„Love Scamming“ hat in den letzten Jahren massiv zugenommen, Milliarden werden beim sogenannten Heiratsschwindel inzwischen erbeutet. Doch bei dieser Betrugsmasche gibt es Geschädigte auf allen Seiten. Von Nina Süssmilch
150.000 Euro soll sich ein Wiener von mehreren Frauen, die er auf Dating-Plattformen kennenlernte, erschlichen haben – im Herbst wurde er deshalb zu einer Freiheitsstrafe verurteilt. „Der Wiener Tinder-Schwindler?“, fragte der „Falter“. Sogenannte Love -Scammer liefern seit der 2022 veröffentlichten Netflix-Doku („The Tinder Swindler“) immer wieder Stoff für reißerische Medienformate, Betroffene erleben oft Häme und Spott. Im Netz floriert die Betrugsmasche, auch wenn sie keine Erfindung des Internets ist: Heiratsschwindel existierte auch im analogen Zeitalter.
Viele denken dabei an alte, verzweifelte „Jungfern“, an naive und gutgläubige Frauen, die nicht rechtzeitig „unter die Haube“ gekommen sind und denen vom Patriarchat und seinen Schutzversprechen besonders übel mitgespielt wurde. Es zeigt sich jedoch, dass heute sowohl Männer als auch Frauen von Love Scamming betroffen sind – der Betrug trifft vor allem Menschen zwischen vierzig und sechzig Jahren. Aber wir sind alle anfällig für diese Art von Scam, setzt er doch bei einem universalen menschlichen Bedürfnis an: dem nach Anerkennung und Liebe.
Was ist ein Love-Scam? Oft beginnt es so: Eine vermeintlich falsche Nummer, die auf Telegram plötzlich auftaucht, das Profil dahinter verwickelt in ein scheinbar ganz beiläufiges Gespräch. Männliche Profile auf Dating-Apps, die so viel sympathischer und verständnisvoller reagieren als die realen Männer. „Es war oft einfach viel angenehmer mit den Scammern zu kommunizieren als mit den echten Profilen“, sagt Louise Beltzung im an.schläge-Gespräch. Sie hat gemeinsam mit ihrer Kollegin Julia Krickl zum Thema Love-Scam auf Tinder geforscht. Heute arbeitet Beltzung in der Arbeiterkammer Wien im Bereich Konsument:innenschutz und Digitalisierung.
Langsam und beständig wird ein Netz um die betroffene Person gesponnen, oft geht das über Monate, manchmal sogar ein ganzes Jahr, bevor das erste Mal Geld zum Thema gemacht wird. Wenn der Scam auf sozialen Netzwerken beginnt und sich an Personen richtet, die in einer schwierigen Situation sind, wird großes Verständnis vorgespielt: „Mirroring“ nennt Jasmine Buchner das in ihrem Buch „Der Romance Scamming King“. Auf diesen „King“ traf Buchner bereits 2009, damals noch auf der Plattform MySpace. Durch geheucheltes Verständnis baut die betroffene Person immer mehr Vertrauen auf.
Love-Bombing. Auffallend ist, dass die Scammer sehr häufig und regelmäßig schreiben, regelrechtes Love-Bombing betreiben und schnell von großen Gefühlen berichten, um ihr Gegenüber bei der Stange zu halten. Wenn man nicht schnell genug antwortet oder zu bestimmten Zeiten nicht verfügbar ist, „dann ist das sofort ein Drama“, erklärt Louise Beltzung. „Es hat wirklich alle Anzeichen einer toxischen Beziehung. Die Scammer wollen einen z. B. möglichst schnell von der Plattform holen und privat chatten. Dann verlangen sie, dass man das Profil löscht und dafür Beweise zeigt.“ Das Love-Bombing geht über ins Gaslighting. Es heißt etwa: „Wenn du mich wirklich liebst, dann tust du das für mich.“
Scammer, die Louise Beltzung im Zuge ihrer Forschung beobachtete, begannen irgendwann beiläufig von Kryptoinvestments zu sprechen, die viel Geld abwerfen würden. Dieser Scam wird „Pig Butchering“ genannt. Man passt den Betrug maximal an die betroffene Person an, erzählt ihr, was sie hören will und „füttert“ sie entsprechend. Wenn sie dann ausreichend manipuliert ist, wird das Konto „angezapft“, indem von ganz einfachen und sicheren Kryptoinvestments gesprochen wird. Bei Beltzung waren es Männer, die ein vermeintlich entspanntes Leben in Luxus und frei von Arbeit auf irgendeiner Insel verbrachten, weil sie angeblich zum richtigen Zeitpunkt in Kryptowährung investiert hatten. „Der Traum vom schönen Leben bedeutet eben oft auch ein Leben mit Liebe und in Wohlstand“, ist sich Beltzung sicher.
„Kein Opfer ist dumm“. In anderen Kontexten wird oft vorgegeben, dass ein Unfall, etwas Tragisches oder Dringliches geschehen sei, wofür der Scammer unbedingt Geld benötigt. Jasmine Buchner wurde von vermeintlichen Ärzten angerufen, um für den angeblich im Koma Liegenden Geld einzufordern. Sie beschreibt in einem YouTube-Interview mit der Marketing-Beraterin Sandra Staub, wie stressig die Situation war. „Kein Opfer ist dumm“, sagt sie, es sei vielmehr wie eine „emotionale Vergewaltigung“. Auch nachdem ihnen der Betrug klar wird und die Betroffenen den Tatsachen in die Augen schauen müssen, ist es für sie nicht vorbei. Viele haben mit dem massiven Vertrauensverlust zu kämpfen und haben sich im Zuge des Scams von anderen Menschen isoliert. Die meisten schämen sich und bringen den Betrug deshalb nicht zur Anzeige.
