Transexkludierender Feminismus verbündet sich im Kampf gegen Selbstbestimmung zunehmend mit rechter Politik – mit fatalen Konsequenzen. Von Lea Susemichel und Brigitte Theißl. Mitarbeit: Viola Wagner
„Es gibt nur zwei biologische Geschlechter“, sagt Faika El-Nagashi. Was nach Trump, Orbán und religiösem Fundamentalismus klingt, sind Aussagen einer ehemaligen Politikerin der Grünen, die ihre politische Karriere vor allem auch feministischen Anliegen gewidmet hat. Wie kann das sein? Warum ignorieren nun auch Feministinnen wissenschaftliche Erkenntnisse der modernen Biologie, die Geschlecht als Spektrum fasst, und verbünden sich heute mit rechten Politiker:innen und fundamentalistischen Abtreibungsgegner:innen, um gegen die Gefahr von Queerfeminismus und Trans-Aktivismus zu wettern?
Weshalb jubelten nicht nur Rechte in aller Welt, sondern auch einige Feministinnen, als der Supreme Court 2025 in London urteilte, dass sich das Gleichstellungsgesetz (Equality Act 2010) nur auf das biologische Geschlecht bezieht, trans und nicht-binäre Menschen also nicht einschließt? Und wieso lag dieser Entscheidung ausgerechnet eine Klage der Frauenrechtsorganisation For Women Scotland (FWS) zugrunde, die gegen die sogenannte Self-ID, also die selbst gewählte Geschlechtsidentität, mobil machte?
Radikalfeminismus. Der Aktionismus der sogenannten TERFs (trans-exclusionary feminists) – eine Bezeichnung, die einige Aktivistinnen ablehnen, während sich andere das Label stolz zu eigen machen – ist in den vergangenen Jahren lauter und auch aggressiver geworden, hat aber eine Geschichte. Denn die Trans-Debatte begleitet feministische Kämpfe seit Jahrzehnten. Als der Radikalfeminismus der 1970er-Jahre sich dem Patriarchat zuwandte, das Frauen in Gewaltverhältnissen unterdrückt, politisierte er nicht nur einst privatisierte häusliche Übergriffe, sondern forderte auch Schutzräume für Frauen sowie getrennte Räume für die politische Organisierung ein. Wer Zugang zu solchen Räumen haben sollte, entwickelte sich zur – bis heute umkämpften – Streitfrage. Radikalfeminismus ist nicht per se transfeindlich, innerhalb feministischer Bewegungen hatten und haben erst Frauen- und später FLINTA-Räume eine wichtige Bedeutung. Transexkludierende Feministinnen aber halten an einer Zweigeschlechtlichkeit fest, die sie am biologischen Körper festmachen: Wer in ihren Augen ein Mann ist, bleibt lebenslang aus ihren Räumen ausgeschlossen. Als einflussreiches Werk gilt das 1979 erschienene Buch „The Transsexual Empire: The Making of the She-Male“, in dem Janice Raymond vieles ausformuliert, das auch gegenwärtig transfeindliche Bewegungen prägt. Trans Personen begreift Raymond als Produkt patriarchaler Strukturen, trans Frauen könnten niemals „echte“ Frauen sein.
„Sex Matters“. Im deutschsprachigen Raum hat Alice Schwarzer den transfeindlichen Diskurs entscheidend mitgeprägt. Innerhalb Europas steht jedoch Großbritannien im Zentrum transfeindlicher und genderkritischer Bewegungen, in denen Feministinnen eine entscheidende Rolle spielen. J.K. Rowling ist inzwischen ihr bekanntestes Gesicht, doch hinter der Bestseller-Autorin stehen verschiedene Gruppen, die gegen Selbstbestimmung lobbyieren und internationale Netzwerke bespielen. 2021 gründete sich etwa „Sex Matters“, eine „gender critical“, anti-trans Organisation unter der Leitung von Maya Forstater. „Sex matters in life and in law. It shouldn’t take courage to say so“, prangt als Slogan auf ihrer Website. Die Organisation lobbyiert für geschlechtergetrennte Toiletten ebenso wie den Ausschluss von trans Frauen aus dem Frauensport, 2022 initiierte sie eine Petition, in der sie die britische Regierung dazu aufforderte, den „Equality Act 2010“ zu ändern und Geschlecht als rein „biologisch“ zu definieren. Mit der Unterstützung durch Rowling erreichte die Petition über 100.000 Unterschriften und wurde im britischen Parlament diskutiert. 2023 richtete sich die britische Gleichstellungs- und Menschenrechtskommission in einem offiziellen Schreiben an die Regierung und verschaffte „Sex Matters“ Rückenwind: Eine Änderung des Begriffs „Geschlecht“ im Sinne des biologischen Geschlechts würde „größere rechtliche Klarheit“ bringen.
