Was verbindet christliche Nationalisten mit den Technofaschisten rund um Elon Musk und Peter Thiel? Die Theologin Michaela Quast-Neulinger hat mit Lea Susemichel über die Misogynie und den absoluten Machtanspruch einer männlichen Elite gesprochen, die sich die Welt untertan machen will.
an.schläge: Die Einladung Peter Thiels durch die Wiener Festwochen hat im Frühsommer für heftige Proteste gesorgt, schlussendlich wurde er wieder ausgeladen. Milo Rau hat die Einladung damit begründet, dass ein Gespräch mit Thiel über Theologie und Religion sicherlich gewinnbringend sei. Sie haben Peter Thiel im Rahmen eines Innsbrucker Seminars bereits 2025 getroffen und mit ihm gesprochen. War es für Sie gewinnbringend, mit ihm über die Apokalypse und den Antichristen zu diskutieren?
Michaela Quast-Neulinger: Nein, war es nicht, zumindest inhaltlich nicht. Das, was er da verbreitet, sind wirre Theorien. Thiel verkauft etwas als christlich, was in keinster Weise christlich ist. Aber auch wenn dieses Gedankengut nicht besonders kreativ ist, ist das, was Thiel verbreitet, hochgefährlich. Es steckt sehr viel Geld und der Machtanspruch einer Elite dahinter, die die Welt beherrschen will. Was ich gelernt habe, ist mich zu schützen und alles zu tun, was möglich ist, um dieses Denken einzuhegen.
Sie forschen zu den globalen Netzwerken aus Technofaschisten und christlichen Nationalisten. Wie konnte es dazu kommen, dass religiöse Fundamentalisten in der US-Regierung inzwischen so viel Einfluss haben?
In den USA gibt es historisch ein anderes Verhältnis zwischen dem politischen und dem religiösen Raum. Viele, die auf den amerikanischen Kontinent geflüchtet sind, sind vor religiöser Verfolgung geflüchtet und haben Religionsfreiheit gesucht. Diese war sehr wichtig für das Selbstverständnis der später entstehenden USA. Im 20. Jahrhundert erstarken jedoch zunehmend Gruppen, die extremes, antidemokratisches Gedankengut verbreiten und auch ganz gezielt Religionsfreiheit infrage stellen. In den 1980er-Jahren gab es die extrem konservative „Moral Majority“-Bewegung, die christliche Rechte, die gezielt versuchte, Einfluss auf politische Entwicklungen zu nehmen und die auch stark gegen Frauenrechte Stimmung machte. Das Ganze entzündet sich u. a. am Equal Rights Amendment (ein Verfassungszusatz, der die Gleichberechtigung unabhängig vom Geschlecht rechtlich absichern soll, Anm.), das bis heute nicht vollständig ratifiziert wurde, sondern immer wieder gescheitert ist.
Unter Trump haben wir seit seiner ersten Amtszeit 2016 eine massive Zuspitzung eines christlichen Fundamentalismus. Auf der einen Seite sind Gruppen wie die sogenannte New Apostolic Reformation aktiv, die beanspruchen, eine direkte göttliche Eingebung bzw. Offenbarung gehabt zu haben, die ihnen gesagt habe: Trump ist der neue Kyros, also ein Werkzeug Gottes, das uns dienen und das System für uns stürzen wird. Das sind auch jene Gruppen, die am 6. Jänner 2021 das Kapitol gestürmt haben. Eine andere Gruppe, die in den letzten drei, vier Jahren massiv öffentlich Einfluss genommen hat, sind Katholiken. Und zwar die sogenannten Neo-Integralisten, die eine Art katholischen Gottesstaat errichten wollen. Es gibt unterschiedliche Strömungen, aber ein gemeinsames Leitmotiv ist oft: Das System muss gestürzt, die liberale Demokratie ausgehöhlt und durch eine Elite wissender Männer ersetzt werden. Frauen haben in diesem Regime dann keine öffentliche Funktion mehr, sondern werden auf die Rolle als Hausfrau und Mutter reduziert.
Warum ist Religion als Klammer so wichtig geworden für diese Netzwerke aus Nationalisten, Neo-Integralisten und die neuen Tech-Broligarchen?
Ich glaube, ein Teil dieser Gruppen ist wirklich davon überzeugt, dass sie in göttlicher Mission unterwegs sind, da steht die Überzeugung dahinter: Das ist es, was Gott will. Dann gibt es andere, die das einfach beinhart ausnutzen: Gott als das Absolute, das ich nutzen kann, um mein Regime als göttlich zu legitimieren und absolute Macht zu bekommen.
J.D. Vance ist das politische Scharnier zwischen Silicon Valley, christlichen Nationalisten und Neo-Integralisten. Die Brücke zum Technofaschismus rund um Musk, Thiel und andere ist der Hass auf Empathie – etwas, das als weiblich identifiziert wird, „weibische Laster“, die man ausmerzen müsse. Das wird von unterschiedlichen Akteuren geteilt, die nicht notwendigerweise direkt zusammenarbeiten. Da wird auch von einem Kampf gegen das „gynokratische Empire“ geschrieben. Diese Themen bespielt Musk auf Twitter, die Manosphere mit ihrem Kampf gegen Frauen greift das auf – das ist eine Welle, die sich gegenseitig verstärkt. Das bildet auch Brücken zu christlichen Gruppen, denen die katholischen Integralisten eigentlich feindlich gegenüberstehen, weil es ja nur die katholische Wahrheit gibt. Zum Beispiel die Gruppe um Doug Wilson, einem nationalistischen evangelikalen Theologen, der das Frauenwahlrecht abschaffen will, und der Pete Hegseth, dem selbsternannten Kriegsminister, nahesteht.
