Von Janis Czapka
„I’ll be your girl for two months. You tell your friends I’m too fun. Naked and never sober. This feels like Eurosummer.“
Zara Larsson singt in ihrem Song vom sogenannten Eurosummer, dem perfekten Sommerurlaub in Europa, bei dem Cocktails am Strand geschlürft werden und Urlaubsromanzen den Stress zu Hause vergessen lassen. Auf Instagram und TikTok ist der Eurosummer zu einem Reisetrend geworden, wenn nicht sogar zu einem Wettbewerb – wer erlebt den tollsten Sommer am Mittelmeer?
Doch schaut man auf die letzten Monate zurück, wirkt der Eurosummer wie eine schlechte Parodie. Bei fünfzig Grad durch die kleine mediterrane Altstadt spazieren, während ein paar Kilometer weiter tausende Hektar Wald in Flammen stehen? Zur Abkühlung ins 35 Grad warme Meer springen? Partynächte am Strand verbringen, während der Meeresspiegel jährlich steigt und damit auch das Risiko für Überschwemmungen und Umweltkatastrophen? Genau das wird unsere neue Urlaubsrealität sein.
41,2 Grad wurden im August in Österreich gemessen – ein neuer Rekord. Doch statt eines Eintrags ins Guinness-Buch gab es europaweit zehntausende Hitzetote und verheerende Waldbrände. Die vergangenen zwölf Monate waren die trockensten der gesamten Messgeschichte.
Doch statt verbindlicher Ziele liefert der ÖVP-Vorschlag zum Klimagesetz sogar inmitten dieser Jahrhundertkrise mit Ernteausfällen und historischer Wasserknappheit bloß unverbindliche Absichtserklärungen und klimaschädliche Klientelpolitik.
Seit Jahrzehnten warnen Expert*innen vor den Folgen der Klimakrise und seit Jahrzehnten werden diese Warnungen ignoriert. Der japanische Philosoph Kohei Saito geht davon aus, dass wir unsere letzte wirkliche Chance, das Klimachaos abzuwenden, bereits vor fünf Jahren verpasst haben. 2024 lag die durchschnittliche Jahrestemperatur erstmals 1,5 Grad Celsius über dem im Pariser Abkommen festgelegten Limit – dennoch ist nichts passiert. Die Zwei-Grad-Marke wird mit großer Sicherheit überschritten. Kohei Saito geht sogar von einer Erwärmung um drei Grad Celsius bis zum Ende dieses Jahrhunderts aus – als Klimakollaps wird das von Wissenschaftler:innen bezeichnet.
Sicher ist: Die Temperatur wird weiter steigen. Selbst wenn wir heute die CO2-Emissionen stoppen würden, würde sich die Erde noch weiter erwärmen. Das bedeutet, dass Kriege, Hunger, Naturkatastrophen, Inflation, wirtschaftliche Ungleichheit und vieles mehr zunehmen werden. „Wir werden also in einer Welt voller Chaos und Konflikte leben“, so Kohei Saito. Wir müssen uns für die kommenden Katastrophen rüsten.
Angefangen damit, die Klimakrise nicht nur als ökologische, sondern auch als soziale Krise anzuerkennen. Denn nicht alle Menschen sind von den Folgen der Erderwärmung gleichermaßen betroffen. Wer wenig Geld und Zugang zu Ressourcen sowie wenig politische Macht hat, ist auch schlechter vor den möglichen Folgen geschützt – und das sind nun mal immer noch größtenteils Frauen und marginalisierte Gruppen. Unbezahlte und unsichtbare Care-Arbeit wird nach wie vor überwiegend von Frauen übernommen, gerade in Notzeiten, bei Dürren, Überschwemmungen und Hitzewellen wird sich erweisen, wie wichtig diese Arbeit für das Funktionieren unserer Gesellschaft ist.
Wie konnte es nur so weit kommen? Wie so oft spielen Kapitalismus und patriarchale Vorstellungen von Männlichkeit dabei eine zentrale Rolle. Wachstum, Konsum und fossile Energie werden mit Wohlstand, Fortschritt und Stärke gleichgesetzt: groß, schnell, unabhängig, unantastbar. Der Begriff „Petromaskulinität“ bringt diese Verbindung von fossiler Wirtschaft und traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit auf den Punkt.
Die kollektive Sehnsucht nach dem perfekten Eurosummer ist dafür bezeichnend. Denn was nach Freiheit aussieht, ist in Wahrheit ein Flug ans Mittelmeer, ein Hotel, ein Mietwagen und Partys am Strand. Ein Lebensstil, dessen ökologische und soziale Kosten auf andere Menschen, andere Regionen und die Zukunft ausgelagert werden.
Kurz gesagt: In einer Gesellschaft, in der Ausbeutung als Stärke gilt, Fürsorge unsichtbar bleibt und Konsum als Freiheit verkauft wird, ist es quasi unmöglich, soziale Gerechtigkeit herzustellen. Wir müssen diese Vorstellung überwinden, um unsere Gesellschaft neu und gerechter zu gestalten. Denn ein Neuaufbau wird uns angesichts der anstehenden Katastrophen nicht erspart bleiben. Dann lieber gleich so gründlich, dass wir hoffentlich irgendwann wieder entspannt mit den Zehen durch den Sand streifen und unbeschwert einen Sommerhit singen können.