Nicole Selmer ist Sportjournalistin und seit 2024 Co-Chefredakteurin des Fußballmagazins „Ballesterer“. Ein Gespräch über Korruption und Macht bei der WM, Tickets für eine Million Dollar und Freiheiten, die der Fußball Frauen bietet.
Interview: Lea Susemichel und Brigitte Theißl
an.schläge: Die FIFA-Männer-WM tritt heuer zum ersten Mal mit einem Menschenrechtskonzept an. Human Rights Watch hat dem Turnier allerdings schon vorab ein fatales Zeugnis ausgestellt. Die NGO warnt unter anderem vor dem Vorgehen der ICE-Behörde in den USA und einer Gefährdung der Pressefreiheit. Wie blickst du auf die Weltmeisterschaft in USA, Mexiko und Kanada?
Nicole Selmer: Mit sehr viel Skepsis. Um sich als Austragungsort zu bewerben, gab es diesmal die Vorgabe, ein Menschenrechtskonzept zu erstellen – unter dem Eindruck der Turniere 2018 in Russland und 2022 in Katar. Im sogenannten Bid-Book liest sich das alles sehr schön. Tatsächlich sind jetzt aber die Fans mehrerer WM-Teilnehmerländer von der Einreise in die USA de facto ausgeschlossen. Man sieht: Papier ist geduldig, es gibt die Konzepte, aber sie werden nicht umgesetzt. Es wäre die Aufgabe der FIFA, die Ausrichterländer daran zu erinnern, sich an die eigenen Vorgaben zu halten – etwa in puncto Arbeitsrechte, ökologische Nachhaltigkeit, Bedingungen für queere Personen.
Vor zehn Jahren erklärte John Oliver in seiner Sendung „Last Week Tonight“ den Amerikaner:innen globale Fußball-Liebe und die korrupte FIFA. Der Verband könne sich erst ändern, wenn Präsident Sepp Blatter gehen müsse – so sein Resümee. 2026 kritisierte der pensionierte Blatter nun die „Diktatur“ unter seinem Nachfolger Gianni Infantino. Was braucht es, damit die FIFA sich endlich nachhaltig ändern kann?
Infantino hat es tatsächlich geschafft, Joseph Blatter gut aussehen zu lassen. Ich denke Infantino muss gestürzt werden – und zwar besser heute als morgen. Und für eine wirkliche Veränderung muss die FIFA zerschlagen werden. Sie hat das Monopol auf das WM-Turnier der Männer. Auf die lukrativen Turniere, die auch deshalb so lukrativ sind, weil sie in einer engen Kumpanei mit autokratischen Staaten stattfinden. Die großen Sponsoren kommen vielfach aus nicht-demokratischen, aber reichen Ländern. Früher waren es China und Russland, heute sind es vor allem die arabischen Golfstaaten. Und natürlich die USA, die wir ja auch nur mehr bedingt zu den Demokratien zählen können. Das alles schadet dem Fußball und die Verbände machen mit, weil sie finanziell davon profitieren – auch wenn sie nicht alles gutheißen. Aber die Frage ist eben, ob das Produkt Fußball dadurch nicht irgendwann ganz kaputtgeht.
Auch die Folgen von Umweltzerstörung und sozialer Ungleichheit stehen in der Kritik. Mexiko hat etwa Milliarden in die Infrastruktur für die WM investiert, für die Menschen vor Ort wird vor Verschlechterungen wie einer Wasserknappheit gewarnt. Und auch die Ticketpreise sind in absurde Höhen geklettert – unleistbar für viele Fans.
Die Auswirkungen für die Ausrichterländer sind umso stärker, wenn es sich um sogenannte Schwellenländer handelt. Wir haben das in Südafrika 2010 und in Brasilien 2014 gesehen, wo es große Proteste gegen die WM gab. Die FIFA schreibt vor, wie groß die Stadien oder wie breit die Zubringerstraßen sein müssen – das ruiniert diese Länder. Geld, das dringend im Bildungs- oder im Gesundheitswesen gebraucht wird, fließt in die WM-Infrastruktur. Wir sollten uns vom Wachstumsdenken verabschieden: Vielleicht muss nicht alles größer, sondern kleiner werden. Es könnte zum Beispiel fixe Länder geben, in denen immer die WM stattfindet – dann müssen nicht alle vier Jahre neue Stadien gebaut werden.
Die Ticketpreise wiederum sind ein Witz. Die FIFA hat vor wenigen Wochen noch eine teuerste Kategorie erfunden. Und auf den Wiederverkaufsplattformen stehen jetzt Final-Tickets für eine Million Dollar zum Verkauf. Die FIFA bekommt 15 Prozent von der Person, die das Ticket verkauft und nochmal 15 Prozent von den Käufer:innen. Sie hat sich also ihren eigenen Schwarzmarkt organisiert. Spannend bleibt natürlich, ob diese überteuerten Tickets dann wirklich jemand kauft oder ob die Ränge bei weniger attraktiven Spielen leer bleiben.
