Bundeskanzler Stocker sorgte Anfang August auf seiner Österreich-Tour für heftige Debatten. Nachdem eine Bürgerin ihm vorrechnete, dass Kinderbetreuung mit 96 Stunden Aufwand pro Woche harte Arbeit sei, antwortete Stocker, er sehe Kinderbetreuung nicht als unbezahlte Arbeit. Familien seien kein Business-Case – Familie bedeute für ihn etwas zu tun, ohne etwas dafür zu bekommen.
Journalistin und Autorin Ana Wetherall-Grujic im Interview mit Emelie Brendel über den „linken Mob“ und Erbrochenes im Kindersitz gesprochen.
Sie haben ein feministisches Buch übers Mutter-Sein geschrieben. Hat Sie die Aussage des Bundeskanzlers überrascht?
Christian Stockers Aussagen haben mich nicht überrascht. Von einem ÖVP-Politiker erwarte ich keine zeitgemäße oder gar zukunftssichere Familienpolitik. Was mich verwundert hat, war sein Ton in dieser Fragerunde. Ich habe ein Verständnis von Politiker:innen als Dienende des Volkes. In dieser Herablassung würde ich nicht mal einen Klassensprecher mit mir sprechen lassen – geschweige denn einen der höchsten Angestellten dieses Staates. Dass Stockers vermeintliche Entschuldigung als Zeichen seiner Einsicht gesehen wird, ist die besudelte Kirsche auf diesem ganzen Kuchen aus gequirltem Unrat.
War die heftige öffentliche Reaktion für Sie ein Zeichen, dass sich der Diskurs über die Jahre tatsächlich verschoben hat?
Es hat sich nicht so sehr ein körperloser Diskurs verschoben. Oder – wie einige meiner liebsten konservativen Journalist:innen behaupten – ein linker Mob auf das arme Stocker-Hascherl eingedroschen. Die Menschen in Österreich haben Augen im Kopf. Sie sehen die Realität. Niemand kann ernsthaft behaupten, Familie sei keine Arbeit. Kein Mensch glaubt wirklich, dass es Alleinerziehenden in Österreich besser als anderswo geht. Dass Stocker genau so etwas öffentlich äußert, spricht also entweder für wenig Verstand oder „Dog Whistles“: scheinbar harmlose Botschaften, hinter denen Diskriminierung steckt. Ich kenne Herrn Stocker nicht persönlich. Ob begrenztes Realitätsvermögen seine Worte formten oder Hunde das Ziel seiner Politik sind: Das müssen Wähler:innen für sich entscheiden.
Auch die die „Kronen Zeitung“ berichtete auf der Titelseite, die FPÖ würdigte der Leistung der Mütter – von Umverteilung der Care-Arbeit war kaum etwas zu hören. War die Debatte gar keine feministische?
„Alles Schlampen außer Mutti“ wird zu keinem progressiven Frauenbild, egal, wie laut FPÖ, Krone und Rechtsaußen das für ein bisschen politisches Kleingeld krakelen. Die Realität ist: Frauen in Österreich leisten im Schnitt mehr Kümmer-Arbeit als Männer. Dass sie die Empfänger dieser Arbeit – Kinder, Pflegebedürftige, ja auch ihre Partner – lieben, macht die Arbeit nicht weniger anstrengend. Wer schon einmal Erbrochenes aus einem Kindersitz gepult hat, weiß das.
Gerechtigkeit ist nur durch Umverteilung möglich von Zeit, Geld und Verantwortung. Das ist alles kein Geheimnis. Stocker könnte es wissen, wenn er wirklich mal arbeiten würde.