Von Brigitte Theißl
Es sei „eine der spannenderen Debatten der letzten Zeit“, schreibt ein prominenter Journalist auf Bluesky und meint damit die Diskussion um die Ein- und wieder Ausladung Peter Thiels bei den Wiener Festwochen, die Feuilletonisten wochenlang in ihren Bann zog. Ist die Ausgrenzung rechtsextremer Antidemokraten durch den „linken Mainstream“ nicht völlig fehlgeschlagen? Und wo genau liegt eigentlich dieser Punkt, an dem Illiberalismus als Faschismus benannt werden darf? Fragen wie diese sind für die Diskursmächtigen die großen Fragen unserer Zeit. Antidemokraten und Tech-Faschisten, die mit Trumps Präsidentschaft erstmals direkt ins Zentrum der Macht gerückt sind, scheinen auf sie eine große Anziehungskraft auszuüben: machtvoll und grenzüberschreitend, ungeniert menschenverachtend und dabei erstaunlich belesen. Was vor zehn Jahren noch völlig absurd erschienen wäre, ist nun in die journalistische Mitte gerückt. Dank Figuren wie Peter Thiel betreibt das deutschsprachige Feuilleton nun Bibelexegese, kaum ein Bruder im Geiste, wie etwa Curtis Yarvin oder Alex Karp, dem noch kein dreiseitiges Porträt gewidmet wurde.
Es sind auffallend oft – oder eigentlich fast ausschließlich – Männer, die diese vermeintlich brennenden Fragen unserer Zeit diskutieren. Weiße, gut situierte Männer, die die sozialdarwinistischen Ideen der neuen Faschisten mit einem wohligen Grusel aus der Ferne beobachten. Sie selbst sind es schließlich nicht, denen das Wahlrecht entzogen und die abgeschoben, sanktioniert oder weggesperrt werden sollen. Ihre Menschenwürde wird nicht infrage gestellt, in ihre Körper soll nicht hineinregiert werden.
Misogynie ist der Klebstoff, der all die neurechten Zirkel zusammenhält: Frauen repräsentieren in ihrem Denken das Schwache, das es zu bekämpfen gilt – in sich selbst, aber auch im Außen: in Form der Demokratie, des Sozialstaats, des „Wokeismus“ oder der geschlechtlichen Vielfalt.
In den USA wird das „Household Voting“ heute wieder ganz offen diskutiert: Allein der Mann, patriarchales Oberhaupt der Familie, soll noch ein Stimmrecht erhalten. Die Sympathisanten des Gottesstaats, den das Feuilleton so gerne zur Debatte stellen möchte (nur den christlichen, wohlgemerkt!), sitzen indes nicht nur in den USA, sondern mitten in Österreich. Anhänger des sogenannten Neointegralismus etwa, einer radikalen katholischen Strömung, wollen die Kirche erneut als oberste staatliche Autorität installieren. Dass im vergangenen Jahr ein Theologe an der niederösterreichischen Hochschule Heiligenkreuz in seinen Texten u. a. die Todesstrafe für Häretiker forderte, interessierte hierzulande kaum.
Für wenig Interesse – abseits feministischer Kreise – sorgt in der Regel auch die alltägliche patriarchale Gewalt. Mitte Juni zählen wir in Österreich 14 Femizide, zuletzt tötete ein 29-jähriger Lehrer eine jüngere Kollegin in der Schulbibliothek – die Schusswaffe hat er legal besessen. Am selben Wochenende berichteten Medien von einem Grazer Internisten, der über Jahre hinweg in seiner Privatordination Patientinnen sexuell missbraucht, sie teilweise sediert und heimlich nackt gefilmt haben soll. Während Nachrichten wie diese Männer oft unbeeindruckt lassen, verstärken sie bei Frauen und queeren Menschen das Gefühl, nirgends sicher zu sein vor der misogynen Gewalt. Nicht am Arbeitsplatz, nicht in den eigenen vier Wänden, nicht in der Arztpraxis, wo man sich besonders verletzlich einer anderen Person anvertraut.
Und da wäre so eine große Frage unserer Zeit: Wie wir die Gewalt, die integral in die hierarchische Geschlechterordnung eingeschrieben ist, gemeinsam verhindern und an einem solidarischen, empathischen Miteinander arbeiten können. Die Herren des Diskurses sind mit diesen Themen jedoch kaum zu ködern, auch der „Rat der Republik“ dürfte in näherer Zukunft nicht dazu tagen.
Donald Trump feierte an diesem Wochenende seinen 80. Geburtstag indes mit einem Cage-Fight inmitten jubelnder Männermassen. Der nächste Essay über die Wiedergeburt des Faustkampfs als Diskursstrategie – er dürfte schon in Arbeit sein.