Die italienische Philosophin Federica Gregoratto hat ein Buch über „Love Troubles“ und das patriarchale Konzept der Amatomononormativität geschrieben. Irem Demirci hat mit ihr über die Liebe in Freundschaften gesprochen und warum es sich lohnt, sich auf neue erotische Erfahrungen einzulassen.
an.schläge: Viele Menschen suchen nach Liebe. Was bedeutet Liebe für Sie?
Federica Gregoratto: Liebe in all ihren Formen – sexuelle oder familiäre Liebe, Freundschaft – ist in erster Linie eine soziale Beziehung oder Bindung, nicht nur eine Emotion. In unserer Geschichte wurde Liebe auf viele Arten definiert und praktiziert – zum Beispiel als Verlangen nach intimer Vereinigung oder sogar Verschmelzung, als eine Form der mehr oder weniger selbstlosen Fürsorge, als Sehnsucht nach einem Zuhause in dieser Welt. Für mich ist sie aber vor allem eine Form, wie wir uns aus unseren privatesten, intimsten Räumen heraus auf das Andere beziehen, bewegt von dem brennenden Wunsch, besser zu verstehen, wer wir sind, persönlich und kollektiv, aber auch, wer wir werden wollen. Liebe ist an sich ein Werden, eine Transformation. Ehrlich gesagt bin ich gar nicht besonders daran interessiert, Liebe zu definieren und sie in einer Theorie zu artikulieren, sondern vielmehr daran, zu erforschen, was Liebe bewirken kann.
In Ihrem Buch „Love Troubles: A Philosophy of Eros“ beschreiben Sie die Ambivalenz der Liebe zwischen Unterdrückung und Befreiung. Inwiefern ist Liebe damit verwoben?
Liebe ist definitiv nicht losgelöst von dem, was in der Gesellschaft insgesamt und in ihren verschiedenen Unterdrückungssystemen vor sich geht. Liebe wird von Unterdrückungssystemen wie Rassismus, Heterosexismus und dem kapitalistischen, neoliberalen System geprägt und beschädigt. In Anlehnung an Hegel und zeitgenössische Hegelianer:innen behaupte ich, dass Menschen Anerkennung brauchen – gesehen, bestätigt, unterstützt, gehalten, umsorgt werden müssen –, um eine gute Beziehung zu sich selbst aufzubauen, was wiederum grundlegend ist, um mit anderen auf gute oder zumindest anständige Weise umzugehen. Wir müssen so anerkannt werden, wie wir sind, in unserem einzigartigen, besonderen Wesen, aber auch so, wie wir werden wollen. In unseren Gesellschaften leiden viele Menschen – Menschen, die rassifizierten Gruppen angehören, Frauen, trans und queere Personen, armutsbetroffene oder ökonomisch benachteiligte Menschen, Menschen, die von den etablierten Standards für Schönheit oder kognitive und körperliche Fähigkeiten abweichen – unter einem gravierenden Mangel bezüglich dieser Anerkennung. In diesen Fällen wird die Anerkennung durch geliebte Menschen umso wichtiger und dringlicher. Bei dem Versuch, Liebe zu finden und zu sichern, um die Anerkennung zu erhalten, die wir so sehnlichst wünschen, laufen wir Gefahr, uns sozialen Imperativen anzupassen: Wir versuchen, unser Verhalten, unseren Körper und unsere Gefühle so zu konstruieren und zu formen, dass wir begehrenswert und akzeptabel werden. Wünsche, die als „abweichend“ oder „unangemessen“ gelten, werden unterdrückt oder verdrängt.
Könnten Sie hierfür ein Beispiel geben?