Eine weitere britische Organisation verortet sich innerhalb der LGB-Bewegung: „The Lesbian Project“. Dahinter stehen zwei einflussreiche Akteurinnen: Kathleen Stock, jene genderkritische Feministin, die 2021 mit dem Rücktritt von ihrer Professur Berühmtheit erlangte und inzwischen als Säulenheilige einer „Anti-Woke“-Bewegung gilt. An ihrer Seite steht Julie Bindel, eine radikalfeministische Autorin, die seit Jahrzehnten gegen eine Entkriminalisierung von Prostitution kämpft. „By definition, only females can be lesbians, in virtue of their biological sex“, ist auf der Website unter den Grundsatzpositionen vermerkt.
Stranger Danger. In ihrem 2020 erschienenen Buch „#MeToo Not You. The Trouble with Mainstream Feminism“ analysiert die britische Soziologin und Feministin Alison Phipps politische Strategien weißer, privilegierter Frauen, die sich historisch immer wieder mit Konservativen und Rechten verbündet haben.
Ein Feminismus, der sich gegen die Rechte von Sexarbeiter:innen stellt, sei oft eng verbunden mit transexklusivem Feminismus, analysiert Phipps – in beiden Fällen würde privilegierte Weiblichkeit strategisch eingesetzt. Es gelte, gefährliche Eindringlinge etwa in Gefängnissen, Umkleidekabinen, Toiletten oder Schutzräumen abzuwehren: Stranger Danger.
Diese pseudoliberalen Argumente, wonach es im Kern immer um den Schutz von Frauen und ihrer Rechte gehe, übernimmt rechtspopulistische und autoritäre Politik zunehmend von Radikalfeministinnen, denn sie verschaffen ihr Legitimität und tragen so entscheidend dazu bei, extrem transfeindliche Positionen weiter zu verbreiten.
Allerdings lässt sich leicht belegen, dass es sich bei diesem Schutzargument um eine sogenannte „moral panic“ handelt, die Probleme erfindet oder massiv übertreibt, um daraus politisches Kapital zu schlagen. So zeigt eine umfassende Studie des Williams Institute der UCLA School of Law, dass es nicht die geringste Evidenz dafür gibt, dass trans Personen in öffentlichen Toiletten eine Gefahr darstellen. Vielmehr sei das Gegenteil wahr: Trans Personen erleben mehr Anfeindungen und Gewalt, wenn sie nicht die Toilette benutzen dürfen, die ihrer Identität entspricht.
Auch die vermeintliche Gefahr, die von trans Frauen in Gefängnissen für andere Insassinnen ausgehe, ist ein Beispiel für die politische Strategie, Einzelfälle zu Bedrohungsszenarien aufzublasen. Während Sexualdelikte durch trans Personen im Gefängnis die Ausnahme sind, ist umgekehrt das Risiko für trans Frauen in Männergefängnissen sehr real, Opfer von sexueller Gewalt zu werden.
Outrage Economy. „Im transexkludierenden Feminismus steht das sexuelle Trauma von cis Frauen der Vorstellung von trans Frauen als gefährlich, übergriffig und im Kern männlich gegenüber“, schreibt Phipps. Sexuelle Gewalt werde wiederum an der Biologie festgemacht, statt sie als Produkt ungleicher Machtverhältnisse zu begreifen. Obwohl es keinerlei wissenschaftliche Belege dafür gibt, dass trans Frauen häufiger Gewalt ausüben als cis Frauen, würden transexklusive Feministinnen und Rechte einzelne Fälle in einer „outrage economy“ verwerten.
