln, sind irgendwie Frauen schuld. Aber nie das Patriarchat, auf keinen Fall das Patriarchat.
Aber das Patriarchat ist das Problem. Diese Einsicht brauchen wir wie die Luft zum Atmen. Sie muss unerschütterlicher Konsens werden.
Auf die Frage des „Spiegel“, was sich Collien Fernandes von dem juristischen Verfahren gegen Christian Ulmen verspricht, antwortet sie: „Ich will, dass er anerkennt, was er getan hat.“ Das ist eine der Voraussetzungen der Heilung: Dass unsere Wunden gesehen werden, dass unser Schmerz anerkannt wird. Für die Gesellschaft – für den gesellschaftlichen und globalen Frieden – ist dies unverzichtbar. Also, Männer: Schafft ihr das?
Autorin und Journalistin Sibel Schick ist 1985 in Antalya, Türkei, geboren und lebt seit 2009 in Deutschland. Sie schreibt eine Kolumne für die zivilgesellschaftliche Organisation Campact e.V. und dreht eine Video–Kolumne für die linke Zeitung „nd“. Neulich ist ihr Sachbuch „Mein Körper – wessen Entscheidung? Warum wir reproduktive Gerechtigkeit brauchen“ bei S. Fischer erschienen.