Lena Dunham führt in „Famesick“ durch jene prägenden Lebensjahre, in denen sie mit „Girls“ der Popkultur ihren Stempel aufdrückte. Wer intime Einblicke in das Showbiz sucht, stößt zugleich auf das Porträt eines Alltags, in dem zermürbender Schmerz die Hauptrolle übernimmt. Von Brigitte Theissl
Prominenten sind wir seit dem Aufstieg sozialer Medien näher als je zuvor. Auf Instagram schaukelt Supermodel Emily Ratajkowski ihren Sohn durch den Nachmittag, Timothée Chalamet jubelt bei einem NBA-Spiel. Was hinter dieser Hochglanzfassade steckt, bleibt jedoch auch in Zeiten prominenter Omnipräsenz meist unsichtbar. Lena Dunham öffnet diesen Raum in ihren Memoiren „Famesick“ weit. Es ist ein selten intimer Einblick, ein Buch über Ruhm und Sucht in vielerlei Formen, über konfliktreiche Beziehungen, eigene feministische Verfehlungen – und über einen Körper, der sich zunehmend gegen seine Besitzerin stellt. Dunham steigt ein in jenem Moment, als ihr der Low-Budget-Film „Tiny Furniture“ die Türen nach Hollywood öffnet. Mit gerade einmal Mitte zwanzig kreiert sie „Girls“ für den Kabelsender HBO, schreibt das Drehbuch und führt Regie – und steht als Protagonistin Hannah Horvath auch selbst vor der Kamera. Dunham lebt den Traum einer jungen Autorin, die plötzlich über nahezu unbegrenzte kreative Kontrolle verfügt. Schlaf, Zeit für Freund*innen, Erholung – menschliche Bedürfnisse treten in den Hintergrund. Für die „movie magic“ geht Dunham über jede Grenze, hinter und vor der Kamera. Ihr Körper, der die rigiden Schönheitsnormen der Industrie unterläuft, wird mit „Girls“ zum globalen Gesprächsthema. So sehr Dunhams selbstbewusste Inszenierung eine ganze Generation junger Frauen empowerte, so heftig waren auch die Kritik und die Häme, die der jungen Schauspielerin entgegenschlugen. Dass Dunham vor der Kamera Sex mit Schauspieler Patrick Wilson hat, schreibt sich als kleiner Skandal in die Popkultur ein: ein attraktiver Serienarzt mit Lust auf Hannah Horvath? Unmöglich. Die Dreharbeiten zur zweiten Staffel seien da eine willkommene Ablenkung davon gewesen, „auf Twitter meinen Namen zu suchen und nachzuzählen, wie oft ich die Wörter ‚fett‘ und ‚hässlich‘ finden konnte“, schreibt Dunham. Lena Dunham mausert sich in den 2010er-Jahren zum Hipster-Superstar – und wird für diese Sichtbarkeit sogleich sanktioniert. Das heißt freilich nicht, dass keinerlei Kritik an ihr und ihrem Schaffen gerechtfertigt gewesen wäre. Dass Dunham „Girls“-Autor Murray Miller einst gegen Missbrauchsvorwürfe verteidigte, adressiert sie in ihrem Buch erneut – und bereut das offensichtlich zutiefst. Ihre Erklärung für das einstige Statement gemeinsam mit Kollegin Jenni Konner gerät jedoch seltsam diffus. Und wenn Dunham dem „Nepobaby“-Vorwurf entgegnet, ihre Eltern seien nur jenen Menschen ein Begriff, die im Museum of Modern Art aufmerksam die Wandtexte lesen, wirkt das überraschend ignorant. Die „Girls“-Macherin ist inmitten einer weißen New Yorker Kunst-Elite aufgewachsen – was sich auch im Cast der Serie widerspiegelt und ihr heftige Kritik einbrachte. In das potente Netzwerk dieser Szene bekommen Leser*innen mitunter aufschlussreiche Einblicke.
Über 400 Seiten hinweg wird es in „Famesick“ niemals langweilig – Dunham ist eine begnadete Geschichtenerzählerin –, besondere Kraft entfaltet das Buch aber immer dann, wenn sie die Folgen ihrer Erkrankungen schildert. Lena Dunham leidet u. a. an einer schweren Form der Endometriose und lässt sich schließlich die Gebärmutter entfernen sowie am seltenen Ehlers-Danlos-Syndrom, das vielfältige Symptome wie schlecht heilende Wunden und chronische Schmerzen mit sich bringt. Tage und Wochen verbringt Dunham im Bett, schleppt sich zu Dreharbeiten und kollabiert mehrfach. „Ich kann mich kaum an eine Zeit erinnern (…), in der sich das Leben in meinem Körper nicht angefühlt hätte, als müsste ich um Mitternacht einen Totalschaden quer durch die Stadt schleppen“, so formuliert sie es. Trotz eines Netzwerks renommierter Spezialist*innen kämpft Dunham jahrelang um eine Diagnose und wird von Menschen in ihrem Umfeld als Simulantin abgestempelt. Ein wesentlicher Grund, warum Dunham heute ihren Job ganz anders anlegt und sich lange aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat. Hollywood ist in „Famesick“ letztlich weniger Kulisse als Brennglas. Die Unterhaltungsindustrie erscheint als Extremform einer Kultur, die permanente Leistungsfähigkeit hochhält.
„In Hollywood wurde vieles toleriert, nur menschliche Schwäche nicht. (…) Wer wegen Trauer, Schmerzen oder bloßer Müdigkeit eine Pause brauchte, stieß auf wenig Verständnis“, schreibt Dunham.
Lena Dunham: Famesick.
Random House 2026, 16,99 Euro
