Digitale Gewalt betrifft viele, doch die Hürden, sich zu wehren, sind groß. Nur wenige können es sich leisten, dagegen vorzugehen. Autorin und Expertin für prekäre Arbeitswelten VERONIKA BOHRN MENA erzählt im Gespräch mit ROSA GIEROMETTA von ihren Erfahrungen im Kampf gegen den Hass im Netz.
an.schläge: Vor kurzem haben Sie eine Mail, die Sie erhalten haben, auf Instagram veröffentlicht. Sie enthält Vergewaltigungsdrohungen und Dick Pics. Eine solche Nachricht haben Sie nicht zum ersten Mal bekommen. Welche Art von digitaler Gewalt erleben Sie?
Alles, was man sich irgendwie vorstellen kann und darüber hinaus. Sprachnachrichten, E-Mails, aber auch Post, also nicht nur digital. Ich bekomme oft pornografische Darstellungen mit Gewaltszenen oder Fäkalien geschickt. Wenn zum Beispiel ein rechtsextremes Medium etwas über mich schreibt, dann geht die Frequenz schnell nach oben. Beschimpfungen kommen fast täglich, aber Vergewaltigungs- oder Morddrohungen bekomme ich zum Glück nur ein paar Mal im Jahr.
Wann haben Sie begonnen, gegen solche Nachrichten vorzugehen?
Drohungen habe ich von Anfang an angezeigt, das mache ich sicher schon seit zehn Jahren. Da gehört für mich auch so etwas wie „Du gehörst von Flüchtlingen vergewaltigt“ dazu, das bekomme ich oft. Zivilrechtlich dagegen vorzugehen, mache ich erst seit letztem Jahr. Das verschlingt wahnsinnig viele Ressourcen, weil es viel Zeit erfordert und die finanzielle Hürde enorm ist.
Welche Erfahrungen haben Sie mit der Justiz gemacht?
Mit der Polizei teilweise sehr gute. Ich habe schon das Gefühl, dass das ernstgenommen wird. Mir wurde zum Beispiel mal ein totes Tier mit der Post geschickt und das wurde gleich forensisch gesichert und untersucht. Oft sind die Polizist:innen selbst total schockiert und sagen, sie würden gerne mehr machen können.
Von der Staatsanwaltschaft bin ich bisher hingegen extrem enttäuscht, weil sowohl in Wien als auch in Niederösterreich bis jetzt alle Verfahren eingestellt wurden, auch solche Postsendungen. Ich habe das Gefühl sie sind unterbesetzt und überarbeitet. Wenn Ermittlungen aufwendig sind oder sie die Fälle als minderschwere Straftatbestände sehen, sparen sie sich quasi die Energie.
Was ich daran so grotesk finde, ist, dass auf der einen Seite Minister:innen ein Gesetz nach dem nächsten verkünden und auf der anderen Seite werden diese Gesetze nicht umgesetzt, wie zum Beispiel der Dickpic-Paragraf. Es bräuchte zumindest einmal Musterverfahren, sonst werden solche Gesetze zu totem Recht, das von Tätern nicht ernstgenommen wird.
Von wem kommen die Angriffe?
Gerade, wenn es um diese Vergewaltigungsdrohungen geht, sehen die E-Mails immer sehr ähnlich aus. Ich glaube, das ist eine kleine Gruppe von Menschen, die andere systematisch tyrannisieren und drangsalieren, weil sie ihnen Angst machen wollen. Es sind nicht Millionen Männer, die so etwas machen, sondern wahrscheinlich ein paar tausend in Österreich, die es dafür kontinuierlich auf mehrere Frauen abgesehen haben. Wenn man zumindest zwei oder drei Musterverfahren führen würde, würden sie sich vielleicht etwas zurückziehen.
Beleidigungen kommen hingegen oft unter Klarnamen. Es sind zum Großteil Männer in ziemlich jedem Alter, aber auch einige ältere Frauen. Vor Gericht findet dann eine Täter-Opfer-Umkehr statt. Sie erzählen, wie arm sie sind und wie schwer sie es haben und dann bin ich die Böse, weil ich ihre Hassnachrichten juristisch verfolge. Aber es hat sich noch nie jemand bei mir entschuldigt. Sie glauben, was sie schreiben, sei politische Meinungsäußerung. Die Hemmschwelle ist tief gesunken.
