Warum geben noch immer zwei Drittel aller Frauen ihren Nachnamen ab, wenn sie einen Mann heiraten?
Von Nadia Shehadeh und Christina Mohr
„Hochzeit in Venedig“ titelten Medien zum Jahresbeginn.
Familienministerin Claudia Plakolm hat geheiratet – und heißt nun nicht mehr Plakolm. Die ÖVP-Politikerin hat den Namen ihres Ehepartners angenommen und nennt sich ab sofort Claudia Bauer. Für „bekannte Persönlichkeiten“ sei das doch „ungewöhnlich“, ist da in den „Oberösterreichischen Nachrichten“ zu lesen. Der Subtext: Für unbekannte ist es hingegen ganz und gar nicht ungewöhnlich, das Recht auf den eigenen Namen müssen sich Frauen also mit Prominenz und Erfolg erst verdienen. Ministerin Bauer liegt auf jeden Fall im landesweiten Trend: Rund zwei Drittel der Frauen, die einen Mann heiraten, geben ihren „Mädchennamen“ auf – allein der Begriff erzählt schon so einiges über die patriarchale Tradition dahinter.
Vier an.schläge-Autorinnen tauchen ein in diese Geschichte der weiblichen Namenlosigkeit, erzählen von gängigen Ausreden, Celebrity-Marketing und dem Glück, von alten Schulkolleginnen wiedergefunden zu werden.
Verliebt, verheiratet, verschwunden
Von Nadia Shehadeh
Alte Freund*innen finden mich ziemlich schnell auf Instagram – auch solche, die ich seit Jahrzehnten nicht mehr getroffen oder gesprochen habe. „Nadia! Ich glaube, wir waren in der Grundschule mal Sitznachbarn!“ Ähnliche Nachrichten bekomme ich oft. Und das ist nichts Besonderes, denn: Ich trage meinen „Mädchennamen“. Das war aber nicht immer so. In meinen Zwanzigern war ich verheiratet und habe – aus Gründen, die mir heute vollkommen rätselhaft erscheinen – meinen sehr schönen Namen für ein paar Jahre abgelegt. Dabei gefiel mir der Name meines (Ex-)Mannes nicht einmal. „Das bin ich nicht“, dachte ich, als ich im Standesamt den Zettel zur Namensänderung unterschrieb. Und von da an verfolgte mich jahrelang die Sehnsucht, irgendwann wieder zu meinem alten Namen zurückzukehren. Manchmal unterschrieb ich aus Versehen irgendwo mit meinem alten Namen – man würde das heute vermutlich Manifestation nennen. Und nach ein paar Jahren gefühlt falscher Identität konnte ich – Scheidung sei Dank – wieder zu mir selbst zurückkehren. Es war herrlich. Und es fiel genau in die Zeit, in der Social Media Aufwind bekam. Schon damals galt: Nicht das Internet ist vergesslich, sondern Menschen begeben sich per Nachnamenswechsel regelmäßig in den algorithmischen Zeugenschutz. Aber das ist – wie so vieles – eine merkwürdige deutsche Spezialität.
Rechtlich war der Nachname in Deutschland lange kein Ausdruck romantischer Verschmelzung, sondern ein präzise verschraubtes Ordnungssystem: Mit dem Bürgerlichen Gesetzbuch von 1900 stand fest, dass die Ehefrau automatisch den Familiennamen des Mannes erhielt – eine Regel, die weniger nach Liebesbund als nach sauber beschrifteter Eigentumsverwaltung klang; erst spätere Reformen erlaubten Anhängsel, Wahlfreiheit und schließlich auch das Behalten des eigenen Namens. Währenddessen schauten Österreich und die Schweiz von ihren Bergen herab und dachten sich offenbar: Macht ihr mal euren Namenszwang, wir halten es entspannter – denn dort war der Männername lange eher Gewohnheit als juristische Zwangshose. So, als hätte man früher verstanden, dass man heiraten kann, ohne sofort seine Buchstaben abzugeben.
Das Problem ist nämlich nicht nur symbolisch, sondern hochpraktisch. Der Name ist die digitale Klammer unseres Lebenslaufs: An ihm hängen Freundschaften, Studienabschlüsse, berufliche Netzwerke, peinliche Partyfotos von 2011 und der halbe Adressbuch-Kosmos. Wer den Namen wechselt, startet in Suchmaschinen wie eine Nebenfigur mit neuem Schauspieler. Plötzlich weiß niemand mehr, dass man früher existierte, was einerseits etwas Magisches hat – Resetknopf fürs Ich – andererseits aber erstaunlich oft Frauen betrifft und erstaunlich selten Männer. Die soziale Erwartungshaltung arbeitet hier wie eine stille Rolltreppe: Man steigt drauf, ohne zu merken, dass man bewegt wird.
Soziologisch betrachtet ist das ein Klassiker: Die Ehe verspricht Verschmelzung, der gemeinsame Name soll Einheit signalisieren, erzeugt aber eine Asymmetrie der Auffindbarkeit. Dabei wäre alles ganz einfach. Liebe funktioniert auch ohne Rebranding. Partnerschaft braucht Nähe, nicht Namensgleichheit. Darum mein Plädoyer: Behaltet eure Namen. Es sei denn, er ist wirklich belastet oder hässlich – dann darf man selbstverständlich kreativ werden. Aber ansonsten gilt: Wer mich sucht, soll mich finden, ohne erst den Nachnamen irgendeines Mannes erraten zu müssen. Denn verschwinden sollte in Beziehungen höchstens der Abwasch – nicht die Identität.
