Benzodiazepine werden gegen Angst und Schlaflosigkeit verschrieben. Doch immer mehr Menschen besorgen sich die Medikamente auf dem Schwarzmarkt. Die Gefahr einer Abhängigkeit ist extrem hoch – und betrifft überwiegend Frauen. In Wien rüttelte zuletzt der riskante Konsum unter Jugendlichen auf: Wie gefährlich ist die Substanz wirklich und warum greifen gerade junge Frauen zu den Benzodiazepinen? Eine Spurensuche in Wiener Beratungsstellen, Notschlafquartieren und bei Konsumentinnen einer Generation, die versucht, ihre Angst zu betäuben.
Von SOPHIA KRAUSS.
Mitarbeit: Irem Demirci, Flora Neubert und Brigitte Theißl
„14-Jährige tot: ‚Benzos‘ gefährlicher Trend bei Jugendlichen“, titelte der „Kurier“ im März 2024. Nachdem ein junges Mädchen tot in einer Wohnung in Wien-Simmering aufgefunden wurde, schlugen viele Medien Alarm: Der Tod sei im Zusammenhang mit Medikamentenmissbrauch gestanden, der missbräuchliche Konsum von Benzodiazepinen unter Jugendlichen stelle ein wachsendes Problem dar. Von den Titelseiten der Nachrichtenportale verschwand der Fall schnell wieder, eine toxikologische Einordnung blieb aus – ebenso wie eine nähere Betrachtung der Situationen von jungen Frauen, die „Benzos“ konsumieren.
Eigentlich werden Tabletten wie Alprazolam, das auch unter dem Markennamen „Xanax“ bekannt ist, oder Diazepam, besser bekannt als „Valium“, zur psychiatrischen Behandlung von Panik- und Angstzuständen oder Schlafstörungen verschrieben. Diese angstlösende und enthemmende Wirkung ließ „Benzos“ zuletzt auch zur Modedroge avancieren. So rappt der US-Amerikaner Isaiah Rashad 2016: „Just pop a xan, baby, make your problems go away.“ Die Songzeile bringt auf den Punkt, worum es beim Konsum von Benzodiazepinen oft geht: mit einer Tablette für einige Stunden alle Probleme und Ängste verschwinden zu lassen.
Wachsender Konsum. Darauf, dass der Konsum von Benzodiazepinen auch in Österreich unter Jugendlichen verbreitet ist, hat Ewald Lochner, Koordinator für Psychiatrie, Sucht- und Drogenfragen, gegenüber der APA bereits hingewiesen. Zwar sei kein allgemeiner Anstieg des Konsums illegaler Substanzen feststellbar, aber „seit Corona gibt es eine zunehmende Menge von jungen Menschen, die solche Benzodiazepine teilweise vermischt mit anderen Substanzen und teils sehr eskalativ konsumieren.“ Alarmierend ist auch, dass im Jahr 2024 die Drogennotfälle bei unter 18-Jährigen verglichen mit dem Vorjahr deutlich angestiegen sind. Fast dreißig Prozent häufiger kam es bei Minderjährigen zu Rettungseinsätzen wegen Rauschgiftintoxikation.
Wieso aber greifen junge Frauen oft zu beruhigenden und angstlösenden Substanzen? Gibt es genug unterstützende Angebote für Mädchen und junge Frauen in Wien? Und welche Auswirkungen hat es, dass bei der Wiener Suchthilfe nun massiv gespart werden soll?
Dass Benzodiazepine Risiken wie eine körperliche Abhängigkeit bergen, wurde auch lange von Mediziner*innen unterschätzt – und diese betrifft dabei wesentlich häufiger Frauen. „Grundsätzlich sind Männer von Suchterkrankungen häufiger betroffen als Frauen. Es gibt global gesehen nur zwei Substanzgruppen, die eine Ausnahme bilden und häufiger von Frauen konsumiert werden: Amphetamine und Benzodiazepine“, sagt die Psychiaterin und Suchtexpertin Gabriele Fischer im an.schläge-Interview.
