Endlich eine Krimiserie, die Frauen aus der Opferrolle entlässt. „Furious“ begleitet eine Serienmörderin und eine FBI-Agentin, die durch ihre Gewalterfahrungen verbunden sind.
Von Emelie Brendel
Was tun mit Tätern, die Frauen verprügeln und vergewaltigen, und die dann straffrei davonkommen? Die Serie „Furious“ stellt diese Frage und ist dabei nicht nur mitreißende Feminist-Revenge-Fantasie, sondern liefert zugleich eine Analyse der unterschiedlichen Auswirkungen von Traumata.
Das Wort furios kommt aus dem Lateinischen, furere bedeutet so viel wie „rasen“ oder „wüten“. Rasen tut Jinny (Lola Petticrew), die, wie wir später erfahren, eigentlich Catherine heißt, in der ersten Folge nicht. Seelenruhig sitzt sie mit einer Katzenmaske im Gesicht auf den Vortreppen eines Hauses und schaut dem Halloween-Treiben zu. Drinnen robbt ein Mann sichtlich verletzt den Gang entlang, ächzt, stöhnt und fällt schließlich rücklings die Treppe hinunter. Catherine bleibt unbeeindruckt, legt sich neben ihn, schaut ihn an. Dann zückt sie eine Fentanyl-Spritze und rammt sie ihm in den Unterarm.
Wenig später ist Alice Black (Emmy Rossum, bekannt aus „Shameless“) am Tatort. Alice ist Agentin beim FBI, ehrgeizig und besser als alle Männer in ihrer Abteilung. Trotzdem schiebt sie noch Schichten im Telefondienst und nimmt Anrufe von Verschwörungstheoretiker:innen und Sexisten entgegen, die sie entweder anflirten oder ihre Expertise infrage stellen. Über Umwege und gegen den Willen ihres Vorgesetzten kommt sie trotzdem zum Einsatz – und erliegt sofort dem Sog des Verbrechens. Gemeinsam mit ihrer neuen Kollegin Nora Washington (Quincy Tyler Bernstine) macht sie sich auf die Suche nach Catherine und muss sich dabei auch ihrem eigenen Trauma stellen.
Denn im Zentrum der Serie steht der unterschiedliche Umgang mit Gewalterfahrung. Catherine wurde als Kind Opfer von Zwangsprostitution und Menschenhandel – nun rächt sie sich an ehemaligen Vergewaltigern, indem sie sich in ihr Leben schleust und sie anschließend tötet. Alice wurde von ihrem Ex-Partner beim Police Department krankenhausreif geschlagen, daher ihr Wechsel zum FBI. Er hält weiter seine Stelle beim NYPD, will sogar aufsteigen – denn offiziell gemeldet hat sie ihn nicht. Glauben tut ihr ohnehin nur ihr Kollege Danny (Scoot McNairy), der deshalb von seinen männlichen Kollegen geächtet wird. Weil Alice also (vorerst) keine Gerechtigkeit für sich selbst bekommt, ist sie besessen davon, diese für andere zu erkämpfen. Ähnlich wie Nora, die seit Jahren Leiterin der Abteilung für Sexualverbrechen ist, wo sie viel Zeit damit verbringen muss, pädokriminelle Pornografie zu schauen. Das Ganze hält sie nur aus, indem sie sich tagtäglich mit Tequila betäubt. Drei Frauen, drei unterschiedliche Antworten auf ein System, das sie im Stich gelassen hat.
Gleichzeitig zeigt die Serie, wie unterschiedlich Traumafolgen aussehen können, wenn sich etwa Alice mit Internetbekanntschaften trifft, um mit ihnen zu rangeln und sich anschließend – anstatt mit ihnen Sex zu haben – selbstbefriedigt. Showrunnerin Elizabeth Meriwether („Dying for Sex“, „New Girl“) sagt in einem Interview, genau das habe sie interessiert. Eine Geschichte über den Kreislauf von Gewalt, darüber, was sie mit einer macht – und wie merkwürdig die Wege sein können, sie zu verarbeiten. Deshalb verzichtet Meriwether bewusst auf Rückblenden. Im Fokus sollen die Folgen der Gewalt stehen, nicht die Gewalt selbst.
Bis zur vierten Folge bleibt das Ende komplett offen – und man ertappt sich immer wieder dabei, wie man hofft, dass Catherine nicht gefasst wird. Wie man sie nicht verurteilen kann und sogar mitfiebert, wenn sie die Männer umbringt, die ihr so Schreckliches angetan haben. Zum Glück gibt es bald schon mehr davon: Hulu hat bereits eine zweite Staffel angekündigt.