Eine Kritik, der sich auch Mel vom Linzer Verein younited anschließt. „Menschen mit XY-Chromosomen oder mit erhöhtem Testosteronspiegel irgendwann in ihrem Leben sind genauso Menschen. Sie sind keine Dämonen, die nur durch räumliche Trennung von Gewalttaten abgehalten werden können“, sagt Mel. Vielmehr brauche es „konsequente Aufklärung über Konsens, gesellschaftliches Umdenken, dass patriarchale Gewalt nicht als Kleinigkeit angesehen wird, Aufbrechen von gesellschaftlichen Rollenbildern, vorbeugende Täterarbeit, und ausreichende Förderung für jene, die echte Schutzräume für Gewaltopfer anbieten“, fordert sie.
Frauenhäuser sind solche Schutzräume, die von transexklusiven Feministinnen immer wieder angeführt werden, um die Notwendigkeit „reiner Frauenräume“ zu unterstreichen, in denen trans Frauen nichts zu suchen hätten. Sie würden gerade von traumatisierten Schutzsuchenden als Bedrohung erlebt. Doch auch dieses Argument entbehrt jeder empirischen Grundlage: So stellt die deutsche Frauenhauskoordinierung fest, „dass seit vielen Jahren trans Frauen und nicht‑binäre Personen regelmäßig und ohne besondere Probleme Schutz in Frauenhäusern finden“. In einer Anfrage zur Debatte um das Selbstbestimmungsgesetz heißt es zudem, dass aus der Mitgliedschaft kein einziger Fall bekannt ist, in dem trans Frauen ein Frauenhaus missbräuchlich genutzt hätten oder dort gewalttätig geworden seien – „obwohl trans Frauen schon lange dort Schutz suchen und finden.“ Auch die Berichte aus transinklusiven Frauenhäusern in UK, die bei einer Befragung von knapp 400 öffentlichen Einrichtungen mit Hilfsangeboten für Frauen erhoben wurden, ergaben, dass trans Frauen dort kein Problem oder gar eine Gefahr dargestellt haben.
Es ist essenziell, dass Hilfseinrichtungen wie z. B. Unterkünfte für Wohnungslose auch für trans Personen offen sind. Denn trans Frauen – die übrigens überproportional oft von Wohnungslosigkeit betroffen sind – sind in Männereinrichtungen regelmäßig Gewalt ausgesetzt, wie zuletzt ein Forschungsbericht auch für Wien zeigte.
Fundamentale Freiheitsrechte. Wer in Österreich den Personenstand, also die amtlich vermerkte Geschlechtszugehörigkeit ändern möchte, kann dies beim Standesamt beantragen. Voraussetzung dafür ist eine bestehende Transidentität: Das Identitätsgeschlecht (Gender) entspricht also nicht oder nur teilweise dem durch Dritte bei der Geburt zugeteilten Geschlecht. Das muss auch ein Gutachten belegen, ausgestellt von einer Fachärztin für Psychiatrie, einer Psychotherapeutin oder einer klinischen Psychologin. In Deutschland ist hingegen kein Gutachten nötig, dort reicht eine „Erklärung mit Eigenversicherung“ beim Standesamt, allerdings muss eine dreimonatige Wartefrist eingehalten werden.
Ein gefundenes Fressen für transfeindliche Hetze sind dabei Fälle wie die der beiden Rechtsextremen Sven Liebich und Walter P., die ihren Geschlechtseintrag medienwirksam nur aus Provokation bzw. für Hafterleichterungen ändern ließen. Mel von younited kommentiert: „Natürlich heizt das kurzfristig einen Shitstorm an, aber der kam ohnehin vor allem von jenen, die nur einen Grund suchten, gegen trans Personen zu hetzen. Jedem vernünftigen Menschen, der sich kurz damit befasste, war die Betrugsabsicht klar, und es spricht für sich, wie die beiden Fälle ausgegangen sind– einer ist in langjähriger Haft, der andere auf der Flucht im Ausland.“
Wirksame Prävention solcher Betrugsversuche besteht dementsprechend nicht in der Abschaffung des Selbstbestimmungsrechts, sondern darin, die Normalisierung von Transfeindlichkeit zu verhindern, die solche Aktionen vor allem motiviert. Denn fundamentale Freiheitsrechte können potenziell immer missbraucht werden; in liberalen Gesellschaften darf möglicher Missbrauch dennoch niemals als Argument für die Einschränkung von Rechten herhalten.
