Während die traditionellen Kirchen an Bedeutung verlieren, erreichen christliche Social-Media-Prediger:innen, pseudospirituelle Influencer:innen und Freikirchen über digitale Medien junge Menschen – und verbreiten dabei nicht selten auch reaktionäre Frauenbilder und rechte Ideologien. Von Laura Helene May
Was glauben wir? Oder besser: Wem glauben wir? Die Antwort auf diese Frage hat viel mit digitalen sozialen Netzwerken zu tun, die zunehmend unser Weltbild prägen. Für das Gefühl von Zugehörigkeit brauchen wir große Institutionen immer weniger. Stattdessen versammeln wir uns um Inhalte und Accounts, die uns emotional ansprechen, und finden unsere Nischen im Netz. So ist das auch bei Religionen. Während institutionalisierte Kirchen in Europa Mitglieder verlieren, können christliche Influencer:innen, pseudospirituelle Gurus und profitorientierte Freikirchen mit poliertem Online-Auftritt junge Menschen für den Glauben begeistern.
Linda Kreuzer, Theologin an der Uni Wien, sieht vor allem den Neuheitsfaktor dieser Angebote als ausschlaggebend. Die traditionellen Praktiken der Kirchen seien nicht mehr attraktiv, neue Angebote präsentieren sich als Alternative mit modernem Anstrich, sagt Kreuzer im an.schläge-Gespräch. Sie beobachte das sowohl bei spirituellen Bewegungen als auch beispielsweise bei der Loretto-Bewegung, eine der einflussreichsten katholischen Erneuerungsbewegungen im deutschsprachigen Raum, die ihren Ursprung in Österreich hat und mit gezielten Freizeitangeboten und moderner Ästhetik lockt. Die Meister im Marketing von Glauben sind charismatische Freikirchen wie der Schweizer ICF (International Christian Fellowship) oder die australische Hillsong Church. Ihre Gottesdienste ähneln Partys, die Prediger:innen präsentieren exzentrische Lobpreisungen, die Community feiert Christmas-Partys mit modernen Liedern auf Englisch. Im Gegensatz zu einem andächtigen Gottesdienst seien diese Veranstaltungen eher ein „Austoben auf der Sonntagsmesse“. Die Messen haben Event-Charakter, sprechen die Alltagssorgen der Menschen direkt an und sind stark emotionalisierend.
Glaube als Produkt. Die emotionalisierende Komponente beobachtet die Theologin vor allem auch bei christlichen Influencer:innen, sogenannten Christfluencer:innen, auf Instagram und TikTok. „Jesus verschafft dir einen Platz im Algorithmus“, sagt Kreuzer. Die Tatsache, dass heute jede*r über individuelle Kanäle religiöse Botschaften vermitteln kann, habe den Zugang zum Glauben und dessen Vermarktung grundlegend verändert. „Die Gewinnabschöpfung ist ins Unendliche gestiegen“, sagt Kreuzer und spricht von einer „Neoliberalisierung der Religion“.
Wie gut sich Glaube verkaufen lasse, sehen wir etwa an der deutschen Christfluencerin Jasmin Friesen und ihrem Instagram-Account „Liebe zur Bibel“. Sie stellt darin nicht nur ihr frommes Privatleben zur Schau, sondern wirbt direkt für biblische Produkte und kooperiert mit christlichen Onlineshops. Das Merchandising funktioniert nach Marktlogik. Die Verbreitung einer evangelikalen, bibeltreuen und erzkonservativen Theologie, kombiniert mit einem neoliberalen Weltbild, haben diese Accounts mit modernen Freikirchen gemeinsam. Die Idee eines frommen christlichen Lebens wird direkt mit kapitalistischem Erfolg verknüpft.
