Von Bianca Riedemann
„Meine Behinderung definiert mich nicht.“ Diesen Satz hört man in der Behinderten-Community öfter. Und ich verstehe, was gemeint ist. Es geht darum, nicht nur die Behinderung, sondern den Menschen dahinter zu sehen.
Der Satz ist eine Abwehrreaktion gegen eine Gesellschaft, die behinderte Menschen gerne auf Defizite reduziert. Er ist der Wunsch, als ganzer Mensch gesehen zu werden, nicht als medizinischer Befund auf Rädern. Und ja: Dieser Wunsch ist berechtigt.
Trotzdem habe ich mit dem Satz meine Schwierigkeiten. Denn ich könnte niemals behaupten, dass meine Behinderung mich nicht definiert.
Behinderung spielt eine Rolle. Eine große sogar. Nicht, weil ich das will, sondern weil die Welt so gebaut ist, dass sie mich ständig daran erinnert.
Meine Behinderung entscheidet mit, wohin ich reisen kann, wie lange meine Energie reicht und welchen Hobbys ich nachgehen kann. Sie spielt eine Rolle bei der Wahl von Restaurants, Kinos oder Friseur:innen. Sie bestimmt, ob ich spontan sein darf oder minutiös planen muss. Sie wirkt sich darauf aus, wie ich wohne und mit welchen Menschen ich gerne zusammen bin. Sie beeinflusst sogar meine Körperhaltung, mein äußeres Erscheinungsbild und wie ich von anderen wahrgenommen werde. Sie mischt sich ein in Fragen von Arbeit, Freizeit, Beziehungen und Selbstbild.
Auch meine Interessen haben sich im Laufe der Jahre in eine bestimmte Richtung entwickelt – auch deshalb, weil ich im Rollstuhl sitze und schon viele Erfahrungen im Leben mit Behinderung sammeln durfte.
Natürlich ist meine Behinderung nicht alles, was mich ausmacht. Aber sie ist ein Teil von mir, und zwar ein großer. Sie begleitet mich seit mehr als zwanzig Jahren und prägt mich als Mensch.
Der Leitsatz müsste meiner Meinung nach also lauten: „Meine Behinderung allein definiert mich nicht“. Ja, dem würde ich zustimmen.
Bianca Riedmann arbeitet von Vorarlberg aus beim inklusiven Medium „andererseits“. Als Rollstuhlnutzerin schreibt sie gerne Texte wie diesen, um einen Einblick in das Leben mit Behinderung zu geben.