Das Einsetzen einer Spirale gilt als Routineeingriff – für viele ist er jedoch mit starken Schmerzen verbunden. Dahinter steckt vor allem patriarchale Ignoranz. Von Chiara Kohlmorgen
Ich wusste von Freundinnen schon, dass es extrem wehtun kann«, erzählt Carlotta. Von der behandelnden Ärztin oder der Arzthelferin bekommt sie kein schmerzlinderndes Mittel angeboten, als ihr die Kupferspirale eingesetzt wird. „Weil ich mich sonst als nicht sehr schmerzempfindlich einschätze, habe ich auch selbstständig vorher kein Schmerzmittel eingenommen. Aber der Einsatz tat so extrem weh, dass ich dachte, ich könnte jeden Moment wegkippen.“
Bei der Recherche für diesen Artikel höre ich viele solche Geschichten: Insgesamt 16 Frauen berichten von ihren meist sehr schmerzhaften Erfahrungen beim Einsetzen oder Entfernen der Spirale. Es sind Erfahrungen, die vermieden oder zumindest gemildert werden könnten. Denn es gibt verschiedene Möglichkeiten der lokalen Betäubung: ein Gel oder ein Spray, die direkt am Gebärmutterhals angewandt werden, sowie ein Lokalanästhetikum, das vorab gespritzt wird. „Eine Kurznarkose ist natürlich auch möglich, das machen wir besonders bei jungen Mädchen“, sagt die Gynäkologin Mandy Mangler, die den Podcast Gyncast betreibt, auf an.schläge-Anfrage. Trotzdem passiert das meist nicht. Nur drei der Frauen, mit denen ich gesprochen habe, haben eine Betäubung in Form eines Sprays oder Gels erhalten. Es gab auch so gut wie keine Aufklärung vorher: Nur eine von ihnen wusste vor dem ersten Einsetzen der Spirale, dass es überhaupt Möglichkeiten der Betäubung gibt. Einige der Frauen schildern mir, dass sie aufgrund der Erfahrungsberichte anderer bereits vorher Angst vor dem Einsatz hatten. „Man kennt ja die Horrorgeschichten“, erinnert sich Lorena. Warum ist dieser Eingriff überhaupt so schmerzhaft? Mandy Mangler erklärt mir im an.schläge-Gespräch den Vorgang: Eine sogenannte Kugelzange werde dabei genutzt, die in den Gebärmutterhals „reinbeißt“, um diese zu fixieren. Der zweite mögliche Schmerzfaktor ist jener Moment, in dem die Spirale in die Gebärmutter geschoben wird und sich der obere, T-förmige Teil entfaltet. Bei der Schmerzintensität können anatomische Ursachen, medizinische Vorgeschichten, vorherige Schwangerschaften sowie persönliche Erfahrungen eine Rolle spielen. Ängste, die sich im Voraus entwickeln, können zu zusätzlichen Verkrampfungen beim Eingriff führen, was sich ebenfalls auf den erlebten Schmerz auswirken kann.
„Kurz unangenehm“. Für die allermeisten Frauen ist das Prozedere äußerst schmerzhaft, zeigt eine überfällige US-amerikanische Studie aus dem Jahr 2025 auf: Nur 2,5 Prozent der befragten Frauen gaben an, keine Schmerzen zu haben, während 97,5 Prozent der Frauen leichte bis starke Schmerzen erlebten. Mit rund 67 Prozent berichteten Frauen ohne eine vorherige Schwangerschaft am häufigsten von sehr starken Schmerzen beim Einsatz der Spirale. Dennoch wird der Eingriff von der ärztlichen Fachschaft oft als nur „kurz unangenehm“ verharmlost. Sogar im offiziellen Leitlinienprogramm der Deutschen, Österreichischen sowie Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG, ÖGGG und SGGG) von März 2025 wird behauptet, dass die meisten Frauen nur leichte Schmerzen verspüren würden, die häufig mit Menstruationskrämpfen vergleichbar seien. Schmerzmittel seien meist nicht erforderlich, heißt es. Lia ließ sich über mehrere Jahre hinweg dreimal die Kupferspirale einsetzen. Der Einsatz und die Schmerzen waren für sie „der Horror“, wie sie mir erzählt. Etwas unangenehm könnte es eventuell sein, wird ihr vorher gesagt, mehr nicht. Als Lia aufgrund der starken Schmerzen kurz ohnmächtig wird, ist die einzige Reaktion ihrer Gynäkologin lediglich: „Oh, jetzt warst du aber kurz weg, oder?“ Um die Schmerzen zu mindern, bekommt sie vor dem Eingriff ein Schmerzmittel sowie Misoprostol. „Über eine mögliche Betäubung wurde ich gar nicht aufgeklärt. Schmerzmittel für danach habe ich bekommen, aber ohne viel Kommentar dazu“, fährt sie fort. Auch beim Einsetzen der zweiten Spirale hat Lia starke Schmerzen, wenn auch etwas leichter als beim ersten Mal. Doch wieder wird ihr keine Betäubung angeboten. Erst beim dritten Mal weiß sie um die Möglichkeit einer lokalen Betäubung, muss aber auch proaktiv danach fragen. Ihre Gynäkologin reagiert abweisend, fast eingeschnappt. „Sie sagte nur zu mir, dass sie es nicht gut fände, wenn man alles mit Betäubung löst und dass das Wechseln so schnell vorbei wäre, dass man da nichts braucht.“ Stattdessen verschreibt sie ihr Schmerzmedikamente und Beruhigungstabletten.
