In regelmäßigen Abständen entdecken Modeindustrie und Medien lesbische Ästhetiken neu. Was heute als „Sapphic Style“ ausgerufen wird, war jedoch nie bloße Geschmackssache. Von Vina Yun
Im Frühling 1993 sorgte das Cover der US-Zeitschrift „New York Magazine“ für Aufsehen. Darauf präsentierte sich k.d. lang, Country-Pop-Musikerin und lesbischer Superstar, selbstbewusst in einem großzügig geschnittenen Herrenanzug und mit markanter Kurzhaarfrisur. Über dem Porträt prangte in großen Lettern die Schlagzeile: „Lesbian Chic“. Was früher noch als subkultureller Stil belächelt worden war, rückte nun glamourös ins Rampenlicht der Öffentlichkeit.
Nur wenige Monate später legte das Magazin „Vanity Fair“ nach. Erneut zierte k.d. lang das Titelblatt: Während sie – diesmal in schickem Nadelstreif und schwarzen Combat-Boots – in einem Friseurstuhl saß, verpasste ihr Cindy Crawford eine Nassrasur. Das Supermodel der 1990er-Jahre trug einen engen schwarzen Body sowie High-Heel-Stiefeletten und legte in ekstatischer Pose den Kopf in den Nacken. Bis heute besitzt das Bild mit seinen campy Butch-Femme-Rollen ikonischen Stellenwert – und gilt als Musterbeispiel lesbischer Sichtbarkeit, die in jener Dekade einen popkulturellen Höhenflug erlebte.
Sapphic Style. Der „Lesbenmoment“, den das englischsprachige Feuilleton seither regelmäßig ausruft, geht fast immer mit Zuschreibungen an einen „sapphischen“ Stil einher. Die Frage, ob es so etwas wie einen lesbischen Look überhaupt gibt, wiederholt sich dabei ebenso hartnäckig wie die nächste Modewelle, die einen solchen entdeckt haben will. So erklärte 2022 das Modemagazin „Harper’s Bazaar“: „Sapphic Style wird Mainstream“, mit der Begründung: „Androgyne Looks, für die Lesben einst niedergemacht wurden, gehören heute zum Standardsortiment von Urban Outfitters“, wie Autorin Jill Gutowitz schreibt. Illustriert wurde der Beitrag mit Hetero-Promis wie Zendaya, Dakota Johnson und Bella Hadid. Es sei beruhigend, so Gutowitz weiter, heute weniger Angst haben zu müssen, für solche Kleidung als „Dyke“ beschimpft zu werden.
Doch neue Sichtbarkeiten führen auch zu neuen Vereindeutigungen. Nur wenig später trieb nämlich die Boulevardzeitung „New York Post“ die Beobachtungen Gutowitz’ auf die Spitze: „Dressing like a lesbian“ – also sich wie eine Lesbe anzuziehen – sei der heißeste Modetrend, „sexy“ und „powerful“. Der Shitstorm ließ nicht lange auf sich warten. Kritisierten die einen die Aneignung lesbischer Kultur, hinterfragten die anderen die Grundannahme selbst: Lässt sich eine so vielfältige Identität überhaupt auf ein einziges Modebild reduzieren?
Wandersandalen meets Lederjacke. Bei näherer Betrachtung ist „lesbische Mode“, die auch stets mit non-binären und trans Kleidungspraktiken verbunden ist, ein widersprüchliches Konzept, da sie immer zwischen Identifizierbarkeit und Uneindeutigkeit pendelt. Spätestens seit den 1980ern galten „Lesbischsein“ und „Mode“ vielerorts als Gegensätze, selbst innerhalb vieler lesbisch-feministischer Szenen, war doch das allgemeine Verständnis von Mode in westlichen Gesellschaften eng an Weiblichkeit und heterosexuelle Begehrbarkeit gekoppelt. Entsprechend erschien in diesem Denken „die Lesbe“ als Gegenbild: funktional statt verführerisch, unweiblich statt elegant, antimodisch statt modebewusst. Die britische Kulturtheoretikerin Elizabeth Wilson brachte es einmal auf den Punkt: Die populäre Vorstellung der Lesbe sei die einer Frau ohne Stil.
Es ist ein Klischee, das weiterhin nachhallt – etwa in der Figur der „hässlich“ gekleideten Outdoor-Lesbe. Die Berliner Journalistin und „L-Mag“-Verlegerin Manuela Kay kennt dazu einen Witz: „Da kann es natürlich zu tragischen Verwechslungen kommen, weil alle deutschen Touristinnen in der ganzen Welt immer für Lesben gehalten werden, weil die genau so aussehen. Also: wetterfeste Funktionskleidung, praktisch, wenig körperbetont, auf Survival ausgerichtet.“
Natürlich existieren sie: Lesben in Cargohosen, Flanellhemden, Lederjacken und Doc Martens. Oder im Herrenanzug, dem Klassiker lesbischer Stilgeschichte. In jüngerer Zeit gelten gar Karabinerhaken oder silberne Daumenringe als lesbische Erkennungszeichen. Viele dieser Kleidungsstücke und Accessoires stammen aus Arbeiter- und Militärkulturen, häufig auch Punk- oder BDSM-Szenen. Durch ihre Aneignung innerhalb lesbischer Communitys wurden sie neu codiert und zu eigenen Zeichen der Zugehörigkeit.
