Schwule und queere Liebesgeschichten begeistern eine immer größere Fangemeinde. Hat die Hetero-Romanze ausgedient?
Von Brigitte Theißl
Seit ich diese Serie schaue, fühle ich mich wie eine Zeugin Jehovas«, sagt TikTok-Userin Donya in die Kamera. „Ich will von Tür zu Tür gehen, Pamphlete verteilen und fremde Menschen fragen: Habt ihr schon von Heated Rivalry gehört?“ Videos und Tweets wie diese finden sich zu Tausenden in den sozialen Netzwerken. Die im November gestartete Eishockey-Serie wird geradezu religiös zelebriert, Fan-Accounts, Memes und eigenproduzierte Fanfiction fluten das Netz. „Heated Rivalry“ sei inzwischen eine „Massenpsychose“, formulierte es Nebendarsteller François Arnaud sogar in einem Interview mit „Men’s Health“.
Dabei war der globale Hype um die Romance-Serie, die von zwei Erzrivalen auf dem Eis erzählt, alles andere als vorprogrammiert. Nachdem große US-Streamer seine Adaption der „Game Changers“-Romanserie abgeschmettert hatten (zu viel Sex!), ging der kanadische Produzent und Regisseur Jacob Tierney auf Risiko. Mit Sparbudget, aber großer künstlerischer Freiheit setzte er die Serie für einen kanadischen Streamer um – erst in letzter Sekunde schlug auch HBO Max zu. Der Erfolg gab Tierney recht. Zwar kann „Heated Rivalry“ nicht mit Blockbuster-Produktionen wie „Stranger Things“ konkurrieren, doch die Serie startete praktisch ohne Werbebudget – und explodierte geradezu. Rund 10,6 Millionen Menschen haben sie allein in den USA gesehen, in Österreich und Deutschland ist „Heated Rivalry“ erst im Februar gestartet.
„That was so fucking hot!“ Was aber begeistert ein – überwiegend weibliches und queeres – Publikum nun so sehr, dass viele die Serie als geradezu „augenöffnenden“ Moment beschreiben? Zumindest der Stoff war bereits bestens erprobt. Tierney verfasste zwar das Drehbuch, Vorlage aber ist die Romanreihe „Game Changers“ der kanadischen Autorin Rachel Reid. Reid, selbst begeisterter Hockey-Fan, wollte der toxischen, homofeindlichen Welt des Männer-Hockeys etwas entgegenstellen. In Band 2, „Heated Rivalry“, gehen die beiden konkurrierenden Nachwuchstalente Shane Hollander und Ilya Rozanov eine geheime Affäre ein – aus heißem Sex beginnt sich langsam mehr zu entwickeln. Um den Roman entsprechend zu würdigen, hielt Tierney sich strikt an die Vorlage. Viel zu oft werde nicht ernst genommen, was Frauen gerne sehen und lesen, sagte er in Interviews. Für die Hauptrollen castete er mit Connor Storrie und Hudson Williams zwei bisher unbekannte Schauspieler ganz ohne Nepo-Baby-Connections, die das Knistern so glaubwürdig auf die Leinwand bringen, wie man es in Hollywood nur selten zu sehen bekommt. Die umfangreichen Sexszenen fungieren nicht bloß als Beiwerk, sondern treiben die Handlung entscheidend voran – und das stets konsensual und auf Augenhöhe. Schritt für Schritt lernen sie, sich verletzlich zu zeigen und ihre Gefühle zu kommunizieren. Genau hier setzen Analysen an, warum ausgerechnet hetero (und auch queere) Frauen so fasziniert sind von „Boys‘ Love“. Denn patriarchale Skripts verpuffen geradezu in „Heated Rivalry“, obwohl zwei Männer, noch dazu zwei unabhängige, wohlhabende Eishockey-Stars aufeinandertreffen. Romantik, von der Frauen fantasieren, so formulierte es eine Autorin im „Guardian“, sei wohl doch keine Welt voller „Drachen und Feen“, sondern voller „Sex und Liebe ohne Genderhierarchie und Misogynie“. Kurz gesagt: Frauen haben die Schnauze voll vom romantisierten Patriarchat.