Inneres Gefühl. Auch Faika El-Nagashi hatte anlässlich des Falls Walter P. einige Interviewanfragen. Auch ihr gehe es generell nur darum, „Frauen vor dem Zugriff von Männern“ zu schützen, wie sie auf an.schläge-Anfrage schreibt. Queerfeminismus hingegen sei „eine extreme Ideologie, die Frauen und ihre Rechte zu einer Beliebigkeit und einem inneren Gefühl erklärt.“ Weiter schreibt sie: „Frau zu sein ist nicht ein bestimmtes Gefühl, sondern eine biologische Gegebenheit. Aufgrund dieser Tatsache erleben Frauen und Mädchen auf der ganzen Welt Gewalt und sexuelle Ausbeutung, aber auch die Festschreibung auf bestimmte Rollen und Möglichkeiten.“ Sie setze sich „für die Rechte von Frauen und Mädchen ein – und nicht für die Reche von Männern, die sich als Frauen fühlen.“ Sie selbst sei „eine lesbische Frau und ich setze mich für die Rechte von lesbischen Frauen ein – ohne Asterisk oder punktpunktpunkt.“
Solche biologistischen Argumente lassen sich laut Viola Wagner leicht mit Erkenntnissen der Geschlechterforschung und Wissenschaftsgeschichte widerlegen: „Trans Frauen sind einfach Frauen, die von einem biologistischen System als Männer eingestuft wurden. Im 19. Jahrhundert führte der naturwissenschaftliche Klassifizierungsdrang darwinistischer Denkweisen zu einer Naturalisierung von Geschlecht, bei der aus wissenschaftlichen Beschreibungen gesellschaftliche Normen entstanden, die plötzlich als unveränderlich galten. Doch Frau zu sein ist nichts Biologisches, sondern eine machtvoll konstruierte kulturelle Kategorie.“
Und tatsächlich zeigt inzwischen auch die biologische Forschung, dass Geschlecht kein strikt binäres oder unveränderliches Merkmal ist, sondern ein Ergebnis des Zusammenspiels mehrerer Ebenen – einschließlich Chromosomen, Gene, Hormone, Gonaden und körperlicher Merkmale –, deren unterschiedliche Kombinationen zu natürlichen Variationen führen, wie sie beispielhaft bei Intergeschlechtlichkeit auftreten.
Faika El-Nagashi hat sich erst in den vergangenen Jahren zu einer zentralen Stimme des „genderkritischen“ Feminismus in Österreich entwickelt – damit folgte auch unweigerlich der Bruch mit der eigenen Partei. Nach zehn Jahren als Grüne Bezirksrätin, Wiener Landtagsabgeordnete und schließlich Abgeordnete zum österreichischen Nationalrat gibt Faika El-Nagashi im vergangenen Sommer ihren Austritt von der Grünen Partei bekannt. El-Nagashi begründet das in einem Text im rechtskonservativen „Cicero“-Magazin mit ihrer politischen Haltung zum Trans-Thema und sieht sich von Grünen Kolleg:innen diffamiert und im Stich gelassen: „Ausladungen aus Publikationen und Veranstaltungen, Droh-E-Mails, öffentlicher Pranger. Munkeln, Distanzieren, Isolieren. (…) Vieles davon – bei Weitem nicht alles – trug sich innerhalb meiner eigenen Partei zu.“
Wie hat Ewa Ernst-Dziedzic den Bruch von El-Nagashi mit den Grünen erlebt? Die beiden Politikerinnen kennen sich seit Jahrzehnten, Dziedzic vertrat die Grünen erst im Bundesrat, von 2019 bis 2024 war sie Abgeordnete zum Nationalrat. „Faika erzählt in der Öffentlichkeit, in Medien wie dem ‚Falter‘, dass sie von den Linken und Progressiven verstoßen wurde, weil sie ihre Meinung nicht sagen konnte: dass es biologisch nur zwei Geschlechter gebe“, sagt Dziedzic im an.schläge-Gespräch. Tatsächlich habe es mit der Parteikollegin viele Gespräche gegeben, El-Nagashi hätte zunehmend dogmatischere Positionen vertreten, die in Konflikt mit jenen der Grünen standen. „Sie hat sich von Grünen Grundwerten und der LGBTIQ-Bewegung immer mehr entfernt. Sie hat diesen Weg selbst gewählt und stilisiert sich nun gerne als Opfer“, so Dziedzic.