Dass der Griff zu Psychopharmaka auch unter weiblichen Jugendlichen immer normaler wird, erlebt Nasrin Kashfi täglich in ihrer Arbeit als Coach bei der Mädchenberatung sprungbrett. Hier ist sie seit 15 Jahren tätig und versucht, junge Menschen, die eine Ausbildung oder die Schule abgebrochen haben, aufzufangen. Sie hilft ihnen dabei, einen strukturierten Tagesablauf zu entwickeln und wieder erste kleine Aufgaben zu bewältigen. Diese Begleitung ist eines von vielen Projekten des Vereins, der sich an junge Frauen und Mädchen sowie trans*, inter* und nicht-binäre Personen in der Altersgruppe von 11 bis 25 Jahren richtet. Die Räumlichkeiten des Vereins sind in einem Gebäudekomplex in der Hütteldorfer Straße untergebracht. Über mehrere Stockwerke erstrecken sich Gruppenräume, Werkstätten und Büros. Vor der Eingangstür chillt eine Gruppe Jugendlicher, die mir den Weg zeigt.
Nasrin Kashfi hat in den vergangenen Jahren viele Veränderungen beobachtet: „Viele der Jugendlichen, die bei uns sind, haben psychiatrische Diagnosen, zum Teil mehrere, und sind medikamentös eingestellt. Uns ist aufgefallen, dass gerade seit Corona viele Ärzt*innen relativ rasch Tabletten verschreiben, wenn Personen depressiv sind und es nicht mehr schaffen, das Haus zu verlassen. Es wird aber manchmal nicht gut begleitet, damit diese dann auch wieder abgesetzt werden können.“
Angst in der Pandemie. Dass die Corona-Pandemie Mädchen besonders zugesetzt hat, geht auch aus einem Bericht der deutschen Krankenkasse DAK aus dem Jahr 2022 hervor. 2021 waren die Behandlungszahlen bei psychischen Problemen allgemein zurückgegangen. Einzelne psychische Erkrankungen in bestimmten Altersgruppen stiegen jedoch deutlich an. So wurden 54 Prozent mehr Mädchen im Alter von 15 bis 17 Jahren aufgrund von Essstörungen behandelt. Bei Angststörungen gab es bei Mädchen ein Plus von 24 Prozent. Im Zuge ihrer Behandlung kam es auch zu einem verstärkten Einsatz von Medikamenten: Bei Neuerkrankungen stiegen die Verordnungen von Antidepressiva um 65 Prozent.
Antidepressiva bergen im Vergleich zu Benzodiazepinen ein viel niedrigeres Sucht- und Missbrauchspotential. Bei Angststörungen sind sie deshalb die medikamentöse Therapie erster Wahl. Allerdings braucht es bis zu acht Wochen, bis ihre Wirkung einsetzt. Menschen, die unter schweren Panikattacken leiden, müssen diese Zeit manchmal mit Benzodiazepinen überbrücken. „Sie können unerträgliche Angstzustände sofort lösen“, sagt Psychiaterin Katrin Skala. Ihre Wirkung setzt nach nur wenigen Minuten ein. In der Psychiatrie werden Benzodiazepine deshalb häufig verwendet: Sie reduzieren nicht nur Angst, sondern vermindern auch die subjektive Wahrnehmung von Stress. Außerdem wirken sie sedierend und können für akute Schlafprobleme verwendet werden.
Auch in Österreich hat COVID-19 viel verändert. Das ist das Ergebnis einer Repräsentativerhebung, die vom Anton-Proksch-Institut Wien in Auftrag gegeben und vom Institut für Sozialästhetik und psychische Gesundheit der Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien durchgeführt wurde. 26 Prozent der Befragten zwischen 16 und 92 Jahren gaben an, sich psychisch belastet zu fühlen. Mit ihrer Belastung stieg u. a. auch ihr Konsum von Benzodiazepinen an: 16 Prozent nahmen diese während der Pandemie mindestens einmal ein. Bei 48 Prozent der Personen, die Beruhigungsmittel einnehmen, kam es außerdem zu einer Zunahme des Konsums. Am häufigsten gaben Jugendliche und junge Erwachsene bis dreißig an, Benzodiazepine einzunehmen.
