Wer rechtsextreme Politik und Gewalt verhindern will, muss den Frauenhass im Blick haben, der ihnen zugrunde liegt – das zeigt die US-Soziologin CYNTHIA MILLER-IDRISS in ihrem neuen Buch eindrücklich. Brigitte Theissl und Lea Susemichel haben die führende Extremismusforscherin gefragt, inwiefern Misogynie die Demokratie gefährdet und wie es sich anfühlt, in einem Land zu leben, in dem das Frauenwahlrecht plötzlich offen infrage gestellt wird.
an.schläge: Wir würden gern mit der großen Frage beginnen, die Sie auch in Ihrem neuen Buch behandeln: Wie und warum beruhen White Supremacy und rechte, autokratische Politik auf Misogynie?
Cynthia Miller-Idriss: Diese Frage wird tatsächlich oft ignoriert. Die Logik der Vorherrschaft, die beiden zugrunde liegt – männlicher Vorherrschaft ebenso wie weißer Vorherrschaft – verknüpft sie miteinander. Wenn man ein Glaubenssystem hat, das eine Hierarchie von Über- und Unterlegenheit zwischen Gruppen aufstellt, dann sind das im Kern dieselben Logiken und Denkmuster.
Am gewaltvollen Ende des Spektrums – und darauf verweise ich im Buch mit vielen Daten – zeigt sich, dass viele Anschläge und schwere Gewaltverbrechen mit vielen Opfern in den USA, in Kanada, Australien, Deutschland, im Vereinigten Königreich und anderswo, die sich gegen Minderheiten richten, auch von Gender-Ideologie motiviert sind. Es waren also entweder Täter, die glauben, weiße Frauen schützen zu müssen, weil sie an falsche Kriminalstatistiken glauben. Oder man hat Täter, die von der Idee des sogenannten „Großen Austauschs“ oder von „Eurabia“ motiviert sind, also von der Verschwörungstheorie, dass weiße Bevölkerungen durch Immigrant:innen ersetzt werden sollen und es vermeintlich zu einer Islamisierung Europas komme. Diese Erzählung verweist auch auf die niedrigen Geburtenraten weißer Frauen und hängt der Vorstellung an, dass Feminismus die „natürliche Ordnung“ der Dinge störe und die reproduktive Kapazität weißer Frauen untergrabe.
Und es gibt noch einen weiteren Zusammenhang, der oft ignoriert wird, dass nämlich männliche Gewalt, die sich zunächst gegen Frauen richtet, eskalieren kann und dann in schwere Gewaltverbrechen mit vielen Opfern oder Anschläge übergeht. Entweder, weil das eigentliche Ziel der Gewalt eine Person war und andere Menschen sozusagen als „Kollateralschaden“ getötet werden – ein schrecklicher Begriff – oder weil die Gewalt gegen die Frau nicht ausreichte, um das Bedürfnis des Täters nach Macht und Unterwerfung zu befriedigen. Er richtet die Gewalt dann auch gegen andere Menschen, die zu Sündenböcken werden, denen er die Schuld an seinen Problemen gibt. Wenn es nicht Feministinnen und Frauen sind, dann sind es Jüdinnen und Juden oder Minderheiten, die für Jobverlust, Einsamkeit, Isolation oder andere empfundene Kränkungen verantwortlich gemacht werden.
Das zeigt, dass Misogynie nicht nur die Demokratie, sondern auch die innere Sicherheit gefährdet. In „Man Up“ zeigen Sie die enge Verbindung zwischen rechtsextremer Gewalt, Terrorismus und misogynen Einstellungen sowie Gewalt gegen Frauen. Bekommt dieser Zusammenhang die Aufmerksamkeit, die er braucht?
Ich habe lange in Deutschland gelebt und bin ein großer Fan der deutschen Präventionsansätze, die viel stärker auf Bildung und Sozialarbeit setzen als die sehr sicherheitsorientierten Ansätze in den USA. Aber Deutschland und die USA teilen ein Problem: Sie erkennen Misogynie und geschlechtsbezogene Gewalt deutlich weniger als etwa Kanada, Neuseeland, Australien oder UK. Ich war letzten Herbst bei einem Briefing mit Vertreter*innen mehrerer Länder und ein hochrangiger deutscher Beamter sagte sinngemäß: „Ach, dieses Problem haben wir nicht.“ Und fügte dann hinzu: „Und was sollen wir denn auch tun? Das ganze Patriarchat abschaffen?“ Da dachte ich: Oh mein Gott, Sie haben es tatsächlich gerade ausgesprochen!