Ostasiatische Pioniere. Der Erfolg schwuler und queerer Liebesgeschichten zwischen Männern sei keineswegs ein neues Phänomen, betont Kulturwissenschaftler Stefan Schweigler im an.schläge-Interview. Im ost- und südostasiatischen Raum boomt das „Boys‘ Love“-Genre bei einem überwiegend weiblichen Publikum seit Jahrzehnten, etwa in Form japanischer „Yaoi“-Fanfiction und Mangas. Er kritisiert, dass US- und europäische Erfolgsproduktionen wie etwa „Heartstopper“, „Young Royals“, „Red, White, & Royal Blue“ und eben „Heated Rivalry“ nun medial als neue und „hochwertige“ Serien gefeiert und asiatische Vorbilder als seicht oder pornografisch abgewertet würden. Auch die große Diversität im asiatischen queeren TV werde dabei schlichtweg ausgeblendet. Dass HBO sich „Heated Rivalry“ gesichert habe, bewertet Schweigler u. a. auch als eine Geschäftsstrategie. „Das Unternehmen hat gesehen, wie gut ‚Heartstopper‘ für Netflix funktionierte und wollte sich wohl auch ein queeres Flagship sichern.“
Das Geschäft läuft indes auch für die „Heated Rivalry“-Crew gut. Die an Parkinson erkrankte Rachel Reid darf sich inzwischen „New York Times“-Bestsellerautorin nennen, Jacob Tierney wird demnächst für Netflix ein historisches Drama inszenieren. Die beiden Hauptdarsteller Connor Storrie und Hudson Williams befinden sich seit Dezember auf einer schier endlosen Pressetour. Ihre Auftritte wirken indes beinahe so, als hätte sie eine Frau geschrieben: Profeministisch, sensibel, sexpositiv und selbstironisch geben sich die beiden Mitzwanziger – ein harter Kontrast zu jenem Männlichkeitsbild, das gegenwärtig die Weltbühne dominiert. Ein Stück weit mag auch das den Hype um die Serie erklären, die in Zeiten globaler Eskalation wohliges Abtauchen erlaubt. Aus dem „Cottage“ – der wichtigste Schauplatz der Serie – wollen viele erst gar nicht zurück in die Realität.
Ermächtigender Blick. Kreieren „Heated Rivalry“ und Co letztlich aber eine Fantasie für Frauen, die wenig mit schwuler Lebens- und Liebesrealität zu tun hat – und Männerkörper und -sexualität vielleicht sogar zum Fetisch macht? In Foren wie Reddit toben seit Jahren Debatten darüber, auch Schauspieler Jordan Firstman („I love LA“) ließ sich kürzlich zu einem Kommentar hinreißen, dass „Heated Rivalry“ schlicht „unauthentisch“ sei. Sowohl der bisexuelle Ilya als auch Shane, der seine Homosexualität entdeckt, treten in der Serie als betont maskuline Muskelmänner auf – Eishockey-Profis eben. Szenen, in denen die muskulösen, nackten Hinterteile der beiden Schauspieler zu sehen sind, werden auf Social Media in Endlosschleife zu Fan-Edits montiert. Gibt es also so etwas wie einen weiblichen, fetischisierenden Blick? „Bevor wir darüber diskutieren, müssen wir erst einmal anerkennen, dass wir in einer krass patriarchalen Gesellschaft leben“, sagt Kulturwissenschaftler Stefan Schweigler. Die feministische Forschung habe gezeigt, dass solche Medienformate für ein cis-weibliches, zum Teil heterosexuelles Publikum eine befreiende und auch empowernde Wirkung haben könne. „Es kann eine Art Safer Space sein, um Romantik und Intimität zu reflektieren, ohne dass sie eben am Beispiel von – oft stereotyp dargestellten – Frauen erzählt wird.“ Sich nicht dem Male Gaze unterwerfen zu müssen, sondern selbst einen begehrenden Blick einzunehmen, könne zudem ermächtigend wirken. Nicht zuletzt sei ein weibliches Publikum sehr viel offener dafür, sich mit marginalisierten Identitäten zu beschäftigen, sagt Schweigler.
Beim Hype um „Heated Rivalry“ gebe es für eine enorm stereotype Darstellung allerdings praktisch keine Aufmerksamkeit, kritisiert Autorin Bianca Jankovska und verweist auf den antislawischen Rassismus, den die Serie reproduziert. Protagonist Ilya Rozanov ist aus Russland in die USA gekommen, um Eishockey zu spielen, und wird ganz im Gegensatz zum intellektuellen Shane von seiner Familie nicht unterstützt, sondern bloß als Statusobjekt betrachtet. Der Vater ein – wie könnte es anders sein – herzloser, nationalistischer Polizeibeamter, der Bruder ein drogensüchtiger Halsabschneider, der regelmäßig Ilyas Ersparnisse anzapft. Dass Ilya selbst den „New Yorker“ – oder überhaupt irgendetwas – lesen würde, um besser Englisch zu lernen, muss in der Serie wiederholt als Punchline herhalten.
Ilyas russischer Akzent, den Sprachentalent Connor Storrie sich mit einem Dialekt-Coach erarbeitet hat, wird indes als sexy gefeiert – regelmäßig wird der Schauspieler darum gebeten, für zwei Sätze in die Rolle des Ilya Rozanov zu schlüpfen. Im Training dafür muss Storrie bleiben, schon im Sommer starten die Dreharbeiten für Staffel zwei. Zurück ins Cottage geht es für das Publikum allerdings erst im Frühling 2027. „Ich weiß nicht, was ich bis dahin mit meinem Leben anfangen soll“, schreibt Userin Kayle auf Reddit.