Nasrin Kashfi von der Mädchenberatung glaubt nicht, dass die Jugendlichen nur die Medikamente konsumieren, die sie verschrieben bekommen haben. Wie auch andere Interviewpartner*innen erzählt Kashfi von einem Schwarzmarkt für verschreibungspflichtige Medikamente. Dass Benzodiazepine einerseits legal verschrieben, andererseits illegal im Darknet oder auf der Straße verkauft werden, macht es laut Suchtforscherin Gabriele Fischer sehr schwer zu erforschen, wie viele Menschen diese Medikamente missbrauchen oder tatsächlich abhängig sind.
Wann beginnt Sucht? Die Frage, wann Sucht beginnt, ist ohnehin keine einfache – auch nicht für Spezialist*innen. Missbrauch liegt laut Psychiater Thomas Vanicek dann vor, wenn mit dem Substanzgebrauch körperliches oder psychisches Leid einhergeht, wenn durch den Konsum Organschäden entstehen oder man häufigeren Angstattacken ausgesetzt ist. Tatsächlich ist das bei Benzodiazepinen oft der Fall, berichtet Katrin Skala in einem Telefonat. Sie ist seit Sommer 2025 Chefärztin der Psychosozialen Dienste in Wien. „Benzodiazepine haben ein unglaubliches Abhängigkeitspotential. Bei einer Panikattacke habe ich das Gefühl: ‚Ich muss sterben!‘ – dann nehme ich eine Tablette und nach fünf Minuten ist alles gut. Natürlich werde ich das wiederholen wollen, sobald ich wieder eine Panikattacke bekomme.“ Das Problem beim regelmäßigen Konsum von Benzodiazepinen sei aber, dass die Substanzen das Gehirn dazu bringen, erregende Strukturen hochzufahren, erklärt Skala. Die nächste Panikattacke fällt dann schlimmer aus als die vorhergegangene. „Wenn ich diese Medikamente zu oft konsumiere, werden meine Angst und Panik auf Dauer also immer schlimmer. Das sind die ersten Schritte in Richtung Abhängigkeit.“
Von körperlicher Abhängigkeit spricht man hingegen ab dem Zeitpunkt, ab dem ein körperlicher Entzug auftritt. Auch eine solche kann bei Benzodiazepinen entstehen. „Ich werde beginnen zu zittern, zu schwitzen, unruhig zu werden. Ich kann nicht mehr schlafen und bekomme Herzklopfen“, beschreibt Skala diese körperlichen Zustände. Man könne jedoch nur schwer pauschalisieren, nach welcher Konsummenge und -dauer dieser einsetzt. „Der Entzug ist zwar nicht gefährlich, wenn es sich nur um eine Benzodiazepin-Abhängigkeit handelt – aber sehr unangenehm. Die einzige Gefahr besteht darin, dass es währenddessen zu einem epileptischen Anfall kommen kann. Das kann man durch andere Medikamente verhindern. Einen kalten Benzodiazepin-Entzug allein zu Hause würde ich nicht empfehlen“, sagt die Ärztin.
In der Info- und Beratungsstelle checkit! in der Gumpendorfer Straße in Wien werden u. a. persönliche Einzelgespräche, Konsumreflexion, Rechtsberatung und DrugChecking angeboten. Sie richtet sich damit vor allem an Freizeitkonsument*innen, Menschen mit schweren Suchterkrankungen sind dort seltener anzutreffen. Hier konnte man in den vergangenen Jahren keine Veränderung des Benzodiazepinkonsums junger Frauen bemerken. Dass Frauen aber tatsächlich eher zu beruhigenden Substanzen greifen, wird dort jedoch schon sehr lange beobachtet, schreibt checkit! auf Anfrage.