In den USA ist die Situation noch feindseliger. Es ist nicht nur Verharmlosung, sondern aktive Verstärkung. Unser „Kriegsminister“ Pete Hegseth sagt, es müsse „männliche Standards“ beim Militär geben. Mark Zuckerberg sagt, wir bräuchten mehr „maskuline Energie“ in der Wirtschaft. Es passiert nicht mehr im Verborgenen, dass die Mächtigen in den USA patriarchale und misogyne Ideen feiern.
Es gibt also eine sehr starke, offene Ablehnung dieses Thema anzugehen. Aber es gibt eben auch Länder, die ernsthaft darüber nachdenken, Misogynie als Hassverbrechen einzustufen und in denen die Erforschung des Zusammenhangs zwischen geschlechtsbasierter Gewalt, häuslicher Gewalt und gewalttätigem Extremismus gefördert wird– wie eben in Kanada oder Australien.
Das FBI hat gar keine Definition für misogynen Extremismus.
Genau, und das sogar unter der Biden-Regierung. Man kann das nicht nur der Trump-Administration anlasten. Diese blinden Flecken gibt es seit Jahrzehnten.
Wäre es Ihrer Meinung nach sinnvoll, Gewalttaten von Incels als eine Form von Terrorismus zu betrachten oder zu klassifizieren?
Ich denke, wir sollten incelbezogene Gewalt zumindest als eine Form von gewalttätigem Extremismus betrachten, wenn nicht als Terrorismus. Es gibt unterschiedliche Definitionen, auf jeden Fall aber sollte man sie nicht als bloße Persönlichkeitsprobleme einzelner Täter abtun, wie es oft geschieht. Gewalttätige Incel-Ideologien und -Handlungen beruhen im Kern auf der Überzeugung von männlicher Vorherrschaft. Und auch verwandte Taten – etwa der Angriff in Atlanta, Georgia, auf die Angestellten eines Spas, bei dem sechs Frauen und drei weitere Menschen, die zufällig auch am Tatort waren, getötet wurden – basieren auf dieser Ideologie. Der Täter glaubte, ein Recht darauf zu haben, ohne die „sexuelle Versuchung“ zu leben, die diese Frauen seiner Meinung nach darstellten. Obwohl das Motiv die Idee männlicher Vorherrschaft ist, wurde die Tat nie als extremistisch eingestuft.
Uns fehlt also ein Rahmen, um solche Taten sicherheitspolitisch zu erfassen. In Europa gibt es Datensätze zu rechtsterroristischen Anschlägen, in denen Incel-Attacken nicht enthalten sind. Als ich fragte, warum nicht, hieß es: „Weil das nicht rechtsextrem ist.“ Es stimmt, dass Incel-Gewalt nicht ausschließlich rechtsextrem ist. Misogynie ist z. B. auch ein zentraler Bestandteil islamistischen Extremismus – weil sie eben ein verbindendes Merkmal vieler extremistischer Ideologien ist. Wir brauchen eine andere Art, über Terrorismus nachzudenken, die Misogynie explizit einbezieht.
X ist unter Elon Musk zu einer beliebten Plattform für Rechtsextreme geworden, Meta hat die Moderation zurückgefahren und erlaubt mehr homofeindliche und misogyne Sprache. Studien, die zeigen, wie schädlich etwa Instagram für junge Menschen sein kann, werden vom Unternehmen ignoriert. Reicht es da aus, zu sagen: Wir müssen Jugendliche nur besser im Umgang mit diesen Plattformen schulen? Regierungen wirken im Umgang mit den Plattform-Konzernen oft hilflos.
