In diesem Jahr unterrichte ich erstmals an einer Wiener Mittelschule, und dies fällt mit dem Inkrafttreten des Kopftuchverbots für Mädchen unter 14 Jahren zusammen. Offiziell soll diese Maßnahme die Selbstbestimmung der Schülerinnen fördern. Über die tatsächlichen Auswirkungen im Klassenzimmer wird jedoch kaum gesprochen.
In den ersten Wochen war das Kopftuch das große Thema. Als ein Mädchen weinte, weil sie es abnehmen musste, nahmen ihre Mitschüler:innen sie in den Arm, die meisten von ihnen selbst nicht muslimisch. „Was wollen die eigentlich?“, fragten sie. „Haben wir keine anderen Probleme?“
So schnell, wie das Thema aufkam, war es dann auch wieder vergessen. Was jemand anhat, ist bei Jugendlichen in diesem Alter noch kein fixes Identitätsmerkmal, sie probieren ja selbst ständig aus, wer sie sein wollen. In der Klasse wird niemand ausgegrenzt, zumindest nicht von den Kindern.
Die betroffenen Mädchen haben sich inzwischen arrangiert. Manche bedecken das Haar und lassen den Hals frei, so wie es die Regeln gerade noch erlauben. Was nach Kompromiss aussieht, kostet sie trotzdem etwas, denn sie lernen sehr früh, dass ihr Körper verhandelbar ist.
Auch ihre Familien bekommen das zu spüren. Wo ein Mädchen nicht nachgibt, folgen Gespräche in der Direktion, eine Meldung an die Bildungsdirektion und am Ende Strafen von bis zu 800 Euro. Allein in Wien waren es in den ersten zwei Wochen 55 Fälle, und nicht immer stecken radikale Elternhäuser dahinter, wie selbst die Behörde einräumt.
Frauen wird seit jeher gesagt, wie sie zu sein haben. Neu ist nur, dass es jetzt schon bei Kindern beginnt. Die Kinder selbst haben darauf längst eine Antwort gefunden. Vielleicht sollte sich die Politik ihre Fragen einmal ernsthaft stellen.
Fatima Kandil beobachtet, wie Österreich Mädchen befreit, indem es ihnen etwas vorschreibt.