Krieg gegen Wokeness. Die Vernetzung mit reaktionär-konservativen Akteur:innen treibe El-Nagashi schon lange voran, dass sie nun auch rechtspopulistischen Medien wie „exxpress“ Interviews gebe, sieht Dziedzic als weitere Zuspitzung.
Vergangenen Herbst hat Faika El-Nagashi das Athena Forum gegründet, eine Organisation mit überschaubarer Mitgliederanzahl, deren Hauptanliegen es ist, auf die vermeintlichen Fehlentwicklungen der Gender-Ideologie hinzuweisen, gegen die Selbstbestimmung des Geschlechts (Self-ID) zu lobbyieren und sich stattdessen für „sex-based rights“ einzusetzen, also für die Rechte „biologischer“ Frauen – freilich nur jener, die sich auch zu einer weiblichen Geschlechtsidentität bekennen, nicht für die von trans mask* (trans maskulinen) Menschen. „Die von ihr gegründete Denkfabrik ‚Athena Forum‘ klärt darüber auf, wie die LGBTQ-Ideologie vom subjektiv empfundenen Geschlecht in den letzten 15 Jahren immer einflussreicher in der EU wurde“, war im vergangenen Jahr auf „exxpress.at“ zu lesen.
Als ehemalige Politikerin kennt El-Nagashi die klassischen Instrumente politischer Netzwerk- und Lobbyarbeit. Das Athena Forum sei zwar nur ein kleiner Baustein, dessen Einfluss man nicht überschätzen dürfe, sagt Dziedzic. Dennoch sei es auf europäischer Ebene bestens vernetzt und zahle letztlich auf das Konto einer politischen Kampagne ein, die von Rechten und christlichen Fundamentalist:innen global vorangetrieben werde. „Es wurde eine Art Krieg gegen die Wokeness ausgerufen“, sagt Dziedzic. Akteure wie Putin, Trump und Victor Orbán, aber zusehends auch Robert Fico und Andrej Babiš in Tschechien würden das Bild eines „verweichlichten“, schwachen Europas zeichnen, dessen progressive Frauen- und LGBTIQ-Politik es zu bekämpfen gelte. „Diese Akteure greifen mittlerweile auf etablierte Strukturen zurück und werden finanziell massiv unterstützt“, sagt Dziedzic und verweist auf die Studien von Neil Datta vom European Parliamentary Forum for Sexual and Reproductive Rights. Insgesamt 1,18 Milliarden US-Dollar hätten 275 Organisationen allein zwischen 2019 und 2023 für ihre „Anti-Gender“-Lobby-Aktivitäten ausgegeben, analysiert Datta in „The Next Wave“. Dziedzic findet es bedauerlich, dass „eine ehemalige Mitstreiterin zur deren Missionarin“ wurde.
Konservative Moralnarrative. Auch Politikwissenschafterin Judith Goetz identifiziert ideologische und diskursive Schnittmengen zwischen rechten Milieus und transfeindlichen Feminist:innen. Positionen wie jene des Athena Forums, das sich klar gegen Selbstbestimmungsgesetze wendet, seien „anschlussfähig an rechte und christlich-fundamentalistische Akteur:innen, die aus ganz anderen ideologischen Traditionen stammen, aber ebenfalls eine binäre Geschlechterordnung und eine naturrechtlich begründete Differenzpolitik verteidigen“, sagt Goetz im an.schläge-Interview. Während in Österreich lange Zeit vor allem ideologische Überschneidungen zu beobachten gewesen seien, hätten nun die Berührungsängste gegenüber offenen Kooperationen abgenommen. So etwa bei der Kundgebung „Let Women Speak“ 2023 in Wien, bei der die britische Anti-Transaktivistin Kellie-Jay Keen alias Posie Parker zu Gast war und wo auch Faika El-Nagashi auftrat. „Ich denke, die Wirkung liegt vor allem darin, dass transfeindliche Positionen diskursiv normalisiert werden und größere politische Reichweite erhalten. Wenn feministische Stimmen Argumente vertreten, die mit jenen konservativer Thinktanks oder fundamentalistischer Organisationen kompatibel sind, erscheinen diese weniger randständig und gewinnen an Legitimität“, so Goetz.
Eine zentrale Strategie ist es dabei, nicht nur das besondere Schutzbedürfnis von Frauen, sondern auch das von Jugendlichen zu betonen.