Nein, ich glaube definitiv nicht, dass Bildungsarbeit allein ausreicht. Unser Projekt arbeitet zwar an Primärprävention, an digitaler Medienkompetenz und der Sensibilisierung von Erwachsenen, damit sie Warnsignale erkennen. Denn je früher man eingreift, desto leichter ist Prävention. Ich sehe das als Public-Health-Ansatz zur Prävention von gewalttätigem Extremismus. Bei physischer Gesundheit wissen wir: Man kann Krankheiten vorbeugen, bevor sie ausbrechen. Aber Bildung allein reicht nicht. Wenn Menschen in „Food Deserts“ leben, sich gesundes Essen nicht leisten können, dann greifen sie eher zu Fast Food. Es ist immer ein ganzes Ökosystem. Genauso hier: Bildung ist notwendig, aber ohne strukturelle Lösungen überfordert man die Menschen. Man erwartet von ihnen einfach, resilient gegenüber immer neuen Gefahren zu sein, ohne auch gegen diese Gefährdungen und Ursachen vorzugehen. Es braucht beides.
Australien etwa hat ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige eingeführt. Das ist ein großes Experiment und in mancher Hinsicht positiv, aber auch keine hinreichende Lösung. Alle diese Kinder werden irgendwann 16. Außerdem sind nicht alle Plattformen gesperrt – Discord z. B. nicht. Ohne begleitende Bildung und Aufklärung sind Jugendliche völlig unvorbereitet, wenn sie doch auf schädliche Inhalte stoßen. Und sie werden darauf stoßen, denn selbst die besten Algorithmen versagen – und aktuell haben wir nicht die besten.
Misogynie ist online zu einem äußerst lukrativen Geschäftsmodell geworden – auch weil Algorithmen polarisierende Inhalte bevorzugen.
Ja, es ist wohl unmöglich vorherzusagen, wie viel schlimmer es noch werden wird. Aktuell spitzt sich die Lage enorm zu, sowohl in Bezug darauf, wie viel Misogynie es gibt, als auch darauf, wie sehr Menschen ihr ausgesetzt sind. Und worüber ich mir tatsächlich am meisten Sorgen mache, ist gerade die subtile, alltägliche Art und Weise, in der insbesondere junge Männer und Jungen geprägt werden. Ohne dass sie jemals bewusst einen „Schalter umlegen“ und sagen: „Jetzt glaube ich das.“ Es passiert einfach – Männer und Jungen geraten ganz subtil immer stärker unter Druck – ins Fitnessstudio zu gehen, muskulöser zu werden, vielleicht Steroide oder Testosteron zu nehmen, gewalttätige Pornografie zu schauen, Choking auszuprobieren – weil sie nichts über weibliche Lust wissen und nur an ihre eigene denken.
Ihre Vorstellungen und ihr Verhalten werden von dem geformt, was sie online konsumieren, ohne dass sie die Möglichkeit haben, darüber zu sprechen und zu reflektieren, was sich dadurch in ihren Ansichten verändert haben könnte. Das ist eine langsam wachsende reaktionäre Front gegen Feminismus, gegen Frauenrechte, gegen Gleichberechtigung und Chancengleichheit, die sich immer mehr normalisiert. Wir sehen das sehr deutlich: Diversität, Gerechtigkeit, Inklusion, all das ist plötzlich negativ besetzt. Anfangs waren die Leute über den Backlash schockiert, doch inzwischen ist es in Ordnung, feministische Forderungen abzulehnen, es wird zum neuen Mainstream. Diese Normalisierung ist wirklich beunruhigend – und dass Menschen nicht merken, wie sehr sie davon beeinflusst werden. Menschen ändern sich durch das, was sie online konsumieren, stärker, als ihnen bewusst ist.
In Ihrem Buch zitieren Sie Studien, die zeigen, wie viel Zeit junge Menschen online verbringen und wie wichtig diese Räume für sie geworden sind. Online-Räume funktionieren allerdings stark geschlechtergetrennt – sei es beim Online-Gaming oder auf den Social-Media-Plattformen. Welche Folgen, denken Sie, hat diese Entwicklung, gerade auch für den Kampf gegen sexistische Einstellungen?
Unsere Daten zeigen: Jüngere Generationen haben weniger Freundschaften mit Personen des anderen Geschlechts, sie verbringen weniger Zeit mit ihnen. Dating über Online-Plattformen bringt Herausforderungen mit sich, und es gibt weniger Beziehungen, weniger Sex, weniger Eheschließungen – die tatsächlichen Interaktionen zwischen Frauen und Männern sind also stark zurückgegangen.