Droht uns auch in Europa durch das Erstarken rechtsextremer Parteien eine ähnliche Verschränkung von Politik und Religion?
Das sind globale Netzwerke. Es gibt Analysen, die ganz klar zeigen, wie etwa MAGA Einfluss auf Europa nimmt und Europa von innen zerstören will. Da spielen religiöse oder religiös motivierte Akteure eine zentrale Rolle, z. B. rund um die ADF oder eben auch die Heritage Foundation, wo viele aus einem sehr radikalen christlich-religiösen Spektrum kommen. Die Untersuchungen von „Justice for Prosperity“ zeigen diese Netzwerke deutlich auf.
Wieso ist die neue Religiosität so stark mit dieser ultrakonservativen Rechten verbunden, die sich vor allem dem Kampf gegen „Wokeness“ verschrieben hat? Warum gibt es so wenige laute kirchliche Stimmen, die klassisch christliche Werte wie Nächstenliebe und Empathie starkmachen?
Wir bemühen uns sehr, das starkzumachen. Aber das Problem ist: Diese Ideologien, diese Rede von der toxischen Empathie und der Technofaschismus, der dann religiös verstärkt wird, verbreiten sich massiv über Medien, vor allem über soziale Medien und Netzwerke, und über einzelne Player, die ganz gezielt agieren, wie eben Elon Musk und Peter Thiel. Daneben ist es extrem schwierig, überhaupt gehört zu werden. Das Beispiel der Neo-Integralisten macht das gut deutlich. Das war eigentlich eine sehr kleine Gruppe von Männern, die in den 80er-Jahren begonnen hat, sich zu vernetzen. Bis heute ist es numerisch eine kleine Gruppe. Aber durch die Vernetzung über die digitalen Medien und durch Geldgeber wird das riesig aufgeblasen.
Die große Herausforderung ist: Wie kann ein widerständiger Glaube starkgemacht werden? Schön langsam beginnt sich hier aber Widerstand zu formieren.
Auch in den USA?
Ja, es gibt vor allem auf Ebene der Gemeinden Widerstand, aber auch vonseiten der Bischofskonferenz und der Bischöfe. Diese Autorität ist wichtig: Der Bischof spricht, ihr seid nicht allein. Erst jetzt, in der zweiten Amtszeit von Trump, kommt das Erwachen, auch wenn manche natürlich schon früher gewarnt haben. Man kann nur hoffen, dass die guten pro-demokratischen, pro-pluralistischen Kräfte, die auch für eine Reform der liberalen Demokratie eintreten, gehört werden und mehr Zulauf finden.
Sie sagen, dass es falsch sei, nur von der Instrumentalisierung des Christentums zu sprechen. Weil es auch eine selbstkritische Auseinandersetzung darüber brauche, inwiefern theologische Denkmuster innerhalb der Kirche autoritäre Strukturen begünstigen.
Das betrifft vor allem die Frage, wie die Kirche selbst organisiert ist. Da ist seit Franziskus mit dem synodalen Prozess sehr viel in Bewegung gekommen, innerkatholisch entwickelt sich mehr Mitbestimmung und eine Form von gemeinschaftlicher Entscheidungsfindung. Wir brauchen innerhalb der Theologie aber auch eine gute Theorie darüber, wie sich die Lehre weiterentwickelt. Wir hatten ja das Zweite Vatikanum, bei dem viel aufgebrochen ist und Demokratie, Religionsfreiheit, Freiheitsrechte anerkannt wurden, aber das alles ist noch zu wenig in die Tiefe gegangen.
Man war auch lange zu lasch im Umgang mit extremen Positionen, wie lange hat man etwa den Pius-Brüdern zugeschaut– das war ein Fehler. In diesem Sinn braucht es wirklich theologische Selbstreflexion und ein ganz klares Bekenntnis dazu, dass sich Lehre weiterentwickeln kann. Wenn man nur sagt „Na, das alles ist jetzt nur ein Missbrauch von Religion“, macht man es sich zu leicht.
Das Verhältnis von Gerechtigkeit und Gott ist ja eine ganz zentrale theologische Frage: Steht Gerechtigkeit im Zweifelsfall über Gott?
Sie stellen wirklich die heißen Fragen … Ja, Gott ist das höchste Gute. Alles, was ungerecht ist, kann nicht von Gott stammen. Dabei müssen wir aber natürlich berücksichtigen, dass wir in unseren irdischen Verhältnissen beschränkt sind und danach suchen müssen, denn wir haben ja keinen Einblick in das Höchste. Aber ich glaube, das Entscheidende ist: Es gibt Wahrheit, es gibt Gerechtigkeit, es gibt das Gute. Diese Idee darf man nicht aufgeben und konstruktivistisch relativieren. Aber auf dem Weg zu diesem Guten muss man miteinander diskutieren, verhandeln, gute Argumente finden. Dann ist es möglich, zumindest eine Ahnung davon zu haben, was es wirklich bedeuten kann, ein gerechtes, gutes Leben für alle zu ermöglichen – und zwar wirklich für alle, nicht nur für mich selbst, das ist das Entscheidende.