„Was kommt noch?“ Nasrin Kashfi ist hingegen überzeugt, dass bei den Jugendlichen im sprungbrett der Konsum von Benzodiazepinen zuletzt gestiegen ist. „Alles, was angstlindernd und beruhigend wirkt, oder auch euphorisierend, ist interessant. Die Jugendlichen versuchen, eine Lösung zu finden für all das, was schwierig ist. Sie versuchen, sich durch Konsum zu helfen.“ Viele junge Menschen würden derzeit eine Perspektivlosigkeit erleben, gerade dann, wenn sie aus schwierigen Familienverhältnissen stammen. „Es ist nicht besser geworden mit der Pandemie“, sagt Martina Fürpass, „als auf einmal die ganze Familie zu Hause saß, das Leben auf einen sehr engen Raum begrenzt war und es vielleicht keine Möglichkeiten gab, rauszugehen und im Gespräch zu bleiben.“ Doch nicht nur die Pandemie, auch die politische und wirtschaftliche Lage drückt auf die Stimmung junger Menschen. „Wir wissen es aus den Jugendstudien, dass vieles Jugendliche belastet, ob es der Krieg in der Ukraine ist, die Klimakatastrophe oder jetzt die Teuerung. Früher hat es dann irgendwann einen Lichtblick gegeben. Jetzt hat man eher das Gefühl: ‚Was kommt noch?‘“ Das belaste Jugendliche enorm, sagt Fürpass. „Vor allem, wenn sie niemanden haben, mit dem sie darüber reden können. Wenn es dann noch schulischen oder familiären Druck gibt, will man von alldem gar nichts mehr mitkriegen, sich in Watte einpacken.“
Sich zu fühlen, als sei man in Watte gepackt – so beschreiben viele, wie es ist, Benzodiazepine zu nehmen. Sie lassen die eigenen Sorgen und Ängste sofort dumpf werden.
Wie aber müsste dann ein sicherer ärztlicher Umgang mit diesen Medikamenten aussehen? In welchen Situationen sollte man sie verschreiben? „Ich sage es jetzt provokant, aber das ist wirklich meine Meinung: gar nicht“, sagt Katrin Skala. „Ich habe kein einziges Mal in meinem Leben ein Benzodiazepin-Rezept ausgestellt und ich bin ein Vierteljahrhundert als Psychiaterin tätig. Ich habe Benzodiazepine verabreicht und sie wirken wunderbar in akuten Situationen, aber ich würde sie niemals auf Rezept verschreiben.“
„Mother’s Little Helper“. Tatsächlich ist die Verschreibungspraxis vieler Ärzt*innen in den letzten Jahrzehnten verantwortungsvoller geworden. Nachdem das Benzodiazepin Diazepam 1963 unter dem Namen Valium erstmals auf den Markt kam, wurde es so massenhaft verschrieben, dass von einer „Epidemie“ die Rede war. Mitte der 80er-Jahre verschrieben Deutschlands Hausärzt*innen und Internist*innen jedem dritten Patienten ein Benzodiazepin. In den USA reichte bis in die 1970er-Jahre ein einziges Rezept für Valium aus, um eine fast unbegrenzte Menge des Medikaments zu erhalten. Es waren vor allem weiße Frauen aus der Mittel- und Oberschicht, die diese Rezepte bekamen. Das dürfte auch damit zusammenhängen, dass das Leiden von Frauen an den patriarchalen Verhältnissen historisch oft pathologisiert und als individuelle psychische Erkrankung behandelt wurde – oft eben auch medikamentös mit Beruhigungsmitteln – „Mother’s Little Helper“, wie sie schon von den Rolling Stones besungen wurden.
Inzwischen ist das Bewusstsein für die Risiken deutlich ausgeprägter unter Mediziner*innen. Zwischen 2010 und 2019 nahmen die ambulanten Verordnungen, die über gesetzliche Krankenversicherungen abgerechnet wurden, in Deutschland stark ab: von 39 auf 13 Millionen Tagesdosierungen. Trotzdem bekam 2022 in Deutschland etwa jede*r zwanzigste gesetzlich Krankenversicherte einmal im Jahr ein Medikament aus der Gruppe der Benzodiazepine oder der Z-Substanzen, die ähnlich wirken, verschrieben. Geschätzt 150.000 Österreicher*innen sind arzneimittelabhängig. Aufgrund der vermutlich sehr hohen Dunkelziffer liegt die tatsächliche Zahl aber wesentlich höher, es handelt sich wahrscheinlich um doppelt so viele Betroffene.