Die Schnittmenge zwischen transexklusivem Feminismus und rechten und konservativen Akteur:innen besteht laut Politikwissenschafterin Judith Goetz nicht zuletzt in gemeinsamen Gegner*innen: „Gender-Ideologie“, Selbstbestimmung, Queer Theory, Trans-Inklusion – selbst gegen Gendersternchen wird inzwischen auch von TERFs gewettert. Schnittmengen bestünden aber auch in der Verteidigung einer binären Geschlechterordnung und in der Rahmung von Transrechten als Bedrohung für Frauen und Kinder. „Diese negative Koalition ist politisch wirkmächtig, weil sie feministische Argumente (z. B. ‚Schutz von Frauenräumen‘) mit konservativen Moralnarrativen (‚Schutz von Kindern‘, ‚Schutz der Familie‘) koppelt.“ Letztlich würden also Bezüge auf Frauenrechte und Frauenschutz genutzt, um rechte Geschlechterpolitiken zu legitimieren.
Lifesaver. Im aktuellen Diskurs wird besonders viel über die angeblich „explosionsartig“ angestiegenen Fälle von Transidentität bei Jugendlichen gesprochen, die aus einer spontanen Laune heraus das Geschlecht wechseln und das später womöglich bereuen würden. Doch die Zunahme von Menschen, die sich als trans identifizieren, hat nichts mit einem Trend zu tun, sind sich viele Expert:innen einig. Die Ursache liege vielmehr in mehr Sichtbarkeit, mehr gesellschaftlicher Akzeptanz und besserer medizinischer Versorgung. Außerdem erleichtern Internet und soziale Medien das Erkennen und Benennen der eigenen Geschlechtsidentität, insbesondere bei Jugendlichen, die früher unsichtbar geblieben wären.
Auch dem Argument, dass Hormontherapien leichtfertig verschrieben würden, widerspricht die Therapeutin Mari Günther vom Bundesverband Trans vehement: „Die Jugendlichen überlegen sich das sehr genau. Einen solchen Eingriff nimmt niemand auf die leichte Schulter. In Gesprächen mit Jugendlichen wird schnell deutlich, wie gut sie ihre Situation reflektieren können.“ Und weiter:
„Wenn trans Jugendliche behandelt werden, verändert sich ihr Körper. Wenn sie nicht behandelt werden aber auch. In jedem Falle müssen sie mit den Veränderungen leben, daher sollte ihr Wunsch das maßgebliche Kriterium sein.“
In Kämpfen um „sex-based rights“, wie sie auch das Athena Forum führt, wird indes gegen trans Menschen lobbyiert, ohne sie erst erwähnen zu müssen, kritisiert Viola Wagner, die als trans Aktivistin Teil der TIN* Vernetzung in Österreich ist. „Sex is real and unmutable“, ist auf der Athena-Website zu lesen. Hier gehe es nicht darum, Menschen, die unter Geschlechterdiskriminierung leiden, zu schützen, sondern darum, das bestehende dichotome Geschlechter-System aufrechtzuerhalten, analysiert Wagner. „Viele Menschen, die sich gegen medizinische Maßnahmen für trans Jugendliche aussprechen, ignorieren die Fakten. Oft werden, wenn überhaupt, vor dem 18. Lebensjahr nur Pubertätsblocker eingesetzt, die grundsätzlich als weitgehend reversibel gelten, sobald sie wieder abgesetzt werden. Worüber von Kritiker:innen nicht gesprochen wird, sind die psychischen Folgen wie Depressionen und Suizidgedanken, die oft auftreten, wenn trans und nicht-binäre Jugendliche gezwungen sind, eine Pubertät zu durchlaufen, die nicht zu ihrer Geschlechtsidentität passt.“ Denn das sei meist mit psychischen Problemen, mit Mobbing und Ausgrenzung verbunden, so Wagner. „Sich als Jugendliche:r unwohl mit dem eigenen Körper zu fühlen und sich z. B. im Sportunterricht ungern in der Umkleidekabine vor andern auszuziehen, kennen wahrscheinlich viele. Aber jetzt stell dir vor, du bist eigentlich ein Mädchen, hast aber die Pubertät eines Jungen und musst sogar noch mit anderen Männern in die Umkleide. Das ist richtig schlimm. Und dann hetzen TERFs auch noch gegen trans Personen und behaupten, sie würden in Umkleiden übergriffig sein. Die Angst vor solchen Vorwürfen kommt auf die schlimme Angst, die man sowieso schon hat, noch zusätzlich oben drauf“, so Viola Wagner. Dementsprechend sei „Hormontherapie ein Lifesaver und kein Propagandainstrument einer angeblichen Transgenderlobby.“
Zahlreiche Selbstvertretungsorganisationen berichten, wie hürdenreich es ist, durch den Prozess einer Geschlechtsangleichung zu gehen – Selbstbestimmung ist kein „Trend“. Und weil unter trans Jugendlichen die Suizidrate besonders hoch ist, können Hormonbehandlungen lebensrettend sein. So zeigte u. a. eine 2023 im „New England Journal of Medicine“ erschienene Studie, dass geschlechtsangleichende Hormonbehandlungen die mentale Gesundheit von trans und nicht-binären Jugendlichen signifikant verbessern.