Hinter dem modernen Anstrich der Social-Media-Accounts von Christfluencer:innen und charismatischen Freikirchen stecken oft erzkonservative, antifeministische und homofeindliche Werte. Auf Homosexualität wird intern teils mit exorzistischen Praktiken geantwortet, wie etwa die Puls-Reportage „Inside Freikirche ICF“ zeigt und die reichweitenstärksten Accounts in den sozialen Netzwerken sind laut Kreuzer jene, die traditionelle Rollenbilder vertreten. Frauen sollen demnach Kinder kriegen, Beziehungen sollen monogam sein und Abtreibungen gelten als unethisch. „Die großen Accounts, die Geld verdienen, sind aus dem konservativen, heteronormativen, traditionellen Milieu.“ Auch innerhalb der Landschaft der Freikirchen ist ein starres Rollenbild weitverbreitet, wie Maren Freudenberg, Religionssoziologin an der Ruhr-Universität Bochum, auf an.schläge-Anfrage beschreibt. „Freikirchen sind sozialpolitisch konservativer eingestellt als die sogenannten Großkirchen und betonen heteronormative Genderstrukturen, also den Dualismus zwischen Mann und Frau.“
Antifeministisches Programm. Als Ideal gelte das „klassische“ Familienbild mit dem Vater als Versorger an der Spitze und der Mutter als Verantwortliche für die Care-Arbeit. In unseren kapitalistischen Gesellschaften funktioniert dieses Modell allerdings selbst in den frömmsten Familien nicht. „Die Realität sieht oft so aus, dass beide Elternteile berufstätig sind, um die Familie zu finanzieren“, sagt Freudenberg. Dieser Clash von ökonomischer Wirklichkeit und Glaubensidealen kommt auch auf Social Media an. Mehrere bekannte Vorreiterinnen der sogenannten Tradwives – Frauen, die ein ultra-traditionelles Hausfrauen-Dasein zelebrieren – haben sich in letzter Zeit von der Bewegung distanziert und sich öffentlich von ihren Idealen abgewendet. Ihre Realität sei von Abhängigkeit, Isolation, Burnout und patriarchaler Kontrolle geprägt gewesen, die Social-Media-Inszenierung blieb reine Illusion.
Diese patriarchalen Strukturen sind kein christliches Phänomen, es gebe natürlich auch jüdische oder muslimische Tradwives, betont Theologin Kreuzer. „Die Frau als solche hat in allen großen Religionen eine bestimmte Rolle.” Sexuelle Enthaltsamkeit, bescheidene bedeckende Mode, Respekt vor Hierarchien und die Unterwerfung unter einen Mann seien eine gefährliche Verbindung zwischen Religion und Ideologie, sagt sie. „Das ist kein freier Glaube, sondern einfach klassische Rollenverteilung.” Die Idee der Jungfräulichkeit vor der Ehe etwa sei nicht einmal biblisch belegbar, sondern ein kulturelles Konzept. Auf den einflussreichen Kanälen würden um diese Werte herum antifeministische Lügenwelten aufgebaut, die für junge Mädchen stark einschränkend werden können. In den Kanälen würde teilweise sogar das Frauenwahlrecht infrage gestellt und für ein allgemeines Familienwahlrecht plädiert. Die simulierte emotionale Nähe und die diskursive Verschiebung, die solche antifeministischen Angriffe wieder sagbar machen, schätzt Kreuzer als große Gefahr ein.
Fundamentalistischer Boom. Ob Esoterik, Religion oder Ideologie – die Logik sei stets dieselbe. Mithilfe von Fake News und manipulierten Influencer:innen wird das Bild eines perfekten Lebens entworfen. „Scheitern kommt hier nicht vor. Es geht um die Vorstellung einer heilen Welt“, so Kreuzer. Dabei seien Abonnent:innen und auch die meisten Influencer:innen schlichtweg unbezahlte Arbeiter:innen der Plattformen und der dahinterstehenden Machtinteressen. „Im Endeffekt ist das pure Ausbeutung und alle schlagen Kapital aus ihrer Präsenz.“ Während die traditionellen Kirchen immer mehr an Einfluss verlieren, fragmentiert sich die religiöse Landschaft immer stärker. Extremere religiöse Gruppen gewinnen an Einfluss, Glaube wird zunehmend politisch instrumentalisiert.
Religionssoziologin Freudenberg beobachtet weltweit einen Aufschwung an religiösem Fundamentalismus – ob Hindutva (Indien), Zionismus (Israel), islamischer Fundamentalismus in Iran und Teilen des Nahen Ostens, oder christlicher Fundamentalismus etwa in den USA oder Brasilien.
