Von Verena Kettner
Das Jahr 2026 ist noch keine zwei Wochen alt, als die Statistik in Österreich bereits zwei Morde an Frauen verzeichnet. Ein Cobra-Beamter tötete eine 34-jährige Steirerin, die Leiche der vermissten Johanna G. fand die Polizei verscharrt in einem Waldstück. In Niederösterreich erdrosselte ein 47-jähriger Mann seine 36-jährige Lebensgefährtin und versteckte sie in einem Erdkeller. Wie so oft heißt es in der Presseaussendung der Polizei, dass es davor zu einem „Streit“ gekommen sei. Gewalt und Morde an Frauen sind aber keine unvermeidliche Eskalation von Meinungsverschiedenheiten, sie „ereignen“ sich nicht, wie das – unter anderem – der Boulevard in seiner sensationsheischenden Berichterstattung darstellt. Einer Frau Gewalt anzutun, sie zu vergewaltigen oder zu töten, ist die aktive Entscheidung eines Täters, der viel zu oft hinter Passiv-Konstruktionen verschwindet. Taucht er doch auf, erfährt er nicht selten Empathie, während das mutmaßliche Verhalten des Opfers in all seinen Facetten seziert wird – „Himpathy“ nennt das die US-amerikanische Philosophin Kate Manne. Im Fall der getöteten Steirerin Johanna G. ließ sich das geradezu exemplarisch beobachten. Von einem „On-Off-Freund“ berichtete OE24, und von der Teilnahme des mutmaßlichen Täters bei der TV-Sendung „Ninja Warrior“. Die spekulative Berichterstattung gipfelte in der verharmlosenden, frauenverachtenden und vor allem gefährlichen Schlagzeile: „Tinder-Affäre brachte Fitnesstrainerin (34) den Tod“. Eine solch brutale Täter-Opfer-Umkehr nährt sich aus Vergewaltigungsmythen, die tief in unserer Gesellschaft verankert sind: Frauen, die sich auf einer Dating-Plattform anmelden, die es wagen, Beziehungsformen abseits der monogamen, romantischen Zweierbeziehung einzugehen, verletzen gesellschaftliche Normen, bringen sich vermeintlich in Gefahr und sind so zumindest mit Schuld an der Gewalt, die ihnen widerfährt. Das ist umso zynischer, als Vergewaltiger und Frauenmörder in den seltensten Fällen Fremde oder flüchtige Bekannte des Opfers sind, sondern der (Ex-)Partner oder ein Familienmitglied.
Über die strukturelle Verankerung geschlechtsspezifischer Gewalt zu informieren, wäre die Aufgabe von Medien. Im Fall von Johanna G. machte der Boulevard sie aber ein zweites Mal zum Opfer, wie „Kobuk“ analysierte. So wurde etwa der prominenten Anwältin des mutmaßlichen Täters eine Plattform geboten, die Tat als „Sex-Unfall“ verharmlost. Und unabhängig vom Tathergang im aktuellen Fall ist die gefährliche Normalisierung von nicht-konsensuellem Choking (Würgen beim Sex) ein Thema, das dringend mehr Aufmerksamkeit braucht.
Die „Krone“ wiederum porträtierte ihn als „Elite-Polizist und Kampfsportler“ und als „sexuell überaktiven Mann“, auf dem dazugehörigen Foto ist er mit freiem Oberkörper beim Training zu sehen.
Eine solche Berichterstattung dürfen wir nicht schulterzuckend als „typisch Boulevard“ hinnehmen – sie ist ein elementarer Baustein in der alltäglichen Frauenverachtung, die erst die Grundlage bildet für geschlechtsspezifische Gewalt. In die sensationalistische Medienlogik ist aber noch eine weitere Abwertung eingeschrieben: Frauen über 65 Jahre sind überdurchschnittlich häufig Opfer von Tötungsdelikten, in den Schlagzeilen tauchen sie sehr viel seltener auf – schließlich lassen sie sich nicht auf dieselbe Art sexistisch ausschlachten wie der Tod einer jungen Frau. Auch umfassende Studien dazu fehlen – weil Gewalt gegen Frauen immer noch nicht als jene Sicherheits- und Gesundheitskrise wahrgenommen wird, die sie ist. Seit Jahrzehnten pochen feministische Stimmen darauf, dass es den akuten Gewaltschutz ebenso braucht wie umfassende Prävention – die letztlich vor allem Gleichstellungspolitik in sämtlichen Lebensbereichen bedeutet. Auf den Schultern feministischer Mahnerinnen und engagierter Mitarbeiter:innen von Gewaltschutzeinrichtungen darf es aber nicht länger lasten, das Thema unermüdlich aufs Tapet bringen. „Gewalt gegen Frauen ist unser Problem. Als Männer. Damit ist es auch unsere Aufgabe, es zu lösen“, kommentierte Sebastian Fellner im „Standard“. Jeder einzelne ist gefragt.