Katharina Watzl und Saskia Kamleitner sind als Sozialarbeiterinnen in einer Notschlafstelle für 14- bis 20-Jährige tätig. Es ist das einzige Notquartier für Minderjährige in Wien. Die Einrichtung verfügt über gerade einmal zehn Betten, wer dorthin kommt, lebt in besonders prekären Verhältnissen. Jugendliche und junge Erwachsene aus Wien können in der Notschlafstelle auch längerfristig nachts unterkommen, bis sie eine andere Unterkunft finden. „Ich habe schon vor der Pandemie hier gearbeitet, damals haben uns tendenziell häufiger junge Männer oder Jungen aufgesucht, es waren etwa zwei Drittel Jungs und ein Drittel Mädchen oder junge Frauen. Während und nach Corona sind immer mehr Frauen gekommen – und auch der Konsum hat sich seither verändert, hin zu verschreibungspflichtigen Medikamenten oder klassischen ‚Downern‘“, erzählt Katharina Watzl. Früher seien sie öfter in Berührung mit aufputschenden Substanzen oder Partydrogen gekommen.
Selbstmedikation. Diese Veränderung liege auch an der gestiegenen psychischen Belastung der ohnehin prekär lebenden Jugendlichen. „Oft scheint der Konsum eine Art Selbstmedikation zu sein – ein Versuch, das eigene Leid kurz ausschalten zu können. Diese Form des Konsums ist in meiner Wahrnehmung tatsächlich stark gestiegen. Und das liegt auch daran, dass es keine passenden psychosozialen Angebote für die Betroffenen gibt“, sagt Kamleitner. Die Jugendlichen, die zum Notquartier kommen, müssen oft sehr lange auf Hilfe warten. In der Wiener Kinder- und Jugendhilfe gibt es nur ein Krisenzentrum für Mädchen ab der Schulpflicht mit sehr langen Wartezeiten. Und gerade an dauerhaften Lösungen, wie betreuten Wohngemeinschaften und kassenfinanzierten Therapieplätzen, mangelt es. „Wir sind nur eine Notunterkunft und haben, abseits von Wochenenden und Feiertagen, nur in der Nacht geöffnet. Trotzdem wird erwartet, dass Betroffene tagelang, teilweise wochenlang bei uns bleiben, bis sie ein Folgeangebot bekommen. Das ist sehr prekär, denn tagsüber müssen sie rausgehen. Und was machst du, wenn du nichts zu tun hast? Du hast oft nur alte Strukturen, in die du reinfallen kannst“, ergänzt Watzl.
Es sind die prekäre Lebenssituation und oft auch traumatische Erfahrungen, die Sucht begünstigen können. „Ab dem 18. Geburtstag erhalten nur sehr wenige Personen weitere Angebote von der MA11, der Kinder- und Jugendhilfe. Das trifft Personen, die ohnehin aufgrund ihrer psychischen Situation belastet sind, besonders. Und es kann dazu führen, dass sie wohnungslos werden. Wohnungslosigkeit, auch in kurzen Perioden, ist traumatisch. Sie führt zu Folgeproblemen und verstärkt dann z. B. ihre Substanzabhängigkeit. Es ist ein sich wiederholender Kreislauf“, sagt Katharina Watzl.
Gender & Konsum. Aber nicht nur junge Frauen in sehr prekären Lebenslagen greifen zu Benzodiazepinen. Auch im studentischen Umfeld ist ihr Konsum zunehmend normalisiert. Einige bekommen sie von Psychiater*innen verschrieben. Die meisten kaufen sie aber auf dem Schwarzmarkt. In Berlin gibt es eigene Telegram-Gruppen, in denen ein Blister Alprazolam für rund 15 Euro verkauft wird. Man bekommt sie von Dealern auf E-Scootern bis vor die Haustüre geliefert. A. studiert Medizin, sie ist 26 und möchte anonym bleiben. „In schwierigen Prüfungsphasen konnte ich nach dem Lernen abends nicht einfach so abschalten. Ich war aber auf meinen Schlaf angewiesen. Also gab es Zeiten, in denen ich teilweise zwei Wochen lang jeden Tag Benzos genommen habe, einfach nur, um schlafen zu können“, erzählt sie. Während dieser Prüfungsphasen, so beschreibt es A., war sie von ständigen Versagensängsten, Panik und Stress geplagt. Der Druck habe sich teilweise unerträglich angefühlt. Trotzdem wollte sie keine*n Psychiater*in aufsuchen.
