Frauen sind tendenziell skeptischer gegenüber generativer KI – das versuchen milliardenschwere KI-Unternehmen zu ändern. Auch, um ihren Produkten einen harmlosen Anstrich zu verpassen.
Von Alina Miercke
Als OpenAI im vergangenen Jahr den KI-Bildgenerator einführte, wurden soziale Medien von Comics im Stil des japanischen Animationsstudios Ghibli, bekannt für Filme wie „Prinzessin Mononoke“ geflutet. Neuerdings kursieren Fotos in 80er-Nostalgie. User:innen posten private Fotos, Memes oder Bilder von Politiker:innen mit Dauerwelle und neonfarbenen Fishnets. Mithilfe solcher unterhaltsamen Trends, versucht ChatGPT neue Nutzer:innen zu gewinnen, die sonst womöglich kritischer gegenüber KI gewesen wären oder keine Verwendung dafür gefunden hätten; darunter auch viele Frauen.
Laut einer globalen Metastudie der Harvard Business School ist es 22 Prozent weniger wahrscheinlich, dass Frauen KI benutzen als Männer. Auch eine Axios-Umfrage aus den USA fand, dass Frauen durchschnittlich mehr Skepsis gegenüber KI-Anwendungen haben: So würden 53 Prozent der Frauen ihren Kindern nicht erlauben, KI zu benutzen, im Vergleich zu 26 Prozent der Männer. Dies mag wohl auch an traditioneller patriarchaler Rollenverteilung liegen, in der Frauen die Hauptverantwortung für Kindererziehung tragen.
Der KI-Gender-Gap dürfte jedoch mehrere Gründe haben. Frauen sind tendenziell skeptischer gegenüber den Heilsversprechen und Fortschrittsutopien neuer Technologien. Auch sind sie 1,5- bis dreimal mehr gefährdet, aufgrund von KI-Automatisierung ihren Job zu verlieren, ergaben Studien von McKinsey und der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Das liegt daran, dass Frauen überproportional häufig in Sektoren beschäftigt sind, die stark von der KI-Automatisierung profitieren, wie Büro-Administration, Kundenservices und Verkauf oder Verwaltung.
Die Skepsis gegenüber KI könnte aber durchaus auch damit zu tun haben, dass Frauen und Queers häufiger digitaler sexualisierter Gewalt ausgesetzt sind, wie zuletzt der Fall von Collien Fernandes gezeigt hat.
Überwachung als Modetrend. KI-Unternehmen setzen aufgrund dieser Vorbehalte zunehmend auf Promi- oder Influencer-Marketing. So kollaborierte Kylie Jenner erst kürzlich mit Meta, um die neue KI-Brille zu bewerben. Mit zwei kaum sichtbaren Kameras erlaubt es diese, Fotos, Ton- und Videoaufnahmen von anderen Personen ohne deren Wissen zu machen – ein Feature, das bisher vor allem in der Manosphere gut ankam. Die neue Kylie-Edition hingegen ist modisch und elegant und lässt sich als Fashion- und Lifestyle-Accessoire vermarkten. Die Brille hat außerdem einen integrierten KI-Chatbot, der die Stimme der Influencerin trägt: Überwachungskapitalismus klingt heute also wie Kylie Jenner. Privatsphäre und Datenschutz werden dabei für vermeintlich mehr Komfort und bessere Fotos geopfert.
„Feminisierung“, also die wachsende Assoziation von KI mit „Weiblichkeit“, vorangetrieben durch die Nutzung und öffentliche Unterstützung von Frauen, ist aber auch eine wichtige Strategie, um neue Technologie als weniger bedrohlich erscheinen zu lassen. Im binären, heteropatriarchalen Geschlechterverständnis wird Weiblichkeit immer noch oft mit Harmlosigkeit und Friedfertigkeit assoziiert, was sich das Produktmarketing zunutze macht. Dass Frauen weniger ernst genommen und auch als weniger bedrohlich angesehen werden, soll nun auch auf die modische Überwachungsbrille abfärben. Dieser Effekt der Verharmlosung durch marketingstrategische Verknüpfung mit Weiblichkeit ist praktisch für Unternehmen, die gesellschaftlichen Protest gegen ihre Technologie und deren Einsatz vermeiden möchten. Dabei gäbe es allen Grund für Widerstand: Erst kürzlich verkündeten OpenAI, Google und Microsoft eine Zusammenarbeit mit dem US-amerikanischen Verteidigungsministerium, dass KI-Technologie zu Kriegszwecken z. B. im Iran und Venezuela einsetzt.