Wir sehen auch, dass junge Männer nach rechts tendieren, junge Frauen nach links. Junge Männer unterstützen Feminismus weniger oder meinen, Feminismus sei „zu weit gegangen“, sie befürworten sogar, dass Frauenrechte zurückgenommen werden. Manche feiern das sogar euphorisch, wie mit Nick Fuentes’ „Your Body, My Choice“-Slogan. Eine der drängendsten Fragen ist also, wie stark sich diese Generationen gerade geschlechtsspezifisch verändern, gemäß der sehr unterschiedlichen Welten, die sie bewohnen.
Ein interessantes Beispiel dafür ist „Tradwife“-Content. Viele sprechen darüber, wie negativ diese Social-Media-Inhalte Frauen beeinflussen. Einige der größten Tradwives-Kanäle in den Niederlanden haben aber offensichtlich bis zu 85 Prozent männliche Abonnenten. Diese Tradwives sind also vor allem auch eine männliche Fantasie. Das Geld, das sich damit machen lässt, kommt von männlichen Abonnenten, die bestimmte Vorstellungen von Frauen idealisieren.
Der patriarchale Backlash braucht immer auch die Unterstützung von Frauen, schreiben Sie in „Man Up“. Wo sehen Sie aktuell die größte Gefahr, dass Frauenrechte und LGBTIQ+-Rechte zurückgenommen werden könnten – und das mitgetragen von Frauen?
Ich denke, die größte Gefahr ist das Schweigen. Natürlich gibt es viele Feministinnen und Aktivistinnen, die seit Jahrzehnten lautstark protestieren. Deshalb beginne ich mein Buch auch mit einer Art Entschuldigung: Ich habe Jahrzehnte über Jungen und Männer geschrieben, über Fragen zu Männlichkeit, Loyalität, Gewaltbereitschaft – aber nie gefragt, wie sie Frauen sehen, wie sie Mädchen behandeln, als Partnerinnen oder in Liebesbeziehungen. Diese blinden Flecken im Feld habe ich selbst auch gehabt.
Dieses Schweigen ist meiner Meinung nach das größte Risiko. Dann gibt es aber auch „enabling“: Frauen, die nicht nur schweigen, sondern aktiv teilnehmen, sei es als Profiteurinnen oder als überzeugte Unterstützerinnen. Besonders problematisch ist der evangelikale Einfluss, das Wachstum des christlichen Nationalismus gepaart mit der Vorstellung, Frauen seien von Natur aus für Kindererziehung und Haushalt verantwortlich. Frauen, die diese Rollen nicht erfüllen, werden als Verräterinnen gesehen.
Hätten Sie es vor 20 Jahren für möglich gehalten, dass ein Donald Trump die USA regiert? Ein Präsident, der Männer zum Abendessen einlädt, die ganz offen die Abschaffung des Frauenwahlrechts fordern? Wie beeinflusst diese neue Realität Ihre Arbeit?
Ich hätte das nicht gedacht. Ich habe „The Handmaid’s Tale“ wie alle anderen in den 80ern gelesen, die TV-Serie aber erst dieses Jahr gesehen – und plötzlich hat sich das sehr real angefühlt. Wie eine etwas radikalere Version dessen, was da noch kommen könnte. In den USA haben wir Gruppen wie „Rape Krieg“, die die Massenvergewaltigung weißer Frauen planten, um demografische Entwicklungen umzukehren. Wir führen Debatten über die Abschaffung reproduktiver Rechte, über die Straffreiheit von Gewalt in der Ehe. Ich hätte auch nie gedacht, dass es eine offizielle Forderung nach „männlichen Standards“ im Militär geben würde, ohne dass das ein Skandal ist.
Das alles macht mich besonders betroffen, wenn ich an junge Frauen denke, die in einer Welt leben müssen, in der einst hart erkämpfte reproduktive und trans Rechte nicht mehr gelten. Ich bin langfristig optimistisch, aber wir sind noch Jahre davon entfernt, das Ruder wieder rumreißen zu können. Allein schon, weil die aktuelle Regierung noch drei Jahre im Amt ist – und weil leider viele deren Politik unterstützen.
Cynthia Miller-Idriss: Man Up: The New Misogyny and the Rise of Violent Extremism, Princeton University Press 2025