„Gender und Benzodiazepinkonsum hängen auch deshalb zusammen, weil Benzodiazepine Angst und Stress reduzieren. Wir wissen, dass bei Mädchen und bei Frauen generell Angsterkrankungen und Depressionen häufiger vorkommen“, sagt Psychiater Thomas Vanicek im an.schläge-Gespräch. Dabei zeigen epidemiologische Daten, dass weder Männer noch Frauen das psychisch „kränkere“ Geschlecht sind. In ihre Symptomatik fließen jedoch unterschiedliche geschlechtsrollentypische Aspekte mit ein: Während Männer häufiger Suizid begehen oder eine Alkoholabhängigkeit entwickeln, wird bei Frauen doppelt so häufig eine psychiatrische Erkrankung wie eine Depression diagnostiziert. Von einer Medikamentenabhängigkeit sind Frauen dreimal häufiger betroffen als Männer. Besonders gefährdet, eine Depression zu entwickeln, sind verheiratete, erwerbslose Frauen zwischen 25 und 45 Jahren mit niedriger Formalbildung, niedrigem sozioökonomischen Status und mehreren Kindern. Gerade Armut wirkt sich drastisch auf die psychische Gesundheit aus – wobei auch hier Frauen stärker betroffen sind.
Scham, die verdeckt. A. beschreibt den Drang, sich nichts von ihren Problemen anmerken zu lassen. „Ich empfand Scham über mich selbst, weil ich den Konsum in dieser Zeit so sehr gebraucht habe.“ A. war nie körperlich abhängig von Benzodiazepinen. Trotzdem passen ihre Schilderungen zu dem, was viele der befragten Expert*innen über geschlechtsspezifische Faktoren beim Drogengebrauch berichten. Weibliche Konsumierende würden ihren Drogengebrauch häufiger verbergen wollen, erklärt der klinische Psychologe Daniel Sanin. Sanin war zwischen 2012 und 2019 beim Wiener Suchthilfeverein Dialog in der Beratung tätig. Zuvor hatte er in der Sucht- und Drogenkoordination Wien in der Prävention gearbeitet. Während Frauen sich schämen würden, sei der Substanzgebrauch von Männern oft sichtbarer. Nasrin Kashfi von sprungbrett ergänzt, dass Frauen trotz Sucht länger „funktionieren“ würden als Männer. Und auch die Mitarbeitenden der Jugendnotschlafstelle bekräftigen: „In der Sozialen Arbeit spüren wir, dass Mädchen viel weniger auffallen und dass es vielleicht auch deshalb weniger Angebot gibt. Ihre Probleme sind verdeckter und viele Angebote beziehen geschlechtsspezifische Aspekte gar nicht mit ein.“
„Das Elend des Geschlechterverhältnisses taucht natürlich auch in den Wegen hin zum Drogenkonsum auf“, sagt Daniel Sanin. Die Forschung zeigt, dass Jungen oft über ihre männliche Freundesgruppe einsteigen. Mädchen wiederum konsumieren und injizieren oft zum ersten Mal Substanzen, die ihr männliches Umfeld beschafft hat. Verdeckt ist häufig auch die Wohnungslosigkeit junger Frauen. Sie nehmen missbräuchliche Beziehungen in Kauf, um eine Unterkunft zu haben. „Manche jungen Frauen erzählen uns davon, dass sie Beziehungen mit sehr viel älteren Personen eingehen. Am Rande bekommen wir manchmal mit, dass sich viele der Mädchen und jungen Frauen in Wohnungen voller Männer aufhalten. In diesen Wohnungen kommt es häufig zu sexuellen Übergriffen und Drogenkonsum. Aber ins Detail wollen sie im Gespräch mit uns oft nicht gehen“, erzählt Katharina Watzl. Manchmal übernachten junge Frauen in Wohnungen, bei denen die Sozialarbeiterinnen davon ausgehen, dass dort ihre Dealer leben. „Wir wissen aber auch, dass Mädchen Substanzen gegeben werden, in denen andere Substanzen als die erwarteten gemischt sind, die stark abhängig machen. Damit werden sie in die Sucht geführt“, sagt Kamleitner. Auch der Psychologe Daniel Sanin betont den Zusammenhang zwischen problematischem Konsum und verdeckter Obdachlosigkeit. „Viele Frauen leben nämlich nicht offiziell auf der Straße, aber sie haben keinen eigenen Wohnsitz und wohnen bei irgendwelchen Männern.“ Dann würden sich häufig geschlechtsspezifische Machtverhältnisse reproduzieren, z. B. Drogen gegen Sex. „Das muss gar nicht Prostitution im klassischen Sinne sein, was es natürlich auch gibt, sondern Überlegungen wie: ‚Er lässt mich bei sich wohnen, also muss ich Sex mit ihm haben.“