In patriarchalen Gesellschaften werden sowohl heterosexuelle cis Frauen als auch queere und trans Personen dazu gebracht, sich als grundsätzlich falsch zu empfinden und sich ständig für sich selbst zu schämen. Uns wird eingeredet, dass nur Liebe und nur bestimmte Arten von Liebesbeziehungen uns aus unserem Elend befreien oder sogar „unsere Existenz rechtfertigen“ können, wie Simone de Beauvoir es formulierte. Gibt es eine qualvollere und trügerischere Form der Anerkennung als diese? Wir hängen zu sehr an bestimmten Menschen und Situationen, die uns oft zutiefst schaden, und werden dafür kritisiert. Wenn wir jedoch versuchen, aus einem missbräuchlichen oder einfach nur unerfüllten Umfeld auszubrechen, werden wir bestraft, manchmal hart und gewaltsam. Letztendlich akzeptieren wir familiäre und romantische Arrangements, zum Beispiel die Ehe oder eheähnliche Beziehungen, die traditionelle bürgerliche Familienform, die in Zeiten konservativer Restauration und „Gegenreformen“ ein Comeback erlebt, auch wenn unsere Wünsche nicht dazu passen. Wir wünschen uns, dass Liebesbeziehungen sich weniger falsch anfühlen, aber am Ende sind wir tief entfremdet, von uns selbst und von anderen. Anstatt uns für zukünftige Möglichkeiten zu öffnen, bleiben wir in langweiligen Wiederholungen derselben widersprüchlichen Muster stecken, die dazu beitragen, die Macht von Unterdrückungssystemen zu stärken.
Die sogenannte Amatomononormativität kann Teil dieser Wiederholungen sein. Was meint dieses Konzept?
Amatomononormativität ist ein „soziales Regime“, das eine bestimmte Art von Liebe zum höchsten Ziel erklärt, das wir anstreben müssen. Die Amatomononormativität schreibt uns vor, dass wir „den Einen“ finden müssen. Dass nur eine einzige Person uns alles geben kann, was wir glauben zu brauchen oder gelernt haben zu brauchen: die einzige Person, die wir sexuell begehren sollten, mit der wir ein Zuhause teilen oder gemeinsam Kinder großziehen und alt werden sollten, die uns spirituell und materiell unterstützen muss. Die einzige Person, die uns all die Anerkennung geben kann, die wir brauchen, und die wir auf die gleiche Weise anerkennen müssen. Amatomononormativität schließt nicht nur aus, dass wir mehr als eine Person gleichzeitig romantisch, sexuell und erotisch lieben können. Sie lässt uns auch auf andere Arten der Liebe verzichten: die Liebe zur Schönheit der Natur, zur Kunst, zu unseren Gemeinschaften und zu Freundschaften. Das Einzige, was wir genauso lieben dürfen wie unsere exklusiven romantischen Partner, ist die Arbeit.
Eros, der Gott der Liebe, ist eine männliche Figur. Inwiefern sind romantische Ideale und Amatomononormativität mit dem Patriarchat verbunden?
Amatomononormative Imperative sind ein Rückgrat des Patriarchats, weil sie insbesondere Frauen dazu ermutigen, so viel Zeit, Energie und Talente in die Suche nach einem Partner zu investieren, dass sie blind und unempfänglich für andere mögliche Formen der Entfaltung und der Fürsorge werden. Amatomononormativität überzeugt Frauen davon, dass wir auf jeden Fall einen (männlichen) Partner brauchen und dass sogar Missbrauch und Gewalt ertragen werden können, wenn wir dadurch dieses Ziel erreichen. Amatomononormativität ist aber auch mit dem kapitalistischen, neoliberalen System verbunden. Einem System, in dem wir ständig überarbeitet am Rande eines Burn-outs stehen und nur begrenzte Ressourcen haben, die wir der Liebe und erotischen Experimenten widmen können. Polyamoröse Konstellationen und größere Gemeinschaften der Fürsorge wären zu anspruchsvoll. Ein Partner und die bürgerliche Kernfamilie werden dann zu pragmatischen Notwendigkeiten im Sinne des Zeitmanagements. Erotische und intime Räume müssen im Kapitalismus Oasen der Zufriedenheit inmitten der Härte des Arbeitsmarktes sein, damit wir neue Kraft tanken können. Die Unterordnung erotischer Erfahrungen unter die Bedürfnisse der Arbeit schränkt die Potenziale, aber auch die Realitäten erotischer Erfahrungen erheblich ein.