Warum greifen diese Männer Frauen im Internet an?
Ich glaube, sie denken, Frauen sind dafür da, um sich abreagieren können. Frauen wird weniger Respekt entgegengebracht, sie wirken für viele weniger autoritär und haben in der Realität weniger Macht. Das hat auch mit einer misogynen Grundstimmung in unserer Gesellschaft zu tun. Frauen werden viel mehr abgewertet und kritisiert als Männer. Für alles Mögliche – für ihr Aussehen, ihre Kleidung, in meinem Fall auch oft für die Stimme.
Während der Pandemie haben die Nachrichten zugenommen. Ich habe das Gefühl, dass in dieser Zeit teilweise das soziale Korrektiv gefehlt hat. Wenn Leute miteinander im Wirtshaus sitzen, dann gibt es womöglich schon Männer, die sich wechselseitig beruhigen. Das findet aber nicht statt, wenn die Leute allein zu Hause sitzen und irgendwas ins Internet schreiben.
Fast alle dieser Mails werden in der Nacht geschrieben. Da sind diese Männer allein und womöglich nicht nüchtern. Ich kann mir schon vorstellen, dass manche das machen, um sich vor dem Schlafen abzureagieren.
Sie haben sich auch schon gegen bekannte rechte Akteure gewehrt. Wie ist es, gegen Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, vorzugehen?
Ich bezeichne die inzwischen als Hate-Fluencer. Sie instrumentalisieren den Frauenhass und nutzen ihn systematisch, um ihre Reichweiten massiv zu steigern und ihre Ideologien zu transportieren.
Ich persönlich finde es sehr selbstermächtigend. Wenn man gegen diese Leute vor Gericht zieht, werden sie auch verurteilt. Das sind Männer in Machtpositionen, die über ganz andere Ressourcen verfügen als ich, aber vor Gericht haben sie mit dem, was sie auf Social Media betreiben, keine Chance. Gegen einen Politiker habe ich eine einstweilige Verfügung erwirkt, weil er mich im Internet als „Klagsfut“ bezeichnet hat. So etwas wird dann mit politischer Meinungsäußerung argumentiert. Diese Verfahren mache ich dann auch öffentlich. Wenn ich den Sepp von nebenan verklage, schreibe ich nicht öffentlich darüber. Ich mache das ja nicht aus Zerstörungslust, weil ich irgendwelche Leute schikanieren will, sondern ich will die Grenze des Sagbaren verschieben.
Bei Männern, die klar eine Vorbildfunktion haben und schlicht und einfach davon leben, ist das aber etwas ganz anderes. Ich glaube, wenn man das dann öffentlich macht, hat das auch eine ermutigende Wirkung für andere, sich zu wehren.
Was wünschen Sie sich im Umgang mit digitaler Gewalt?
Ich möchte, dass sie ernst genommen wird. Und ich möchte, dass sie verfolgt und nicht für politische Zwecke instrumentalisiert wird.
Frauen, die sich zivilrechtlich wehren wollen, sollen das auch können. Nicht nur, wenn sie das Geld, die Anwält:innen und die zeitlichen Ressourcen dafür haben. Man muss die Kosten für das Verfahren vorstrecken, und selbst wenn man gewinnt, kann man darauf sitzen bleiben, wenn das Gegenüber nicht die Mittel hat, sie zu bezahlen. Wenn es kostenfreie juristische Begleitung und Beratung geben würde und nicht die Gerichtsgebühren von den Betroffenen vorfinanziert werden müssten, würde das viele Betroffene motivieren, sich zu wehren.
Tatsache ist, dass die Opfer vor allem weiblich sind und Frauen am stärksten von Armut betroffen sind. Es gibt Anlaufstellen wie ZARA, aber die sind massiv unterfinanziert. Der finanzielle Aspekt muss bei Gesetzen mitgedacht werden, sonst funktioniert der Rechtsstaat nur für ein paar wenige, die es sich leisten können.
Wie gehen Sie persönlich mit diesen Gewalterfahrungen um?
Ich glaube, die ehrlichste Antwort ist, dass man mit der Zeit abstumpft. Das finde ich aber eigentlich gar nicht gut. Die Lösung des Problems darf nicht darin bestehen, dass Frauen sich klein machen und aus der Öffentlichkeit zurückziehen.