Von YASMIN MAATOUK
In meinem ersten Kolumnentext muss ich mit etwas Grundlegendem beginnen: Alles, was ich bin, und alles, was ich weiß, habe ich von den starken Frauen in meinem Leben gelernt. Eine davon ist Anđela Alexa.
Vor zwei Jahren war ich überzeugt, feministisch zu handeln. Ich las alles, was ich in die Finger bekam, und wusste: Da wartet noch viel Erkenntnis und Entwicklung auf mich. Aber irgendwann bin ich in meiner feministischen Identität stagniert. Der Grund war so simpel wie schmerzhaft: Ich konnte nicht aufhören, Männer zu zentrieren.
Der Male Gaze – der männliche Blick – war längst in meinem Kopf eingezogen. Ich sah mich mit seinen Augen, die mir lange wichtiger als meine eigenen waren. Selbst wenn ich allein in meiner Wohnung voll feministischer Poster saß, erwischte ich mich dabei, wie ich mich hinsetzte, um in einem oversized T-Shirt „zufällig“ meine Kurven zu betonen. Ich wusste theoretisch alles über den Male Gaze – und richtete mich im Alltag trotzdem nach ihm.
Bis ich Anđela kennenlernte. Ich habe mich sofort auf platonische Weise in sie verliebt – bis heute sind wir unzertrennlich. Und sie hat mich gesehen. Richtig gesehen. Als sie mir zum ersten Mal mein inneres Gefängnis spiegelte, war ich verletzt. „Oida, was willst du von mir? Ich kann ja nichts dafür, wie ich sozialisiert wurde“, dachte ich. Mein Ego war getroffen.
Aber genau dieser Moment war der Wendepunkt. Plötzlich wurde mir klar, wie sehr ich mich noch immer über den männlichen Blick definierte und wie weit ich mich dabei von mir selbst entfernt hatte. Ich musste mir eingestehen: Meine Werte waren klar. Aber ich lebte nicht nach ihnen.
Die Aufmerksamkeit von Männern war mein Quick-Fix, wenn ich mich unsicher fühlte. Sie gab mir Bestätigung, aber zu einem hohen Preis: meinem inneren Frieden. Viele nächtliche Journal-Seiten und Telefonate später ist die Stimme des Mannes in meinem Kopf so leise wie nie. Mit dieser Stille wurde meine eigene Stimme lauter. Heute weiß ich: Jede Person braucht eine Anđela. Jemanden, der dir liebevoll den Spiegel hinhält und dich zwingt, hinzusehen.
Yasmin Maatouk ist Wienerin mit ägyptischen Wurzeln und arbeitet als Social Media Host beim „Moment Magazin“.