Tarnung und Risiko. Umso erstaunlicher ist, wie wenig lesbische Modepraktiken bislang erforscht wurden. Zwar gibt es inzwischen zahlreiche Publikationen zu Mode, Geschlecht und Queerness. Doch erst 2024 erschien mit „Unsuitable: A History of Lesbian Fashion“ von Eleanor Medhurst die erste Monografie, die sich der Geschichte lesbischer Kleidung in Europa, Nordamerika und Japan widmet. Von Königin Christina von Schweden über die englische Landadelige Anne Lister bis hin zu den Butch-Femme-Kulturen nach dem Zweiten Weltkrieg und den lesbischen Szenen der jüngeren Vergangenheit – Medhurst zeigt, wie Kleidung genutzt wurde, um Geschlechtergrenzen zu verschieben und alternative Formen von Weiblichkeit in Szene zu setzen.
Entsprechend greift die Vorstellung einer klar abgrenzbaren „Lesbenmode“ zu kurz. Oder wie Medhurst, die auch den Blog „Dressing Dykes“ betreibt, selbst schreibt: „Lesbische Mode ist nicht definierbar.“ Weder sei sie ein einheitlicher Stil noch jemals nur eine Sache gewesen. Treffender wäre es daher, von lesbischen Modestrategien zu sprechen: als Praktiken der Sichtbarkeit und Tarnung, der wechselseitigen Wiedererkennung („Signaling“) oder als Versuch, sich gesellschaftlichen Erwartungen zu entziehen.
Ein Beispiel, wie Kleidung für Queers zugleich Schutz und Gefahr bedeuten konnte, war die sogenannte „Three-Article Rule“ im New York der 1940er- bis 1960er-Jahre. Gemeint war damit eine polizeiliche Praxis, nach der Menschen eine Mindestzahl an Kleidungsstücken tragen mussten, die ihrem zugewiesenen Geschlecht entsprachen. Sie diente vor allem dazu, queere Menschen, trans Frauen und Drag-Performer*innen zu schikanieren und zu kriminalisieren. In der Anthologie „The Persistent Desire: A Femme-Butch Reader“ (1992) berichtet Piri, eine Schwarze Butch-Lesbe, von einer solchen Kontrolle: „Dann fragten sie: ‚Was für Schuhe haben Sie an? Männerschuhe?‘ Und ich sagte: ‚Nein, Frauenschuhe.‘ Es waren geflochtene Frauenschuhe. Darauf meinte der Polizist: ‚Dann haben Sie verdammtes Glück gehabt.‘“ Tatsächlich existierte die „Three-Article Rule“ nie als offizielles Gesetz. Historiker*innen vermuten vielmehr, dass der Begriff innerhalb queerer und trans Communitys als eine Art informelle Warnung vor Polizeikontrollen weitergegeben wurde.
Von der Subkultur zum Algorithmus. Über lesbische Modegeschichte zu sprechen bedeutet, auch ihre selektive Sichtbarkeit mitzudenken: Wessen Kleidung wurde dokumentiert, wer blieb unsichtbar? Und wer galt überhaupt als lesbisch lesbar? Bis heute konzentrieren sich Forschung und mediale Erzählungen überwiegend auf weiße, westliche und häufig mittelschichtsgeprägte Lesbenleben. Zudem wurde lesbische Mode lange bevorzugt durch die Linse „weiblicher Maskulinität“ betrachtet, insbesondere anhand von Herrenkleidung. Wenig überraschend: „Maskuline“ Frauen fielen stärker auf, während Femmes oft unsichtbar waren, weil sie aufgrund ihres Erscheinungsbildes schlichtweg für heterosexuell gehalten wurden.
Mit den sozialen Medien haben sich die Bedingungen und Dynamiken dieser Sichtbarkeit wesentlich verändert. Auf Plattformen wie TikTok oder Instagram werden lesbische Stile nicht mehr nur getragen, sondern gezielt kuratiert und algorithmisch verbreitet. Was früher lokales Szenewissen war („man erkennt einander irgendwie“), erscheint heute als kategorisierbarer Look im Feed – beispielsweise bei Content Creators wie jjeolam, xiaolongbby oder claire_holt12, die ihre Auftritte mit Hashtags wie „masc lesbian“, „tomboyfashion“ oder „sapphic fashion“ versehen. Das schafft neue Formen der Sichtbarkeit und Orientierung, verwandelt jedoch soziale Erfahrungen zugleich in konsumierbare Ästhetiken.
Denn „lesbische“ Modestile entstehen nicht allein durch bestimmte Kleidung. Entscheidend ist vielmehr, wie mit Kleidungs- und Geschlechternormen „gespielt“ wird. Ob ein Outfit lesbisch bzw. queer wirkt, hängt deshalb weniger von der Modemarke ab als vom sozialen Kontext, in dem es getragen und gelesen wird. Anders gesagt: Was als lesbische, queere oder „sapphische“ Mode gilt, bleibt ständig in Bewegung. Vielleicht liegt gerade in dieser Unschärfe ihr widerständiges Potenzial.
Vina Yun, freie Journalistin in Wien, wechselt zwischen karierten Herrenhemden und streng geschnittenen rosa Blusen. Das Haus verlässt sie selten ohne ihre Diadora-Sneaker.