Unter Trump hat nun der Oberster Gerichtshof der USA im Fall U.S. v. Skrmetti eine Gesetzgebung bestätigt, die geschlechtsangleichende Maßnahmen für Minderjährige untersagt. Es ist nun also legal, dass trans Jugendliche in Bundesstaaten mit entsprechenden Gesetzen nicht dieselben medizinischen Rechte haben wie andere Minderjährige.
Diese Verbote haben weitreichende Folgen, so das Resümee einer Expert:innenrunde des Transgender Law Center, einer US-Organisation, die sich für die Gleichberechtigung von trans und nicht-binären Personen einsetzt. Denn die Kämpfe für eine medizinische Versorgung von trans Jugendlichen seien historisch eng verknüpft mit Disability Justice, die etwa für den Zugang zu lebenswichtigen Medikamenten für marginalisierte Gruppen kämpft, wie auch mit jenen gegen die jüngsten Angriffe auf Roe v. Wade. Denn im Zentrum stehe überall das Menschenrecht auf körperliche Selbstbestimmung.
Respectability Politics.Wieso Transfeindlichkeit nicht nur unter heterosexuellen Feministinnen, sondern auch unter Lesben und Schwulen verbreitet ist, erklären manche mit einer auch in der LGB-Bewegung (die anderen Buchstaben werden von den Aktivist:innen inzwischen bewusst weggelassen) tiefsitzenden internalisierten Transfeindlichkeit. Andere verweisen auf den sogenannten Assimilationismus, also den gesellschaftlichen Anpassungsdruck, und einer Strategie, die „Respectability Politics“ genannt wird. Marginalisierte Gruppen erlangen Akzeptanz, indem sie sich besonders angepasst verhalten. Mitunter schießt das jedoch auch die besonders aggressive Abgrenzung von anderen Marginalisierten ein, die Mehrfachdiskriminierung erleben, insbesondere eben auch von nicht-binären und trans Personen. Oft steckt auch politisches Kalkül dahinter: Mehrheiten für die eigenen Anliegen lassen sich oft viel leichter gewinnen, wenn die geforderten Rechte nicht für alle gelten müssen. Nicht zufällig ist die Zunahme von transexkludierendem Feminismus deshalb auch mit der voranschreitenden Gleichstellung von Lesben und Schwulen zusammengefallen – die neu gewonnenen Privilegien gilt es jetzt zu sichern. Der ebenfalls beim Athena-Forum engagierte Mitbegründer der Homosexuelleninitiative Wien und Ex-Chefredakteur des HOSI-Magazins „Lambda“ Kurt Krickler formuliert es auf seinem Blog am Beispiel des Gesetzesentwurfs für ein Verbot von sogenannten Konversionsmaßnahmen bei Minderjährigen ganz unverblümt: Es zeige sich, „welche negativen Folgen die Verbindung von LSB mit TIN (trans, inter, nichtbinär) für Lesben und Schwule haben kann.“ Wie auch El-Nagashi nimmt Krickler Anstoß daran, dass das Konversionsverbot nicht nur Maßnahmen zur sogenannten „Homo-Heilung“ umfassen soll, sondern es auch untersagt, trans Jugendliche „heilen“ zu wollen. Doch oft seien vormalige Mädchen einfach nur homosexuell oder wollten der patriarchalen Realität nun als trans Jungen entfliehen, so eine in diesem Lager weit verbreitete Erzählung. Die „Gender affirmative Care“ würde es allerdings unmöglich machen, solche psychischen Ursachen für den Wunsch nach einer anderen Geschlechtsidentität zu finden.