Dichteres Netz. Christina Stiftel, Betriebsrätin der Suchthilfe Wien, kann das bestätigen: „Aus Angst, allein auf der Straße leben zu müssen, beginnen junge Frauen manchmal Beziehungen, in denen ihnen Gewalt widerfährt und in denen sie Missbrauchserfahrungen machen. Besonders für Mädchen ist es deshalb umso wichtiger, ein ausreichendes Angebot zu schaffen, damit sie sich sicher sind: ‚Ich kann für mich selbst sorgen. Ich habe Perspektiven. Ich bin nicht von irgendjemanden abhängig‘“, so Stiftel. Vor allem für jungen Frauen sei es wichtig, eine Perspektive zu haben – und die Möglichkeit, für sich selbst zu sorgen. Auch in ihrer Arbeit wird deutlich, dass seit der Pandemie viele Jugendliche mit ihren Problemen allein gelassen wurden: „Die Pubertät an sich ist schon eine große Herausforderung. Wir haben immer jüngere Klient*innen, die nirgends aufgefangen werden.“ Es braucht dringend mehr Angebote, auch solche, die geschlechtssensibel arbeiten – darin sind sich viele der Expert*innen einig. Martina Fürpass, Geschäftsführerin von sprungbrett, bekräftigt: „Es braucht Präventions- und Beratungsstellen, die speziell für Frauen, junge Frauen, Mädchen und trans Personen da sind. Für trans und non-binäre Personen gibt es ja nochmal andere Gründe, warum sie eventuell zu Suchtmitteln greifen. Es ist sehr wichtig zu schauen, was die spezifischen Gruppen brauchen.“
Fürpass fordert zudem ein dichteres Netz von Beratungsstellen ein, das eng kooperiert. „Das sprungbrett ist keine Drogenberatungsstelle, es muss ein funktionierendes Netz geben, das zusammenarbeiten kann. Je mehr Angebote, desto besser. Es hat uns wirklich schockiert, dass gerade jetzt im Bereich der Suchthilfe eingespart wird. Das ist eine, aus unserer Sicht, absolute Katastrophe.“
Aufgrund der wirtschaftlichen Situation in Österreich sei auch die Stadt Wien dazu aufgerufen, einen Beitrag zur Budgetkonsolidierung zu leisten, sagt der Chef der Sucht- und Drogenkoordination Ewald Lochner gegenüber an.schläge. Dennoch sei die Versorgung von Betroffenen gesichert. „Die Behandlung von Menschen mit einer Suchterkrankung hat oberste Priorität“, so Lochner.
Allerdings wird die Stadt Wien künftig u. a. bei der Arbeitsmarktintegration für suchtkranke Menschen große Einschnitte machen. Zwei Teilbetriebe der Suchthilfe Wien müssen schließen. Sie kümmerten sich bislang um ein Beratungsangebot für arbeitssuchende Menschen mit Abhängigkeitserkrankung. „Die Arbeitsmarktintegration bietet ganz vielen Menschen eine Perspektive. Ihnen wird die Möglichkeit gegeben, etwas an ihrer Situation zu verändern und wieder Stabilität zu bekommen, eine Wohnung zu finden und ihren Selbstwert zu stärken“, sagt Betriebsrätin Christina Stiftel. Viele dieser Menschen hätten einen Lebenslauf mit sehr vielen Lücken und es sei schwer für sie, auf dem regulären Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Die Arbeitsmarktintegration habe Menschen dabei geholfen, ihre gesellschaftliche Teilhabe aktiv gestalten und sich auch mal etwas leisten zu können – und wenn es nur der Kaffee mit Freund*innen sei. „Unsere Klientinnen sind oft ausgegrenzt und erfahren sehr viel Stigmatisierung. In der U-Bahn setzen sich Leute weg von ihnen, man wird schnell abgestempelt. Die Betriebe, die jetzt schließen müssen, haben den Menschen geholfen, wieder einen Platz in der Gesellschaft zu finden“, sagt Stiftel.
