Von LEA SUSEMICHEL
Die gläserne Klippe, „glass cliff“, nannten Michelle K. Ryan und Alex Haslam 2004 das Phänomen in Anlehnung an die gläserne Decke. Wird Letztere ausnahmsweise durchbrochen, finden sich viele Frauen nämlich unversehens direkt am Abgrund wieder. „In times of poor performance people may ,think female‘“, stellten die beiden britischen Psycholog*innen fest. Heißt: Wenn etwas den Bach hinuntergeht, dürfen ausnahmsweise Frauen ans Ruder. Ryan und Haslam hatten zuvor eine umfangreiche Studie durchgeführt. Das Ergebnis: Female Leadership gibt es oft nur dann, wenn die Leitung mit hohem Risiko und geringer Erfolgswahrscheinlichkeit einhergeht. Es zeigte sich klar ein statistischer Zusammenhang: Sehr viele Organisationen hatten sich vor der Leitungsübernahme durch Frauen (oder durch andere marginalisierte Personen, für die diese Regel ebenfalls gilt) in einer instabilen Situation befunden.
Dass Ingrid Thurnher nun nach den Belästigungsvorwürfen gegen Roland Weißmann und lauter werdenden Kritik an Machtmissbrauch im ORF zur interimistischen ORF-Generaldirektorin bestellt wurde, bestätigt also ein Muster, das sich seit der Begriffsprägung vor zwanzig Jahren offenbar nicht geändert hat. Es sind seither nur jede Menge neuer Fälle dazugekommen. Österreichisches Paradebeispiel für den „Glass Cliff Effect“ ist dabei zweifellos die Theaterfachfrau Karin Bergmann. Sie wurde nach dem Finanzskandal und dem Rauswurf von Matthias Hartmann interimistisch zur ersten – und weiterhin einzigen – Burgtheaterdirektorin berufen und wurde nach vollbrachter Aufräumarbeit 2019 von Martin Kušej abgelöst. Bloß interimistisch ist nun auch die Nachfolge, die sie bei den Salzburger Festspielen antritt. Ihr Vorgänger Markus Hinterhäuser war wegen mangelnden „Wohlverhaltens“ beurlaubt worden, seit April ist Bergmann die erste Leiterin des Festivals – bis Herbst 2027 allerdings nur.
Die Erste und Einzige war auch die 2024 verstorbene Brigitte Bierlein. Nach der Ibiza-Affäre und dem Bruch der blau-schwarzen Regierungskoalition wurde die Juristin und Verfassungsrichterin 2019 als Übergangskanzlerin Österreichs eingesetzt. Für ein halbes Jahr hatte Österreich also eine Bundeskanzlerin – dann durfte wieder Stabilitätsgarant Sebastian Kurz übernehmen. Auch das kein Einzel- oder Zufall. Die einschlägige Forschung zeigt, dass Frauen Machtpositionen durchschnittlich kürzer behalten. Gelingt ihnen die Wende, werden sie häufig gleich wieder abgelöst – in aller Regel von einem Mann, der von ihrem Krisenmanagement profitiert.
Besonders signifikant ist das Phänomen nicht nur in Politik und Kultur, sondern gut belegt auch bei Unternehmen. An der Universität Konstanz hat der Forschungsbereich „The Politics of Inequality“ ebenfalls eine Studie zum Thema durchgeführt: 26.000 Einstellungen in Führungspositionen in 4.000 US-Firmen wurden dabei berücksichtigt. Es zeigt sich: Die – weiterhin geringe –Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau einen Spitzenjob bekommt, steigt um satte fünfzig Prozent, wenn sich das Unternehmen in einer Krise befindet oder zumindest einen Umbruch durchlaufen muss, der die Leitung so riskant und unattraktiv macht, dass viele Männer dankend abwinken. Das kam zuletzt wohl auch Emma Delaney als neuer OMV-Leiterin in Österreich ebenso zugute wie Evelyn Palla, der neuen Chefin der Deutschen Bahn.
Ausgangspunkt für die eingangs erwähnte Forschung von Ryan und Haslam war übrigens ein Artikel gewesen, der Ursache und Wirkung verwechselte. Darin hieß es, dass die Performance von Unternehmen oft auffallend schlecht sei, sobald Frauen Führungspositionen übernehmen würden.
Ob auch das Aktienforum, die Interessenvertretung börsennotierter Unternehmen, diesen alten Denkfehler gemacht hat und Korrelation mit Kausalität verwechselt hat, als es in einer Aussendung kürzlich „den Erfolg“ gefeiert hat, dass eine ursprünglich geplante verpflichtende Geschlechterquote in Vorständen börsennotierter Unternehmen nun bloß in deutlich abgespeckter Form kommt, mehr Frauen in Vorständen also erfolgreich verhindert werden konnten? Oder war das einfach nur übler Sexismus?