Zum Beweis, dass diese Frage kein theoretischer Feminismus-Salon, sondern handfeste Lebenspraxis ist, reicht ein Blick in meine Dokumentenmappe: Ich war zu Studienzeiten verheiratet, mein Uni-Diplom läuft auf den Namen, den ich damals trug, und jedes Mal, wenn ich es irgendwo vorzeigen muss, öffnet sich ein kleines Zeitportal zu einer Person, die ich heute nur noch vage aus der Erinnerung kenne. „Ach ja“, denke ich dann, „das war ich auch mal.“ Es ist ein Moment zwischen Nostalgie und milder Identitätskrise – und ich fühle mich jedes Mal ein bisschen wie eine Scammerin mit fremdem Namen, obwohl ich doch einfach nur jung, verliebt und erstaunlich gesetzesnaiv war.
Nadia Shehadeh ist Soziologin und Autorin mit einem Faible für Popkultur, Feminismus und Fehlentscheidungen. Sie hat sehr gerne darüber nachgedacht, warum es ein Flop mit langwierigen Folgen und Identitätsstruggles war, in jungen Jahren zeitweise den eigenen Namen abgegeben zu haben.
Say My Name
von Christina Mohr
Wie oft habe ich diese Sätze schon gehört: „Nach unserer Hochzeit heiße ich übrigens (…). Wir wollen einen gemeinsamen Familiennamen, damit es später für die Kinder nicht so kompliziert wird. Und ich hänge einfach nicht so an meinem Nachnamen!“
So etwas sagen fast immer nur Frauen, und zwar, das möchte ich betonen, sehr oft junge Frauen. Die Entscheidung für den Nachnamen des männlichen Ehepartners (im Hetero-Kontext) wird – wenn überhaupt – auf zuweilen abenteuerliche Weise begründet, so würde es beispielsweise Schwiegerpapa nicht verkraften, wenn der Sohn nicht denselben Namen trüge wie die mühsam aufgebaute Firma. Oder der Name der Frau ist zu kurz, zu lang, zu schwierig auszusprechen oder oder. Auch Romantik und Tradition werden gern ins Feld geführt, ungeachtet der erfahrungsgemäß schlechten Prognosen dieser Konzepte. Vorsichtiges Mahnen, dass man den eigenen Namen als gut ausgebildete moderne Frau doch nicht leichtfertig abgeben sollte, um nicht nur noch als Gattin von XY wahrgenommen zu werden oder in Internet-Suchen für Matura-Jubiläumsfeiern gar nicht mehr gefunden würde, wird als übergriffige Einmischung oder Zeichen für eine besonders übellaunige Feminist Killjoy gewertet. Da ist etwas dran, denn natürlich ist die Wahl des Nachnamens der Heirat Privatangelegenheit, und überwiegend, machen wir uns da nichts vor, trägt man selbst ja auch den Namen des Vaters und nicht der Mutter, kann also nicht so tun, als hätte man schon immer eine ultrafeministische Haltung gehabt. Und manchmal gibt es verständliche Ausnahmen wie meine Freundin G., die ihren profanen Allerweltsnachnamen nur zu gern für den klangvollen italienischen Namen des künftigen Partners vom Briefkasten tilgte. Trotzdem: Killjoy Rising. Ich persönlich halte diesen Schritt nach wie vor für unfeministisch und regressiv. Ich möchte jede vor Glück strahlende junge Frau an den Schultern packen, sie schütteln und ihr sagen, dass ihr Harmoniegedanke sie weder vor Scheidungskrieg noch Altersarmut schützen wird – aber ach, und tue es dann doch nicht, weil ich mich oft genug mit Freundinnen in ungute Debatten ohne Lösung verstrickte.
In meiner keineswegs für revolutionäre Umtriebe bekannten Familie gibt es zwei Ausnahmen: Sowohl mein Schwager als auch mein Bruder nahmen die Nachnamen ihrer Gattinnen an, weshalb mein Bruder nicht mehr so heißt wie ich, dafür jedoch mein Schwager. Beide Männer zeichnen sich nicht durch feministisches oder politisches Engagement aus: J. und B. sind „ganz normale“, inzwischen mittelalte, mittelerfolgreiche Männer, die ihren ganz normalen Jobs nachgehen, sich mal mehr, mal weniger freudig um die Kinder kümmern, „Jungsurlaube“ auf Malle machen und beinah folgerichtig leidenschaftlich gerne grillen. Es erstaunt und begeistert mich, dass ausgerechnet diese beiden in jeder Hinsicht unauffälligen Männer offensichtlich selbstbewusst genug sind, um zu wissen, dass ihnen ihr bestes Stück nicht abfällt, auch wenn sie sich derart „unmännlich“ verhalten. Dass ihnen der eigene Nachname nicht viel bedeutet und der andere genauso gut, wenn nicht besser klingt. Und dadurch ganz nebenbei ziemlich feministisch handeln.
Christina Mohr lebt in Frankfurt und schreibt für verschiedene Magazine, am liebsten über Pop und Feminismus. Sie ist liiert und nicht verheiratet.