„Seit den Kürzungen in der Sozialwirtschaft wissen wir nicht, wie es in den kommenden Jahren weitergehen wird“, heißt es auch vonseiten der Jugendnotschlafstelle. Außerdem würden Notquartiere in große Bedrängnis kommen, wenn andere Sozialsysteme nicht mehr funktionieren.
„Ich habe manchmal das Gefühl, dass viele glauben, die jugendlichen Mädchen seien ein bisschen selbst schuld an ihrer Situation. Es wird vergessen, wie viel Leid sie schon erleben mussten und wie oft sie in ihren Leben schon aufgrund von äußeren Umständen gescheitert sind. Diese Mädchen kommen nicht konsumierend auf die Welt. Diese Mädchen kommen nicht psychisch krank auf die Welt. Wenn man nicht versteht, dass man Kinder von Anfang an unterstützen und schützen muss, dann wird es weiter passieren“, mahnt Saskia Kamleitner von der Notschlafstelle im Gespräch ein.
Kein „Drogenproblem“. Der klinische Psychologe Daniel Sanin steht dem Diskurs um Suchterkrankung insgesamt kritisch gegenüber. Viel von dem, was als Krankheit verhandelt werde, sei zu einem großen Teil durch den sozialen und gesellschaftlichen Umgang mit drogengebrauchenden Menschen verursacht. „Provokant formuliert ist es so, dass das vermeintliche ‚Drogenproblem‘, das im Stadtbild auftaucht, kein Drogenproblem ist, sondern ein Problem von Ausgrenzung, Armut und Perspektivlosigkeit – und natürlich auch von Repression.
Personen, die am selbstzerstörerischsten konsumieren, haben in der eigenen Biografie in der Regel auch sehr viel Zerstörung und Beschädigung erlebt – durch Gewalterfahrungen in allen Formen, von körperlich über sexuell bis psychisch, Verwahrlosung, Vernachlässigung.“
Entsprechend fordert Sanin auch eine völlig andere Haltung im Umgang mit Betroffenen ein. „Man muss Leuten grundlegend die Existenzangst nehmen, auf materieller Ebene – und auch auf psychischer. Es sollte darum gehen, Menschen zu vermitteln: ‚Es ist okay, du musst jetzt nichts leisten. Alles ist gut. Es gibt ein Netz und wir tragen dich mit.‘ Das passiert in unserer Gesellschaft aber leider nicht. Es heißt eher: ‚Wir unterstützen dich, damit du schnell wieder auf die Beine kommst, aber eigentlich sollst du bald wieder leisten.‘“
Gerade in der Jugend erlebt man viel Stress und gesellschaftliche Verunsicherung, auch junge Frauen. „Wer in der Jugend psychische Probleme hat, hat ein höheres Risiko, in seinem späteren Leben wieder darunter zu leiden“, sagt Jugendpsychiater Vanicek. Auch deshalb sei es so wichtig, dass gerade junge Menschen möglichst früh aufgefangen werden.
Dass es vor allem Mädchen und junge Frauen sind, die sich anpassen und weniger auffallen, die oft unentdeckt mit seelischem Leid und Sucht kämpfen, macht sie vulnerabler für Gewalt und Ausbeutung. Das betrifft auch queere Personen, die in vielen sozialarbeiterischen Konzepten noch immer kaum vorkommen. Zahlreiche Studien belegen, dass junge Frauen sehr viel stärker mit psychischen Problemen kämpfen – darauf müssen wir gesellschaftlich reagieren. Stadtpolitik mag keinen unbegrenzten Handlungsspielraum haben, aber sie entscheidet am Ende darüber, ob wichtige Hilfsangebote existieren oder nicht. Bei den verletzlichsten Gruppen zu sparen, ist auch mit Budgetdisziplin nicht zu rechtfertigen – es ist eine kurzsichtige Strategie mit möglicherweise dramatischen Folgen.
Ermöglicht wurde die Reportage durch das Stipendium „Recherche:Wien” des Forums Journalismus und Medien Wien (www.fjum-wien.at)