Von Brigitte Theißl
Zoe Yu war 12 Jahre alt, als sich die MeToo-Bewegung auf ihrem Höhepunkt befand. Im College schließlich, so beschreibt sie es, waren die einst enthüllten Schrecken schon kaum ein Thema mehr. „Ich hörte mehr von den Auswüchsen von MeToo als von seinen Erfolgen und befürchtete, dass die Bewegung zu weit gegangen war“, schreibt Yu in einem Text im „New York Magazine“ über ihre „Post-MeToo-Generation“, die nun plötzlich ihren MeToo-Moment erlebe. Ihre Generation sei auch mit einer neuen Generation von Männern auf Augenhöhe aufgewachsen, so hatten sie es bisher wahrgenommen. Bis Cornell für sie und ihre Kolleginnen, die ebenfalls an einer Elite-Uni studieren, alles änderte, wie Yu schreibt. Sieben junge Männer an der US-Elite-Universität sollen eine Studentin stundenlang vergewaltigt und sich darüber in einem Gruppenchat mit 57 Mitgliedern ausgetauscht haben (siehe S. 12). „Shop still open?“, postete einer der Studenten lapidar.
Dass dieser erschütternde Fall um die Welt geht, hat auch damit zu tun, dass er sich an einer US-amerikanischen Elite-Universität abspielt. Auch in Delhi kam es Ende September nach einer Reihe brutaler Vergewaltigungen zu Massenprotesten an Universitäten. So hatten mehrere Männer mutmaßlich eine 17-Jährige vergewaltigt und ermordet. Misogynie, die laut Philosophin Kate Manne im Patriarchat die Funktion erfüllt, die Unterwerfung von Frauen durchzusetzen, ist in unsere Gesellschaft und all ihre Institutionen eingeflochten. Die Abwertung von Frauen – und queeren Menschen – geschieht nicht im Verborgenen, sondern im Tageslicht.
Männer versichern sich wie im Fall der Gruppenvergewaltigung in Cornell gegenseitig ihrer Männlichkeit, indem sie eine Frau herabwürdigen und sich in komplizenhaftes Schweigen hüllen. Nicht einer der 57 Mitglieder der Studentenverbindung im Gruppenchat hat die Polizei gerufen oder auch nur Bedenken formuliert.
Niemand weiß, wie viele ähnliche Verbrechen in der Vergangenheit nur deshalb nicht aufgedeckt wurden, weil bis heute alle stillschweigen, niemand weiß, wie oft wir künftig noch den Satz lesen werden: „Der Fall erinnert an Gisèle Pelicot.“
In Berlin steht dieser Tage Frank S. vor Gericht, der bis zu 59 Frauen betäubt, vergewaltigt und Videos der Tat geteilt haben soll. Im oberösterreichischen Marchtrenk soll ein 51-jähriger Mann seine Ehefrau gemeinsam mit mindestens einem weiteren Täter systematisch betäubt und vergewaltigt haben, sie erlag im Juni ihren schweren Verletzungen. Im vergangenen Jahr wurde in Österreich und Deutschland wegen ähnlicher Taten ermittelt und auch Urteile gesprochen, zuständige Minister:innen arbeiten daran, Lücken im Strafgesetz zu schließen – etwa Besitz und Weitergabe von Aufnahmen realer Vergewaltigungen als eigenen Straftatbestand zu erfassen. Maßnahmen wie diese sind zweifelsohne unerlässlich (ohne ein „Upskirting“-Verbot in Frankreich wäre die Polizei Dominique Pelicot übrigens erst gar nicht auf die Schliche gekommen). Zugleich ist klar, dass wir misogyner Gewalt nicht allein mit dem Strafrecht beikommen werden. Die Herabwürdigung von Frauen passiert nicht im luftleeren Raum, jene Post-MeToo-Ära, von der Zoe Yu schreibt, ist auch eine Ära, in der mächtige Männer in Politik und Wirtschaft ihre Verachtung für alles Weibliche ganz offen auf der Weltbühne zelebrieren, in der Content-Creators Misogynie in ein einträgliches Geschäftsmodell verwandelt haben. Das geschieht auf den wichtigsten Kommunikationsplattformen, die wir völlig unzureichend regulieren, wir haben uns schließlich längst daran gewöhnt, dass Menschenhass eine ihrer zentralen Botschaften sind.
Misogyne Gewalt aber beginnt bei sexistischen Witzen, die unwidersprochen bleiben, bei Fragen nach der Kleidung oder den sexuellen Vorlieben eines Vergewaltigungsopfers – und bei der schieren Gleichgültigkeit Frauenrechten gegenüber, die sich breitmacht.
Wir müssen Männern nicht beibringen, nicht zu vergewaltigen, sagte Kate Manne kürzlich in einem Podcast-Interview. Tatsächlich könne jeder sich ganz einfach mit anderen Personen darüber verständigen, nichts gegen deren Willen zu tun. Was Männer vielmehr lernen müssten: „to care“. Verantwortung zu übernehmen und zu sorgen, für sich selbst und für andere, für ihre Familie und ihre Nachbarschaft. Und sich vielleicht auch Kolleginnen im Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt anzuschließen, einem Kampf, den mutige, solidarische Feministinnen seit Jahrzehnten kämpfen müssen und der die Kraft dafür raubt, Utopien zu entwickeln von einer tatsächlichen Welt nach MeToo. Frauen nehmen ihn trotzdem immer wieder auf – jede Generation aufs Neue.