Jahre nach dem Höhepunkt der MeToo-Bewegung werfen erschütternde Fälle wie jener von Gisèle Pelicot eine Frage neu auf: Wie können wir die patriarchale Geschlechterordnung stürzen?
Von Brigitte Theißl
»Ich weiß nicht mehr genau, an welchem Tag ich zum ersten Mal diesen tosenden Applaus hörte, als ich das Gerichtsgebäude betrat«, schreibt Gisèle Pelicot in ihrem Buch, dem sie geradezu trotzig den Titel „Eine Hymne an das Leben“ gegeben hat. In Avignon, einer idyllischen, mittelalterlichen Stadt in der Provence, startete am 2. September 2024 ein folgenreicher Prozess. Folgenreich nicht nur für den Serienvergewaltiger und Haupttäter Dominique Pelicot und seine fünfzig Mitangeklagten. Denn Gisèle Pelicot, deren Bild inzwischen weit über Avignon hinaus auf Wände gepinselt worden war, entschied sich dafür, die Öffentlichkeit nicht wie sonst üblich vom Prozess auszuschließen. „Mit jeder Faser meines Körpers spürte ich, wie sehr ich den Rest der Welt brauchte. Ich wollte nicht mehr allein sein. (…) Ich fürchtete mich nicht mehr vor den Blicken anderer, fürchtete mich nicht mehr davor, dass die Leute Bescheid wussten“, schreibt sie und fügt an: „Die Scham musste die Seite wechseln.“ Eine feministische Forderung, die mit dem Prozess durch die Weltpresse geht, sich inzwischen ins kulturelle Gedächtnis eingeschrieben hat.
Frauen jeden Alters tauchen zunehmend an den Verhandlungstagen in Avignon auf, sie klatschen für Gisèle, die die Wärme der Unterstützerinnen spürt und die „Verletzlichkeit, die an meine anknüpfte“.
Monströses Verbrechen. Gisèle Pelicot ist Unvorstellbares widerfahren: Im Internet bot ihr eigener Ehemann ihren betäubten Körper fremden Männern zur Vergewaltigung an, dokumentierte die Taten feinsäuberlich in seinem Privatarchiv. Als über den monströsen Fall 2023 breiter berichtet wird, liegt der Höhepunkt von MeToo bereits rund fünf Jahre zurück. Recherchen zu Machtmissbrauch und sexualisierter Gewalt haben es im Zuge der globalen Bewegung auf die Titelseiten geschafft, in keinem Talk-Format, keiner Betriebskantine und keinem Lehrerzimmer schien es ein Vorbeikommen zu geben an jenem Thema, das Feministinnen seit Jahrzehnten unermüdlich beackern: Gewalt gegen Frauen ist weder beliebig noch eine private Angelegenheit, sie ist eingeschrieben in ein patriarchales System, das Frauen beherrscht und unterdrückt.
Trotz dieser anhaltenden Debatten und so erschütternder, prominenter Fälle wie etwa Harvey Weinstein, Vorwürfe gegen Marilyn Manson und Till Lindemann, berührte der Fall Gisèle Pelicot unzählige Frauen auf besondere Weise.
Philosophin Manon Garcia hat ein ganzes Buch darüber geschrieben, wie diese Abgründe männlicher Gewalt sich im eigenen Empfinden breitmachen. Als Denkerin, die seit vielen Jahren das Patriarchat analysiert, wollte sie den Prozess vor Ort erleben, „weil weithin klar wurde, dass das dort Verhandelte Millionen von Frauen betrifft“, so formuliert es Garcia. Gisèle Pelicot litt viele Jahre unter unbestimmten Schmerzen und ahnte dabei nichts von den Verbrechen ihres Ehemanns. Männer aus benachbarten Orten jeder Alters- und Berufsgruppe stiegen ins Auto, um eine betäubte Frau im Beisein ihres Ehemanns brutal zu vergewaltigen, in ihre Kehle einzudringen, bis sie fast erstickte. Angesichts dessen stellt sich eine Frage, die „in Schrecken versetzt“, schreibt Garcia: „Könnte es sein, dass ein Otto Normalbürger bereitwillig die schlafende Frau seines Nachbarn vergewaltigt, wenn man ihm die Gelegenheit dazu gibt?“ Sich mit dem Prozess zu beschäftigen, heißt für die Philosophin in diesem Sinne nicht weniger als zu verstehen, was es bedeutet, in dieser Welt Frau zu sein.