„Sie war nicht dumm“, beschreibt auch Sarah Kuttner, deutsche Moderatorin und Autorin den Fall ihrer inzwischen verstorbenen Mutter. Sie hatte ihr gesamtes Geld an einen solchen Online-Betrug verloren und sich von der Familie mehr und mehr entfernt. Kuttner veröffentlichte letztes Jahr ein Buch dazu („Mama und Sam“) und erklärte in mehreren Interviews, wieso sie der Mutter nicht helfen konnte: „Mit Verliebten kannst du nicht diskutieren.“ Auch Louise Beltzung bezweifelt, dass die gut gemeinten Versuche zu intervenieren von Freund:innen und Familien hilfreich seien. „Das funktioniert normalerweise nicht. Eher noch distanzieren sie sich von der Familie oder den Freunden.“
Denn Menschen, die von Love-Scams betroffen sind, zeichnen sich nicht unbedingt durch Naivität und Leichtgläubigkeit aus, sondern wurden emotional manipuliert und betrogen. Sie befinden sich in einer psychischen Ausnahmesituation. Die Forschung habe sie auch deshalb interessiert, „weil das Thema immer noch mit so viel Scham besetzt ist“, erklärt Louise Beltzung. Denn auch jene, die glauben, ihnen würde so etwas nie passieren, könnten in die Fänge der Betrüger:innen geraten.
Die Scam-Netzwerke. Auch wenn es einzelne besonders raffinierte Betrüger sind, denen Podcast-Folgen oder Dokus gewidmet werden: Hinter dem Love-Scam stehen inzwischen professionalisierte Netzwerke. Sie haben sich auf Social-Media-Kanäle, Messenger oder Dating-Portale spezialisiert. Dort finden sie Personen, die gerade in besonders schwierigen Umständen leben, einen Todesfall oder eine Trennung erlebt haben. Auf Facebook haben sich Love-Scammer beispielsweise in Support- oder Trauergruppen geschlichen, um dort ihre Opfer zu finden. Eines von zehn Tinder-Profilen gehört vermutlich einem Love-Scammer, sagt Louise Beltzung.
Und diese Netzwerke sind enorm gewachsen, sie betreiben inzwischen beispielsweise in Myanmar Zentren, in denen Menschen häufig unter Zwang arbeiten. Die späteren Scammer werden teilweise mit dem Versprechen auf einen Job angelockt, in besonders schlimmen Fällen werden sie auch entführt, vor Ort wird ihnen der Pass abgenommen. Die Rekrutierten müssen dann entweder einen bestimmten Betrag erschwindeln, um sich frei zu kaufen, oder aber ihre Familie wird erpresst, einen bestimmten Betrag zu zahlen.
Bei einer kleinen Anfrage im Deutschen Bundestag vom Dezember 2025 wird von Banden organisierter Kriminalität gesprochen, die diese Betrugszentren kontrollieren. „Die Vereinten Nationen sprechen von moderner Sklaverei und schätzen, dass weltweit über 100.000 Menschen in solchen Zentren festgehalten werden“, ist im Bericht zu lesen. Inzwischen nimmt der Love Scam solche Ausmaße an, dass auch Bundesbehörden und Banken in Österreich und Deutschland auf die Betrugsmasche aufmerksam machen. Die Vereinten Nationen schätzten für das Jahr 2025 eine Summe von vierzig Milliarden US-Dollar, die bei Love Scams erbeutet wurden.
Der Schmerz auf der Seite der Betrogenen ist genauso real wie die Angst derjenigen, die in den Betrugszentren arbeiten müssen. In den Foren von Betroffenen scheint es teilweise wenig Wissen darüber zu geben, dass es sich bei den Love Scams oftmals um das Werk organisierter Banden handelt. Dort wird den Rachegelüsten freien Lauf gelassen. Bei einigen der Betrogenen wird dabei tiefsitzender Rassismus offenbar, entsprechend wird das Thema auch rechtspopulistisch instrumentalisiert.
Red Flags. Wie aber kann man sich vor Love-Scams schützen? Verbraucherzentren, Banken und die Bundeskriminalämter in Österreich und Deutschland rufen dazu auf, auf klassische „Red Flags“ zu achten. Dazu gehört, dass der oder die Betrüger*in weit weg lebt und man sich nicht treffen kann. Es werde außerdem sehr schnell versucht, von Dating-Plattformen oder Social-Media-Kanälen auf private Chats umzusteigen, wo theoretisch weniger Regulierung herrscht. Auch „schlechtes Englisch“ könne laut Expertinnen ein Warnsignal sein und dass zwischen unterschiedlichen Schreibstilen gewechselt würde – da eben selten ein Einzeltäter hinter den Scams steckt, sondern sich mehrere Personen am Chat beteiligen.
AK-Expertin Louise Beltzung hingegen ist skeptisch, dass diese Tipps tatsächlich helfen. Dass die Betrugsmasche so sehr an toxische Beziehungen erinnert, macht deutlich, welches Einfallstor patriarchale Strukturen für neue Ausbeutungsformen bieten. Durch KI ist es heute außerdem möglich, nicht nur in fehlerfreiem Englisch zu kommunizieren, auch KI-generierte Stimmen können Sprachnachrichten täuschend echt erscheinen lassen, auch KI-generierte Fotos sind leicht zu erstellen. Sollte man bei Familienmitgliedern oder Freund:innen den Verdacht hegen, dass die Person in einen Love-Scam verwickelt ist, rät watchlist-internet.at dennoch dringend dazu, sich mit den dort tätigen Expert:innen zu beraten.