Patriarchale Tradition. Wenn Frauen über Schmerzen klagen, stoßen sie im medizinischen Alltag viel zu oft auf Bagatellisierung statt auf echte Hilfe – ein strukturelles Problem, das zeigt, dass ihr Leid weniger ernst genommen wird als das von Männern. Studien zum Gender-Pain-Gap belegen, dass Frauen bei ähnlichen Symptomen weniger schnell Hilfe und sogar weniger Schmerzmittel in der Notaufnahme bekommen. Das hat nicht nur mit Sexismus zu tun, sondern ist auch das Ergebnis einer langen Geschichte von gynäkologischem Rassismus, der BIPoC und vor allem Schwarzen Frauen eine geringere Schmerzempfindlichkeit unterstellt.
Dass der Schmerz von Frauen und anderer marginalisierter Gruppen aus medizinischer Perspektive häufig unterschätzt werde, bekräftigt auch Gynäkologin Mandy Mangler. Von Frauen werde erwartet, Schmerzen auszuhalten. „Dass Frauen weniger Schmerzmittel erhalten, ist Ausdruck einer patriarchalen Struktur, die Männer mehr wertschätzt als Frauen“, so Mangler.
So sei auch das Einsetzen der Spirale ohne Betäubung schlicht „Tradition“, sagt die Ärztin. „Wir nehmen ja Frauen nicht so ernst mit ihren Schmerzen.“ Grundsätzlich sind Gynäkolog*innen nicht dazu verpflichtet, eine Betäubung anzubieten. Mangler empfiehlt jedoch, wenigstens ein lokales Betäubungsspray und die vorherige Verabreichung eines oralen Schmerzmittels. Schmerzen können dabei allerdings dennoch auftreten.
Mangelnde Daten. Zu wirksamer Schmerzmedikation gibt es kaum Daten, es mangelt an Forschungen zur Schmerzreduktion bei gynäkologischen Eingriffen. Studien zeigen, dass Ibuprofen vor Einsatz nur limitiert bis keine Wirkung zeigt, im Gegensatz zu Lokalanästhetika, also örtlichen Betäubungsmitteln. Diese können deutlich Schmerzen reduzieren, egal ob in Form eines Gels, Sprays oder einer Injektion. Das Medikament Misoprostol hingegen, das routinemäßig vor dem Einsatz der Spirale verabreicht wird und der Öffnung des Muttermunds dient, bringe keine Vorteile, wie die DGGG, ÖGGG und SGGG festhalten. Schmerzen würde das Medikament nicht lindern – stattdessen wirkt es sogar krampffördernd. Es wird also lediglich genutzt, um den Einsatz zu erleichtern. Der Fokus liegt somit auf der Durchführbarkeit, nicht auf dem Patient*innenwohl. Mangler erklärt, dass es angewandt wird, um die Einlage zu verbessern, Studien, die die Wirksamkeit beweisen, würden aber fehlen. „Und das ist auch Off-Label Use, also nicht offiziell dafür zugelassen.“ Elisa bekommt ein Betäubungsgel aufgetragen, Lorena* ein Betäubungsspray. Beide Frauen berichten, nicht nach ihrem Einverständnis gefragt worden zu sein. Lorena reagiert letztlich allergisch gegen das Lokalanästhetikum. Ihr muss die Spirale später ein zweites Mal eingesetzt werden, zweimal bekommt sie das Spray ohne Rückfrage nach Allergien. Beim Einsatz hat sie starke Schmerzen. Auch Elisa hat trotz des Gels extreme Schmerzen, ihr Kreislauf bricht kurz danach zusammen. Sie erzählt: „Sie haben mich schon darüber aufgeklärt, dass es wehtun kann, aber eher, dass es ein kurzes Ziepen ist. Sie haben es kleingeredet.“
Einfordern und umdenken. Bei der Patient*innenanwaltschaft Wien frage ich nach, ob und welche Beschwerden es bezüglich des Einsatzes der Spirale oder Kupferkette gab. Die Antwort fällt überraschend aus: Seit 15 Jahren hätte es keine Beschwerden mehr gegeben. Angesichts der vielen Berichte über das schmerzhafte Prozedere ist davon auszugehen, dass viele Frauen das Angebot nicht kennen oder vor diesem Schritt zurückschrecken. Am Telefon zeigt sich die Mitarbeiterin der Patient*innenanwaltschaft überrascht, dass Spiralen und Kupferketten generell nicht routinemäßig mit einer Narkose eingesetzt werden.
Klar ist: Patient:innen sollten unbedingt nach einer Betäubung fragen, wenn sie diese wünschen. Ob diese in den Kosten inbegriffen ist, entscheidet jede Praxis individuell. Dass Frauen für die Kosten der Spirale sowie teils für die Betäubung übrigens selbst aufkommen müssen, sieht Gynäkologin Mandy Mangler kritisch: „Wenn man eine Gesellschaft mit selbstbestimmten Menschen will, dann muss man Verhütungsmittel bezahlen. Besonders, wenn man Schwangerschaftsabbrüche vermeiden will.“ Die hohen Kosten für eine Spirale können sich viele schlichtweg nicht leisten.
Als Verhütungsmittel sei sie sehr sicher, betont Mangler. Mit einem Pearl-Index von 0,3-0,8 bei der Kupferspirale und 0,16-0,33 bei der Hormonspirale sei sie eine der effektivsten Methoden zur Geburtenkontrolle. Reproduktive Selbstbestimmung heißt aber auch: die Schmerzen von Frauen nicht länger zu bagatellisieren.