Drohbotschaft aus Silicon Valley. Auch die Schauspielerinnen und Produzentinnen Sandra Bullock und Reese Witherspoon interessieren sich seit Neuestem für KI. So ermutigte Bullock die Filmindustrie, sich auf KI einzulassen: „We have to lean into it“ – ganz nach dem Muster des neoliberalen Lean-in-Feminismus, der individuelle Anpassung und Selbstoptimierung von Frauen innerhalb bestehender Machtstrukturen befürwortet, anstatt diese grundlegend zu hinterfragen.
Reese Witherspoon sprach in einem Instagram-Reel im April darüber, wie wichtig es sei, KI zu verstehen und anzuwenden; insbesondere für Frauen. Auch die Schauspielerin benennt hier die höhere Gefahr für Frauen ihren Arbeitsplatz durch KI zu verlieren. Wir müssten KI verstehen und benutzen, damit wir nicht „zurückgelassen werden“, schlussfolgert sie. Obwohl der Backlash massiv war und Witherspoon das Reel mittlerweile gelöscht hat, lohnt es sich, ihre Argumentation genauer zu betrachten.
Tech-Unternehmen instrumentalisieren regelmäßig diese Angst davor, „zurückgelassen zu werden“, um ihre Produkte zu bewerben. Statt der positiven Zukunftsvisionen der Anfangstage des Internets, in denen Unternehmen wie Apple angebliche Freiheit von Tyrannei durch weltweite Vernetzung proklamierten, werben Tech-Unternehmen heutzutage mehr und mehr mit Drohungen: „KI kommt, ob ihr wollt oder nicht, macht mit oder geht unter“, lautet die Devise. „There is no alternative“ wird wieder einmal behauptet, Widerstand gegen Automatisierung, Umweltschäden oder Einsatz für Kriegszwecke scheint damit ohnehin chancenlos zu sein und auch eine längst überfällige politische Regulierung soll undenkbar wirken.
Mütter werden im Stich gelassen – KI soll helfen. Frauen als Kundinnen zu gewinnen, ist nicht nur wichtig, um ein Produkt zum Hit zu machen – schließlich gehen sonst viele potenzielle Konsumentinnen verloren –, sondern auch deshalb, weil Frauen einen Großteil der Konsumentscheidungen anderer kontrollieren. Schließlich kaufen sie häufig nicht nur für sich selbst ein, sondern tragen Verantwortung für Kinder und pflegebedürftige Eltern und beeinflussen so auch deren Konsumverhalten.
Tausende Influencer:innen sind bereits Partnerschaften mit KI-Unternehmen eingegangen, die längst verstanden haben, dass Short-Form-Content, also kurze digitale Medieninhalte wie z. B. Insta- oder TikTok-Videos, der Motor moderner Konsumwirtschaft ist. Momfluencer wie Paigeelles bewerben ChatGPT, Microsoft Co-Pilot und Claude als „Co-Parenting Tools“, die frischgebackene Mütter unterstützen sollen: „Wir Mütter haben unglaublich viel um die Ohren, aber es gibt eine Möglichkeit, einen Teil des mental loads abzugeben. Hier kommt dein neuer bester Freund ins Spiel: die KI.“ Die unsichtbare und undankbare Organisationsarbeit von Alltagsaufgaben, die oft an weiblich sozialisierten Personen hängen bleibt, kann durch KI automatisiert werden und somit den Alltag erleichtern, versprechen die Momfluencer: Einkaufs- und Mahlzeitplanung, KI-generierte Gute-Nacht-Geschichten, Erinnerungen an Termine, Wissen über Baby- und Kindergesundheit und sogar mentale Unterstützung für die überforderten Mütter. Politischen Kämpfen für die Anerkennung und Umverteilung von Sorgearbeit, die Feministinnen seit Jahrzehnten austragen, wird hier eine scheinbar simple technische Lösung gegenübergestellt.
Auch wenn Creator:innen wie die genannten Stars und Momfluencerinnen mit großer Reichweite nicht aus der Verantwortung genommen werden sollten, geht es vor allem um die milliardenschweren KI-Unternehmen wie OpenAI, Anthropic, Alphabet, Meta und Microsoft, die scheinbar ein großes Interesse an Frauen als Konsumentinnen und Botschafterinnen für ihre Technologie haben, um ihr Image aufzupolieren. Als profitorientierte Unternehmen sind die Tech-Konzerne weder dem Wohl der Nutzer:innen noch der Gesellschaft verpflichtet. Von den katastrophalen Umweltauswirkungen der Datenzentren über den drohenden Arbeitsplatzverlust bis zum Einsatz als Kriegstechnologie – all das muss nicht wie ein Naturereignis hingenommen werden, sondern erfordert politische Gegenwehr.