Sie verstehen sowohl sexuelle Liebe als auch nicht-romantische Freundschaft als erotische Liebe – inwiefern?
Für mich sind beides Formen erotischer Liebe. Natürlich kann es einige Unterschiede zwischen romantischen und freundschaftlichen Praktiken geben: Beispielsweise sehnen wir uns vielleicht mehr nach körperlicher Nähe zu unseren romantischen Partner:innen, aber das trifft nicht immer zu, da viele romantische Partner:innen nicht besonders an Sex interessiert sind, während Freund:innen, die keine traditionellen romantischen Beziehungen eingehen möchten, durchaus eine intensive sexuelle Leidenschaft miteinander teilen können. Ein weiterer bedeutender Unterschied besteht darin, dass es keine akzeptierten Verhaltensmuster für die Trennung von Freund:innen gibt, wie wir sie bei romantischen Partner:innen haben. Aber all diese Arten von Liebe werden gleichermaßen von dem Wunsch nach Anerkennung angetrieben. Es ist Teil der Amatomononormativität, Romantik von Freundschaft zu unterscheiden und letztere abzuwerten. Der Verlust von Freundschaften, etwa weil wir wie verrückt arbeiten müssen, um im Kapitalismus zu überleben, macht uns sehr einsam und ist Teil dessen, was heute als „Epidemie der Einsamkeit“ bezeichnet wird. Einer der Mechanismen aller Formen der Unterdrückung besteht darin, Menschen voneinander zu trennen.
Wo genau liegt innerhalb unterdrückender Strukturen das Potenzial sexueller Liebe, aber auch von Freundschaft?
Ich glaube, dass die Liebe uns dazu zwingt, uns selbst und anderen alle möglichen beunruhigenden Fragen zu stellen. Das liegt an den Schwierigkeiten und Ambivalenzen, mit denen wir ständig konfrontiert sind, wenn wir verliebt sind und „in Freundschaft“ leben. Liebe ist keine harmonische Oase, wie es der Kapitalismus gerne hätte. Sie wirft Fragen darüber auf, wer wir sind und wer wir sein wollen, wie wir gut füreinander sorgen können, welche Verantwortung wir füreinander haben. Fragen darüber, wie die Welt aussehen sollte, damit unsere Beziehungen gedeihen können. Wenn wir erotisch verbunden sind, spüren und lernen wir auf einer tiefen, viszeralen Ebene, dass eine andere Art von Welt möglich ist, und wir beginnen, so zu handeln, als könnten wir bereits in dieser Welt leben und tragen so dazu bei, sie möglich zu machen.
Ist Liebe in einer Welt voller Krisen, wie Sie auch in Ihrem Buch fragen, „worth the trouble“?
Nun, mein Buch „Love Troubles“ vertritt die These, dass es sich lohnt, sich auf erotische Erfahrungen einzulassen, die uns dazu bringen, uns selbst und die Welt zu hinterfragen und Brücken zu bauen! Aber um Liebe auf diese Weise zu erfahren, müssen wir auch das Risiko eingehen, schwierige, unheimliche Erfahrungen zu machen. Wir können unterdrückende Bedingungen nicht vermeiden, sondern nur mit ihnen und durch sie hindurcharbeiten, um an einen anderen Ort zu gelangen. In gewisser Weise ist die Arbeit der Liebe genau dieses „Durcharbeiten“, um einen Freud’schen Ausdruck zu verwenden. Ich befürchte, dass die Welt, wie sie ist, dafür nur sehr wenig Raum bietet. Geschlechtsspezifische, rassistische und kapitalistische Unterdrückung werden immer erdrückender. Auch die Ängste, die durch Klimakatastrophen und neue Kriege ausgelöst werden, sind nicht hilfreich. Ich fürchte, ich bin aktuell pessimistischer als zu der Zeit, als ich das Buch schrieb. Aber ich bin immer noch verliebt und „in Freundschaft verbunden“, was mir Hoffnung gibt.