Durch Labels wie „sustainable“ oder „conscious“ schmücken sich Fast-Fashion-Konzerne mit vermeintlicher Nachhaltigkeit. Doch die Textil-Müllberge, die global verschifft werden, wachsen immer weiter. Von Chiara Kohlmorgen
Kleiderberge, die auf der Straße rund um überquellende Altkleidersammelcontainer liegen, sind vielerorts in der Stadt zu sehen. Im Mai beschloss der Wiener Landtag deshalb ein Verbot der Sammelbehälter. Das Problem der wachsenden Textilmüllberge wird sich so allerdings nicht lösen lassen. Alleine in Österreich fallen jährlich etwa 225.000 Tonnen Textilabfälle an. Denn immer mehr Fast Fashion wird ebenso schnell entsorgt, wie sie gekauft wurde. Vier bis neun Prozent aller in Europa auf den Markt gebrachten Textilprodukte werden sogar ungetragen wieder vernichtet. Insgesamt ist die Modeindustrie für acht bis zehn Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich. An diesen ökologischen Problemen ändern auch Nachhaltigkeitsversprechen von Fast-Fashion-Konzernen wie H&M oder Mango nichts, die mit Rücknahmesystemen für gebrauchte Kleidung Greenwashing betreiben. Denn recycelt wird nur ein Bruchteil der gesammelten Kleidung.
Doch was passiert wirklich mit der Ware? Greenpeace Austria ging 2024 dieser Frage nach und stattete zwanzig Kleidungsstücke mit GPS-Trackern aus, bevor sie diese in Altkleidersammlungen entsorgte. Das ernüchternde Ergebnis: Kleidung aus Altkleidercontainern findet oft gar nicht den Weg zurück in den Secondhand-Markt oder die Wiederaufbereitung. Die Recherche zeigte vielmehr eine globale Reise der aussortierten Textilien: Über mehr als 81.000 Kilometer hinweg landeten die Kleidungsstücke durch mehrere Kontinente transportiert in Lagerhallen, wurden verbrannt oder auf Müllbergen in Afrika und Asien entsorgt.
Secondhand-Scam. Schätzungen der EEA zeigen, dass EU-weit nur rund zehn Prozent der gesammelten Kleidung lokal in Secondhand-Läden weiterverkauft werden, bilanziert Lena Gruber im an.schläge-Interview. Die Projektreferentin für ethischen Konsum und faire Lieferketten in der Bekleidungsindustrie bei der österreichischen Menschenrechtsorganisation Südwind erklärt, dass ein erheblicher Teil der Kleidung exportiert wird. Und: „Rund 40 Prozent der Altkleider, die in afrikanische Staaten exportiert werden, sind tatsächlich Müll.“
Aufgrund ihrer Materialzusammensetzung ist recycelte Kleidung meist nicht biologisch abbaubar. Gleichzeitig erhöhen die enthaltenen Chemikalien ihre Entflammbarkeit, was regelmäßig zu Bränden führt – oft werden Textilmüllberge auch gezielt und illegal verbrannt, um Platz für neue Ware zu schaffen. „Das belastet Luft, Böden und Gewässer massiv und hat gravierende Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit“, so Gruber. Laut einer Schätzung von Greenpeace Österreich wird weltweit jede Sekunde eine LKW-Ladung Kleidung verbrannt oder deponiert, um Platz für neue Ware zu schaffen.
Die Recyclingprogramme, die von Fast-Fashion-Unternehmen angepriesen werden, sind dabei vor allem eines: eine Marketingstrategie, klärt Gruber auf. Begriffe wie „conscious“, „green“ oder „sustainable“ dürfen aufgrund einer neuen EU-Regelung künftig nicht mehr einfach so verwendet werden – derzeit gibt es aber noch keinerlei Einschränkung und unabhängige Überprüfung. „Greenwashing funktioniert vor allem über Sprache, Bilder und gezielte Emotionalisierung“ – den Konsument*innen wird damit das trügerische Gefühl gegeben, sich verantwortungsvoll zu verhalten – während sich die Konzerne aus der Verantwortung stehlen.
Der Konsum und das Wegwerfen von Kleidung haben inzwischen ein enormes Ausmaß erreicht. „In Österreich kauft jede Person jährlich mehr als sechzig Textilartikel – also mehr als ein Kleidungsstück pro Woche – und entsorgt gleichzeitig rund 35 Stück pro Jahr. Das entspricht ungefähr dem EU-Durchschnitt“, so Gruber.
Postkoloniale Prekarisierung. Die globale Textilindustrie ist bis heute von neo-kolonialen und patriarchalen Ausbeutungsstrukturen geprägt, betont Gruber. Angefangen bei der Gewinnung der Rohstoffe über die Produktion bis zur Entsorgung von Kleidung zeigen sich koloniales Erbe sowie geschlechtsspezifische Machtstrukturen. Im Globalen Süden sind inzwischen unzählige Menschen im Secondhand-Sektor beschäftigt. Allein in Uganda reichen die Schätzungen etwa von 700.000 bis zu fünf Millionen Erwerbstätigen, legt Gruber dar. Der Großteil dieser Menschen arbeitet unter prekären Bedingungen mit enormer Einkommensunsicherheit und fehlender Absicherung. Zudem sind die Beschäftigten auf unkontrollierten Müllhalden und ohne Schutzkleidung erheblichen Gesundheitsrisiken ausgesetzt, führt Gruber aus. „Besonders Frauen sind häufig den gesundheitsschädlichsten Tätigkeiten ausgesetzt – etwa auf Müllhalden oder in informellen Sortier- und Recyclingstrukturen.“
System statt Symptome. Strengere Containerregeln hält Gruber für längst überfällig, betont aber zugleich, dass es wesentlich mehr braucht als das: „Die Verantwortung der Menschen in Europa sehe ich im politischen und gesellschaftlichen Bereich. Dazu gehört, sich für Menschenrechte und Umweltstandards einzusetzen, Unternehmen zur Verantwortung zu ziehen, politischen Druck aufzubauen, Lobbying sichtbar zu machen und Konsumentscheidungen kritisch zu hinterfragen.“ Damit Sammelsysteme wirklich funktionieren, braucht es aber vor allem mehr Mitbestimmung im Globalen Süden, unterstreicht Gruber. „Entscheidend ist die Regulierung von Fast Fashion und Überproduktion unter menschenunwürdigen Bedingungen. Wir müssen das System der Ausbeutung bekämpfen – nicht nur einzelne Symptome.“