In Deutschland gab es zuletzt heftige Reaktionen auf die Bestellung von Marie-Luise Eta als erste Cheftrainerin der Männer bei Union Berlin. Es erinnert an die Hasswelle, die Claudia Neumann als erste Kommentatorin einer Männer-EM entgegenschlug. Hat sich denn im Männerfußball in puncto Sexismus gar nichts getan?
Ich schwanke da immer in meiner Wahrnehmung. Es gab einerseits sehr viele Hasskommentare, die sich an Marie-Luise Eta richteten, aber es gab andererseits auch sehr viel Support, das ist wichtig zu erwähnen. Sie ist auch in den Pressekonferenzen großartig damit umgegangen. Solche Pionierinnen bereiten den Weg für Nachkommende, das macht Hoffnung. Auch die Fankultur hat sich verändert. Ich habe 2004 ein Buch über weibliche Fußballfans geschrieben und inzwischen ist der Fußball vielleicht nicht weniger sexistisch geworden, aber weibliche Fans sind im Stadion sichtbarer und vernetzter, es gibt Choreografien gegen Sexismus, queere Fanklubs, rein weibliche Fanklubs, diese Sichtbarkeit ist enorm wichtig.
Zwischen Männer- und Frauenfußball klafft immer noch eine gigantische Lücke, dennoch ist die Sichtbarkeit für den Fußball der Frauen heute sehr viel größer. Ein volles Stadion erleben Spielerinnen in Europa aber nur selten. Braucht der Frauenfußball mehr weibliche Fans?
Ich möchte es eigentlich gar nicht so getrennt denken, auch wenn das im Moment vielleicht noch unrealistisch erscheint. Ich will mich nicht an dieser Trennung Fußball der Männer und Fußball der Frauen abarbeiten. Ich finde, die Leute sollten zum Fußball gehen, zum Verein, der ihnen am Herzen liegt, in die Stadionatmosphäre, die sie genießen können. Ob sie jetzt ein großes, lautes Stadion suchen oder den kleinen Platz besser finden, wo man sich kennt. Das wäre mir wichtiger als die Unterscheidung zwischen Männer- und Frauenfußball.
In Österreich hat es 2017 und 2022 mit den Erfolgen des Frauennationalteams bei der Europameisterschaft einen kleinen Hype gegeben – aktuell steckt das Team in der Krise. Fehlt es an starken Führungsspielerinnen wie Vicky Schnaderbeck oder Lisa Makas oder hat der ÖFB vielleicht strukturelle Investitionen verabsäumt?
Ich glaube, es ist eine Mischung aus beidem. Man hätte sicher mehr investieren können, etwa ins Personal, in Ressourcen auf verschiedenen Ebenen. Aber ich denke auch, dass die beiden EM-Teilnahmen ein Stück weit ein Glücksfall waren. Manchmal kommt einfach alles zusammen, die Leistung hat gestimmt, rückblickend hat das Team vermutlich sogar überperformt. Das schafft natürlich Erwartungen, die die nächste Generation nur schwer erfüllen kann. Damit will ich nicht sagen, dass der ÖFB alles richtig gemacht hat. Aber dass etwas mehr Geld auch gleich eine bessere Leistung bringt – so einfach funktioniert die Rechnung im Fußball nicht.
Feministinnen sind traditionell ja sehr skeptisch Fußball gegenüber. Es gibt die Kritik an der maskulinistischen Inszenierung, aber auch an den Machtstrukturen, über die wir schon gesprochen haben. Welche Kritikpunkte an diesem kompetitiven und inhärent ja schon auch gewalttätigen Sport siehst du als valide an? Und wie könnte sich der Fußball denn neu erfinden in einer Form, die auch feministisch gefeiert werden kann?
Frauen, die Fußball lieben – als Zuschauerin, als Fan, aber auch als Sportlerin –, haben ja zu dem Fußball gefunden, wie er jetzt ist. Und der trägt eine große Ambivalenz in sich. Eben genau das, was du beschrieben hast: Er hat diese Wettbewerbslogik, diese starke historische männliche Aufladung – zugleich bietet er aber auch Freiräume. Fußball ist ein Ort, an dem Frauen und übrigens auch Männer, sich ein Stück Männlichkeit abschneiden können. Ich habe im Fußball gelernt, durch jede Menschenmenge durchzukommen. Oder durch das Rumbrüllen im Stadion, sich gehen zu lassen. Das kann sehr unangenehme Aspekte haben, aber es ist auch etwas, das Frauen nach klassischen Weiblichkeitszuschreibungen sonst kaum gestattet ist. Im Fußball erleben Frauen extreme Einschränkungen, einen Sexismus, der an anderen Orten so vielleicht nicht mehr präsent ist. Zugleich aber auch eine Freiheit, die es woanders kaum für sie gibt. Das ist sehr attraktiv – und für mich ist es feministisch.