Im deutschsprachigen Raum hingegen sei die religiöse Kultur nüchterner. Freudenberg beobachtet hier keinen vergleichbaren religiös-fundamentalistischen Trend. Unter Jugendlichen steigt die Religiosität insgesamt leicht, wie eine von 14 Pädagogischen Hochschulen durchgeführte Befragung von mehr als 15.000 Schülerinnen und Schülern der Schulstufen acht bis zwölf zeigt. Fast die Hälfte der Befragten gab darin an, sehr bzw. eher gläubig zu sein. Die Zustimmungswerte trafen bei der Umfrage vermehrt auf muslimische Jugendliche zu, was sich auch mit dem globalen Trend deckt. Laut einer Studie des US-amerikanischen Pew Research Center ist der Islam die weltweit am schnellsten wachsende Religionsgruppe, wobei das Christentum (vor allem Freikirchen) nur in Lateinamerika und Afrika an Anhänger*innen gewinnt. Der gefühlte Boom der Freikirchen in Europa habe laut Freudenberg eher etwas mit deren Selbstdarstellung in digitalen Medien zu tun. Numerisch sei die Mitgliedschaft in Freikirchen im DACH-Raum seit Jahren konstant und bewegt sich grob zwischen zwei und drei Prozent der Bevölkerung. „Bei jungen Menschen gibt es Interesse, aber es ist nicht so, dass jetzt Tausende in die Freikirchen strömen“, bestätigt auch Kreuzer. Die Studie „Was glaubt Österreich“ der Uni Wien und des ORF zeigt aber, dass sich Religion und Spiritualität auch in Österreich zunehmend vielfältig entwickeln und oft fernab klassischer institutioneller Zugehörigkeiten bewegen. Die extreme Komponente in Europa ist vor allem politisch. Rechtspopulisten instrumentalisieren Vorstellungen eines vermeintlichen christlichen Abendlandes und das menschliche Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Anerkennung, um gegen den Islam und andere Religionen und Weltanschauungen zu hetzen. Auch in der Studie zu Österreichs Glauben zeigt sich: Die gesellschaftlichen Spannungen nehmen zu, darunter eine Zunahme von antisemitischen Einstellungen sowie hohe Werte bei Forderungen nach kultureller Anpassung gegenüber Muslim:innen.
Sinnsuche und Gegenbewegung. Doch die Suche nach einem höheren Sinn muss nicht von Hass geprägt sein. In einer chaotischen Welt sehnen sich viele Menschen nach Halt – religiöse Bewegungen und Spiritualität bieten einen Gemeinschaftsanker, eine Heimat. „Identitätspolitik ist die Währung der aktuellen Lage“, sagt Kreuzer. Auch die boomende Nachfrage nach spirituellen Inhalten, insbesondere bei jungen Frauen, habe damit zu tun, dass die moderne Gesellschaft als distanziert, kalt, entzaubert wahrgenommen und nach Nähe und Authentizität gesucht werde, sagt Religionssoziologin Freudenberg. Spiritualität würde dabei als gesunder Gegensatz zur Religion gesehen, die als veraltet, verkrustet oder abweisend eingestuft wird. Doch Religion im traditionellen Sinn könne einen befreienden Charakter haben, zeigt sich Theologin Kreuzer überzeugt. Auf Social Media seien nur die Extreme sichtbar, aber jede Bewegung habe auch eine Gegenbewegung. „Judith Butler ist auch an der Theologie nicht vorbeigegangen“, sagt sie.
Die feministische Theologin setzt sich auch gemeinsam mit muslimischen Kolleg:innen für eine offenere Auslegung der Religion ein, abseits der patriarchalen Institutionen. „Wir wollen die Religion nicht rechten Machos überlassen.“ Kirchen können kreative, konsumfreie Räume der Begegnung schaffen, kollektiv etablierte Strukturen infrage stellen und somit befreiend wirken. Trotz aller Kritik an der Institution wollen viele sich ihren Glauben nicht nehmen lassen. Religion sei etwas, in das du hineingeboren wirst, das dich prägt und Teil deiner Kultur ist. Auch wenn der Kampf gegen verstaubte Werte innerhalb der Glaubensgemeinschaften noch einen weiten Weg vor sich hat, gibt es seit vielen Jahren Aktivist:innen, die sich für Veränderung einsetzen. Bereits 2001 wurde die Britin Lisa Isherwood zur ersten Professorin für feministische Befreiungstheologien im Vereinigten Königreich ernannt und ebnete unter anderem im Bereich Körpertheologie und Queer-Theologie den Weg für einen progressiven Zugang zu Religion. Und auch im Netz tut sich was, wie das feministische Andachtskollektiv (fAk), eine im Juli 2020 gegründete, digitale ökumenische Initiative, zeigt. Eine Gruppe, die christliche Spiritualität mit intersektionaler feministischer Theologie und politischer Haltung verbindet.
Laut Kreuzer brodelt es zunehmend in den Glaubensgemeinschaften. „Ich kenne viele Feministinnen, die innerhalb der Kirche für Flinta-Rechte kämpfen.“