Das sei Unsinn, widersprechen Therapeut:innen. Selbstverständlich verhindere dieser Ansatz nicht, dass eine umfassende psychologische Begutachtung stattfindet. Die Selbstdeklaration von Minderjährigen würde keineswegs einfach ungeprüft bestätigt. Doch die Identität einer Person würde eben auch nicht automatisch als Pathologie betrachtet. Ein wichtiger Fortschritt, sollte man meinen, schließlich ist es erst wenige Jahre her, seit Transidentität nicht mehr als „psychische Störung“ im neuen ICD 11 auftaucht.
Rollback. „Transfeindliche Hetze und Panikmache führen konkret dazu, dass die Rechte von trans Personen eingeschränkt werden“, schreibt der Verein Trans and Non Binary Youth Vienna auf an.schläge-Anfrage: „Trans Personen werden zum Sündenbock, gegen den sich inzwischen auch Feministinnen mit vermeintlich progressiven Argumenten aufhetzen lassen“.
Das hat fatale Konsequenzen. In den letzten Jahren haben verschiedene Staaten weltweit Trans-Rights systematisch eingeschränkt. Dazu zählt das bereits erwähnte Urteil des britischen Obersten Gerichts mit der biologistischen Definition von „Frau“. Aber auch Ungarn führte 2025 eine Verfassungsänderung ein, die Geschlechtnun als binäre, unveränderliche biologische Kategorie definiert. Russland verabschiedete 2023 ein Gesetz, das „medizinische Eingriffe mit dem Ziel, das Geschlecht einer Person zu ändern“ mit wenigen Ausnahmen verbietet, einschließlich hormoneller Behandlungen und geschlechtsangleichender Operationen. Gleichzeitig wird die rechtliche Anerkennung des selbstgewählten Geschlechts in Dokumenten untersagt.
Im Oktober 2025 hat die italienische Regierung einen Bildungsgesetzentwurf im „Don’t Say Gay“-Stil vorgestellt, der Unterricht über Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung stark einschränkt.
Vor allem in den USA wurden einige „Rollback“-Gesetze verabschiedet, die bereits bestehende Trans-Rights zurückgenommen oder neue Einschränkungen erlassen haben. In einigen US-Staaten traten Gesetze in Kraft, die zuvor erlaubte medizinische Versorgung von trans Personen, sogenannte „gender-affirming care“, verbieten oder stark limitieren. Die Oklahoma-Bathroom Bill wiederum schreibt vor, dass trans Jugendliche Toiletten und Umkleiden nicht mehr gemäß ihrer Geschlechtsidentität nutzen dürfen und in anderen Staaten wurden trans Mädchen und Frauen die Teilnahme an Frauen-Sport verboten. In Kansas wurde Ende Februar ein Gesetz erlassen, mit dem schon geänderte Geschlechtseinträge in Ausweisen schlagartig wieder ungültig werden.
Ein besonders drastischer Einschnitt war die Iowa Civil Rights Act Revision. Damit wurde in den USA 2025 erstmals ein staatliches Gesetz verabschiedet, das sogar so weit ging, den bereits bestehenden Schutz aufgrund von „gender identity“ wieder aus dem zivilrechtlichen Antidiskriminierungsrecht zu entfernen. Das bedeutet, trans und nicht-binäre Menschen verlieren den Schutz vor Diskriminierung am Arbeitsplatz, bei der Wohnungssuche oder in Bildungsinstitutionen. Bestehen bleiben die Antidiskriminierungsgesetze für „Race, Hautfarbe, Religion, nationale Herkunft, Geschlecht, sexuelle Orientierung und Behinderung“.
Feministinnen wie Faika El-Nagashi dürften solche Urteile als Sieg feiern. Was sie nicht wahrhaben wollen: Das Erstarken rechter und autoritärer Kräfte, das sie mit ihrem Aktivismus unterstützen, wird bei der Rücknahme hart erkämpfter Rechte nicht bei Trans-Rechten haltmachen. Vielleicht sind „sexuelle Orientierung“ und „Geschlecht“ die nächsten Einträge, die bald schon von der Liste gestrichen werden – und nicht nur in Iowa.